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Lokales Christian Kühn: Das Reich des Komödianten
Dresden Lokales Christian Kühn: Das Reich des Komödianten
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11:00 01.01.2018
Zuhause bei Christian Kühn Quelle: Dietrich Flechtner
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Dresden

Die Haustür öffnet sich, ohne dass irgendjemand vorher auch nur in die Nähe des Klingelknopfes gekommen wäre. Das liegt aber offenbar nicht an gut versteckter Überwachungstechnik, sondern eher schlicht an der im unteren Stockwerk angesiedelten Physiotherapie. Deren Kunden – oder sind das Klienten? Patienten? – soll wohl der Zugang erleichtert oder dem Praxispersonal das nervige regelmäßige Klingeln erspart werden. Egal. Der Weg führt im Aufzug bis ganz nach oben. Dort gibt die sich öffnende Tür den Blick frei auf lindgrün gestrichene Raufasertapete, im Treppenhaus wohlgemerkt. Der eigenartige Charme der 1990er.

Doch hinter der Tür mit dem Klingelschild „Kühn“ tut sich sofort eine andere Welt auf, wie ein Gegenentwurf. Christian Kühn bittet lächelnd herein in seine Maisonette-Wohnung – und trägt wie immer Basecap, diesmal in heller Variante. Ein Markenzeichen? „Es ist ja auch so etwas wie ein offizieller Termin“, antwortet er auf diese Frage – und schmunzelt dabei. Wie viele dieser Kappen hat er eigentlich schon? Gekauft oder geschenkt bekommen? Etwa zwei Dutzend sind es, sagt er. Und er kaufe sie selbst, farblich so, dass sie zu seinen Klamotten passen, versteht sich.
Stilbildend ist Christian Kühn in Dresden dabei schon seit Jahren: im komischen Theaterfach. In der Landeshauptstadt zählt er zu den bekannten Bühnengesichtern, zu Hause ist er in der Comödie. Dort steht der vielfach Talentierte nicht nur auf der Bühne, sondern schreibt und inszeniert auch. 2012 übernahm er im zarten Alter von 29 Jahren den Intendantenposten der Comödie von Jürgen Mai – auf der Liste der jüngsten Theaterintendanten im deutschsprachigen Raum dürfte er damit relativ weit oben stehen. Und die Bühne selbst ist schließlich auch nicht ohne, schließlich zählt Sachsens größtes Privattheater gut 640 Plätze, die regelmäßig gut ausgelastet sein wollen und müssen.

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Heute sind wir zu Gast bei Christian Kühn, der als einer der jüngsten Theaterintendanten Deutschlands die Geschicke der Comödie Dresden leitet.

Mittlerweile ist Kühn 35 Jahre alt und seit ziemlich genau einem Jahr in der Dresdner Neustadt zu Hause. Zuvor lebte der gebürtige Karl-Marx-Städter in der Johannstadt, in der Nachbarschaft zur Tenza-Schmiede. Dort war besonders die Nähe zur Elbe ein Plus. Vor allem für Jesper, Kühns Hund. Den hat der Hausherr nun erstmal auf Balkon und Terrasse verbannt, lässt ihn aber sofort wieder rein, als sich keiner der Gäste als Hundeallergiker entpuppt. Und so tollt der siebenjährige Labrador um die Beine der Neuankömmlinge, neugierig und lebhaft. Bei Herrchen ist er immer dabei, auch im Theater. Dort hat Jesper reichlich Gesellschaft, denn „wir sind eh ein Hundetheater“, wie Kühn anfügt. Auch die Kollegen bringen ihre Vierbeiner regelmäßig zum Proben mit.

„Hoffentlich sieht man auf den Fotos keine Hundehaare.“

Bevor Kühn mit Hund auf dem großen Sofa vor der riesigen Fensterfront posiert, wischt er noch einmal über den kleinen Tisch. „Hoffentlich sieht man auf den Fotos keine Hundehaare“, sagt er. Seine Putzfrau sei nämlich gerade krank. Apropos: Ob er die vielen Fenster selbst putzt? „Nein, das macht jemand für mich“, gibt er lachend zu.
Raum und Geschmack gehen in Kühns Wohnung eine Liaison ein. Die besagte große verglaste Ecke lässt den Blick aber auch sofort wieder nach draußen wandern, Innen und Außen ergänzen sich. Selbst jetzt, als die Dunkelheit schon über die Stadt gefallen ist. Man könne, bezeugt der Hausherr, ohne weiteres auch bis nach Radebeul schauen. Der Abend bleibt diese Möglichkeit zwar schuldig, aber die belebte Straße unter uns – oder besser: die Ahnung von ihr, denn das Geräusch der Stadt bleibt draußen – reicht für den Moment durchaus. Das noch Urbanere, daraus macht Kühn keinen Hehl, war einer der vorrangigeren Gründe, warum er schließlich gen Neustadt gezogen ist.

Und doch erfüllt sich auch hier nicht alles. „Ich hätte gern eine offene Küche“, sagt er bedauernd. Es ist einer der wenigen Wünsche, den Kühns Bleibe offen lässt. Hier bilden Küche, Flur und Wohnzimmer eine räumliche Einheit. Die Wände, die früher ebenfalls Raufaser trugen, sind nun frei von Tapete und farblich zurückhaltend, die Decke ist Sichtbeton, „alles etwas moderner“, wie Kühn fast lapidar anfügt.

In der pragmatischen Küche fällt sofort ein hölzerner Zweisitzer auf, ein Klappsitz-Pärchen, wie man es aus ganz alten Kinos kennt. Für diesen Platz habe er genau so etwas gesucht und sich dann auf Flohmärkten entsprechend umgesehen, erzählt Kühn. Im Flur grüßt ein kupferfarbenes Rohrsystem von der Decke, das in Lampen mündet. Fündig sei er da bei einem italienischen Designer geworden. Und den großen groben Esstisch habe er von einem Berliner Tischler anfertigen lassen. Dezent und individuell, zweifellos.
Was aber den unteren Wohnbereich vor allem kennzeichnet: Raum. Der macht sich auf der Treppe nach oben durch den anderen Blickwinkel noch einmal nachhaltig bemerkbar. Kein Wunder, dass Jesper diesen Platz entsprechend auszufüllen versucht mit seiner Agilität. Der dunkel marmorierte Boden ist dabei genau richtig für die Lebensfreude des Labradors. Nicht auszudenken, was die Hundekrallen aus versiegeltem Parkett machen würden.

Oft bleibt ihm leider keine Zeit, Gastgeber zu sein

Aus dunklem Holz die Stufen, aus dunklem Metall das Geländer. „Das war klinikweiß, und die Stufen aus hellem Holz“, erinnert sich Kühn. Die Fensterrahmen, die nun grau sind, haben vorher türkis ausgesehen, wie er noch erzählt. Da stellt sich schon die Frage: Wer kommt eigentlich auf solche Farbgebungsideen?
Oben jedenfalls erstrecken sich Schlafzimmer, Gästezimmer, Bad – und eine Leseecke. Ein schmales Bücherregal weist den Weg hin zu einem gelben Sessel, von dem aus man, falls die Lektüre doch langweilen sollte, einen erstklassigen Blick Richtung Bahnhof Neustadt hat. „Mein Lieblingsplatz“, sagt Kühn ganz einfach. Man glaubt es ihm sofort.
An den Wänden findet sich Kunst, gekaufte. Über dem Esstisch hängt das eigenwillig farbige Porträt einer Kuh. Das habe er in New York einem Straßenkünstler abgekauft. Diese Stadt ist für Kühn auch so etwas wie ein Sehnsuchtsort. Einmal pro Jahr statte er ihr einen Besuch ab, wenn es sich irgendwie einrichten lasse. Ein wenig Bedauern klingt dann mit Blick auf das Gästezimmer an. Er habe zwar gern Gäste, aber oft bleibe ihm einfach keine Zeit dafür, Gastgeber zu sein.

Neben der Treppe hat Kühn einen künstlichen weißen Kamin platziert, in dem brennende Kerzen aufgestellt sind. Ein wenig Heimeligkeit. Ein paar Schritte weiter weckt ein viertüriger Spindschrank beim Besucher dann ganz andere Assoziationen: Er lässt Bilder aus der eigenen Ausbildungszeit zum Schlosser erstehen, wo ganz ähnliche Spinde in Gebrauch waren. Plötzlich scheint der Geruch von Diesel, Öl und Handwaschpaste wieder in der Luft zu hängen. Was überrascht, schließlich entstehen solche Erinnerungen meist umgekehrt, von einem Geruch ausgelöst, ein Bild evozierend. Doch die kurze Rückblende verfliegt so rasch, wie sie gekommen ist.

Kühn ist hier zu Hause, im Moment jedoch auf dem Sprung. Am nächsten Tag wird er nach Kuba reisen, „ein paar Tage ausspannen“. Wenn dieser Text erscheint, ist der Schauspieler, Autor, Regisseur und Intendant aber sicher schon längst wieder zurück. Denn die Arbeit ruft – und er hat für „sein“ Haus, die Comödie, immer noch Träume, die umgesetzt werden wollen. Das wird ihn sicher noch ein paar Jahre in Dresden halten. Und dann? Wer weiß. New York soll ja auch ganz schön sein.

Von Torsten Klaus

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