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Lokales Christen zwischen Plattenbauten in Dresden-Gorbitz
Dresden Lokales Christen zwischen Plattenbauten in Dresden-Gorbitz
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20:31 09.09.2015
Findet in Dresden-Gorbitz kaum intakte Familien: Pastor Rainer Klotz will deshalb mehr tun als nur predigen. Sein Anspruch lautet "Jesus erleben - Jesus vorleben". Quelle: Dietrich Flechtner

Zehn Jahre ist das her. Rainer Klotz, der in Langebrück mit Frau und drei Töchtern im eigenen Haus wohnt, arbeitete damals noch als Prüfingenieur bei der Kraftfahrzeug-Überwachungsorganisation Dekra. Zu Beginn des neuen Jahrtausends hatte er ein "Berufungserlebnis", so nennt es der heute 54-Jährige, der zu "Elim" gehört, der freien Pfingstgemeinde an der Bischofswerder Straße in der Neustadt. "Es war sozusagen mein Sprung von kaputten Autos zu kaputt gespielten Menschen." Manche hätten damals den Kopf geschüttelt, erinnert er sich. "Gorbitz? Da gibt's doch keine Christen."

"Gerade deswegen", hat Klotz ihnen entgegnet. "Weil wir christlichen Glauben und Werte denjenigen nahe bringen wollen, die das überhaupt nicht kennen." Hier, in der "Platte" hatte er ja selbst einmal gelebt. Acht Jahre, Ende Achtziger, Anfang Neunziger. Als das noch begehrte, da mit allem Nötigen ausgestattete Wohnungen waren.

Mittlerweile hat der Stadtteil eine bunt gemischte Bevölkerung: Langzeitarbeitslose, Menschen, die von Sozialleistungen leben, aber auch Studenten, junge Familien, Rentner. Das ganze breite Spektrum findet Rainer Klotz, der 2007 seinen Beruf an den Nagel hängte und Pastor wurde, in seiner Gemeinde. Von jungen Müttern mit Babys bis zu Senioren, von sozialen Problemfällen, Alkoholikern, bis zu ordentlich verdienenden Doktoren.

"Eine ganz gute Mischung." Nicht unwichtig für das Funktionieren der Gemeinde. Denn die finanziert sich, Gehalt des Pastors eingeschlossen, aus Spenden ihrer rund 60 Mitglieder. Öffentliches Geld, von der Stadt beispielsweise, bekommt sie nur für einzelne Projekte, in denen die Mitarbeiter auch etwas für den Stadtteil tun.

Zusammen arbeitet die Gemeinde mit dem christlichen Sozialverein "Stoffwechsel". Der hat seinen Hauptsitz in der Neustadt, veranstaltet aber hier für Schüler den "Stoffi-Kids-Club". Jetzt im Winter in der "Oase", vom Frühjahr an wieder auf dem Sportplatz am Wölfnitzer Ring.

"Wir finden hier im Stadtteil kaum intakte Familien", konstatiert Pastor Klotz. "Die stabile Vater-Mutter-Kind-Beziehung ist die Ausnahme." Zerbrochene Bindungen prägen tief, weiß er. "Sie sind sehr reserviert. Die Angst vor Enttäuschung ist spürbar." Da darf er nicht missionarisch mit der Tür ins Haus fallen. "Das Wichtigste ist zunächst Vertrauen. Dann kann ich auch über mein christliches Leben erzählen."

Achten muss er auch darauf, in welcher Sprache er das tut. "Wir sind ja fromm sozialisiert und kennen solche Begriffe wie Sünde, Buße, Himmel." Aber wer noch nie eine Bibel aufgeschlagen hat, macht sich seine eigenen Vorstellungen. Als Klotz mal von der "Liebe zum Nächsten" redete, blickten einige Frauen fassungslos drein. Auf seine Nachfrage stellte sich heraus: Sie hatten das als Aufforderung verstanden, den Partner zu wechseln, also sich "dem nächsten" zuzuwenden.

Predigen allein reicht nach Ansicht des Pastors und seiner Gemeindemitglieder sowieso nicht. Ihr Anspruch ist höher. Er steht an der Stirnwand des Gottesdienstraumes geschrieben: "Jesus erleben - Jesus vorleben". Den Christen erkenne man nicht am sonntäglichen Kirchgang, sondern in seinem Alltag, sagt Rainer Klotz. Die Gottesdienste, zu denen zwischen 60 und 90 Leute kommen, mehr als die Mitglieder also, versteht er weniger als "Tankstelle", eher als Ort, wo man eigene gute Erfahrungen mit Gott aus dem täglichen Leben ins Gemeinschaftserlebnis einspeist.

Deshalb ist in diesen Versammlungen, in denen zu poppiger Musik einer Live-Band gesungen wird, Zeit für persönliche Bekenntnisse. Und - charakteristisch für Pfingstler - reichlich Raum für Emotionen. "Beim Lobpreis heben manche die Hände oder stöhnen auf. Jeder wie er möchte. Der eine oder andere äußert auch prophetische Eindrücke." Aber die muss er zuvor einem Verantwortlichen schildern. Allzu schnell kann so etwas zu einem Selbstdarstellungspodium für psychisch Auffällige geraten. "Das muss schon etwas geordnet laufen."

Auf den Sonntag allein beschränkt sich auch die Gemeindearbeit nicht. Kindernachmittag, Teenager-Gesprächskreis, Pfadfinder-Treff, Mütter-Kinder-Runde, offenes Frauenfrühstück, Seniorenkreis - fast jeden Tag ist Leben in diesem Haus, an dessen Fassade Menschen gemalt sind, die aus der Wüste kommend einem geöffneten Zelt zustreben. "Manchmal haben wir sechs Veranstaltungen an einem Tag, sind zehn Mitarbeiter hier zu Gange", erzählt Rainer Klotz. "Wir haben aber nur vier Räume. Das ist zu wenig."

Auch beim Gottesdienst wird es gelegentlich eng. Nicht besonders einladend für neue Gäste. Deswegen würden sie sich gern erweitern. Wie diese Vision praktisch aussehen könnte, wissen sie noch nicht. Eine Großgemeinde wie bei Lutheranern oder Katholiken jedenfalls streben sie nicht an. Dann lieber mehrere kleine Kreise. "Uns kommt es auf intensive Gemeinschaft an."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.01.2014

Tomas Gärtner

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