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Lokales Choreograph im Schuhkarton
Dresden Lokales Choreograph im Schuhkarton
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08:53 11.03.2017
Fluglotse Tom Groß an seinem Arbeitsplatz. Quelle: Anja Schneider
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Dresden

„Lufthansa DLH219, sixteen point zero degrees, wind five knots. Runway one, cleared for takeoff“ – Tom Groß legt das Funkmikrofon bei Seite und wartet auf die Antwort des Piloten, der mit seiner Maschine in wenigen Minuten vom Flughafen Dresden aus nach Frankfurt abheben wird. Danach beobachtet er aus sicherer Entfernung durch die metergroße Glasscheiben am Dresdner Tower das startende Flugzeug auf dem Rollfeld, ehe er sich wieder vor seine drei Monitore setzt. Was bei Aussenstehenden und Flugbegeisterten regelmäßig für Spannung sorgt, erlebt Tom Groß mehrmals täglich, denn er ist Fluglotse bei der Deutschen Flugsicherung am Tower Dresden.

Ohne die Arbeit des 27-Jährigen und die seiner Kollegen würde sich im Luftraum über Dresden nicht allzu viel bewegen. Immerhin tragen die Fluglotsen, neben den Piloten, die größte Verantwortung für einen reibungslosen Flugablauf – und damit letztlich auch für das Wohlergehen aller Fluggäste und Passagiere. Und das ist alles andere als einfach. Selbst im Luftraum über einem verhältnismäßig kleinen Flughafen wie Dresden kann es auch schon einmal eng zugehen, wenn sich neben die üblichen Starts und Landungen von Passagier- und Frachtflugzeugen die ein oder anderen Hobbyflieger, Rettungshubschrauber und Ballonfahrer gesellen.

Tom Groß, seine offizielle Berufsbezeichnung lautet „Flugverkehrsleiter“, koordiniert, organisiert und dirigiert den Luftverkehr in seinem Luftraum mit höchster Sorgfalt, darf sich keine Fehler leisten. Er ist bei seiner Arbeit vor allem auf zwei Dinge angewiesen: Neben absoluter Konzentration und einem ständig präsenten „3D-Bild“ in seinem Kopf, das das aktuelle Geschehen im Luftraum nachempfindet, ist das Funkgerät sein eigentliches Werkzeug, sozusagen das „Herzstück im Tower“, wie er es selbst bezeichnet.

„Kommunikation ist ein wesentlicher Bestandteil bei der Arbeit als Fluglotse“, so Groß. Und das geschieht vornehmlich in der internationalen Luftfahrtsprache Englisch, zumindest für Verkehrs- und Passagierflugzeuge. Parameter wie Wind, Temperatur, Flugnummer und Befehle für Start und Landung werden so zwischen Lotse und Pilot kommuniziert. Damit die Kommunikations reibungslos vonstatten geht, besitzt jeder Tower seine eigene Frequenz.

Als Teil von insgesamt vier Kontrollzentren (Langen, München, Karlsruhe, Berlin) sowie 16 Towern an internationalen Verkehrsflughäfen sind die Fluglotsen in Dresden nur für einen bestimmten Ausschnitt des Luftraumes über der Stadt verantwortlich. „Wir arbeiten nach dem sogenannten ’Schuhkartonprinzip’“, erklärt Groß.

Der „Schuhkarton“ oberhalb Dresdens erstreckt sich über 16,5 Nautische Meilen (etwa 30 Kilometer) zwischen Ost und West sowie über sechs Nautische Meilen (etwa 11 Kilometer) zwischen Nord und Süd und ist 2250 Meter hoch (etwa 675 Meter über Normal Null). Darüber befinden sich zwei weitere, jeweils größer werdende “Schuhkartons“. Die Dresdner Lotsen tangiert hauptsächlich nur, was durch den unteren, also „ihren“ Luftraum fliegt. Das betrifft in erster Linie Starts und Landungen am Flughafen Dresden sowie querende Hobby- oder Tiefflieger.

Den nächst größeren „Schuhkarton“ aus Dresdner Sicht betreut der Tower in München, in dem er alle wegfliegenden und ankommenden Flugzeuge koordiniert. Den dritten und größten Luftbereich kontrolliert der Tower in Karlsruhe für die gesamte Bundesrepublik. Dort werden alle Überflüge überwacht und geregelt. Große Passagier- oder Frachtmaschinen benutzen dabei immer den gleichen Korridor.

Für die Dresdner spielt der Tower in Karlsruhe zunächst keine Rolle, dafür aber der in München. „Zur Übergabe und Übernahme der Flüge in den Münchner Kontrollbereich besteht eine Standleitung zum Tower dort“, erklärt Groß. Bei einer Landung beispielsweise wird er komplette Flug von München aus koordiniert und kurz vor dem Eintreffen in den Dresdner „Schuhkarton“ an Tom Groß und seine Kollegen übergeben. „Der Lotse überprüft und kommuniziert alle Parameter mit dem Piloten, benennt die Landebahnen und erteilt letztendlich Landefreigabe“, erklärt Flugverkehrsleiter.

Das die Arbeit als Luglotse alles andere als einfach ist, zeigen die drei Monitore an seinem Arbeitsplatz. Ein Wetterbildschirm aktualisiert ständig alle denkbaren Informationen für Landebahn und Luftraum, auf einem Infomonitor sind alle relevanten Flüge und deren Details aufgelistet. Auf einem großen Radar nebenan bewegen sich grüne und weiße Punkte, mit und ohne Schweif, mit und ohne Nummerierung hin und her. Routen, Höhen und Geschwindigkeiten müssen durch den Fluglotsen zugewiesen und penibel überwacht werden. „Die Monitore dienen natürlich zur Kontrolle und Sicherheit. Aber eigentlich habe ich den gesamten Luftverkehr ständig im Kopf“. erklärt Groß.

Und vor allem im „Berufsverkehr“, also am frühen Vor- und am Nachmittag, ist dabei das Vier-Augen-Prinzip gefragt. Zwischen 6 und 23 Uhr ist der Tower mindestens doppelt besetzt, nur in der Nacht wacht ein einzelner Lotse. „Normalerweise ist in diesem Zeitraum ja Flugverbot, aber Rettungsflüge, Organtransporte oder Werftlieferungen finden auch nachts statt“, so Groß. Neben ihm arbeiten 14 weitere Lotsen in dem 25 Meter hohen Tower an der Landebahn des Dresdner Flughafen. Im Vergleich zum höchsten deutschen Tower in Düsseldorf (87 Meter) ist das zwar recht wenig, doch vollkommen ausreichend. „Wichtig ist, dass man die beiden Aufsetzpunkte und die gesamte Landebahn überblickt. Das ist hier mehr als gegeben“, erklärt Groß. Aus welcher Richtung gestartet wird und von welcher Seite aus die Landebahn angeflogen wird, liegt im Ermessen der Dresdner Lotsen. Je nach Witterung und Wind wird die Richtung angepasst.

Mit 34 000 Flugbewegungen pro Jahr gehört der Flughafen Dresden zwar nicht zu den Schwergewichten der Deutschen Luftfahrt, doch langweilig wird es Tom Groß nicht. „Es ist ein toller Arbeitsplatz mit super Aussicht und jeden Tag eine neue Herausforderung“, schwärmt der 27-Jährige, der bereits vor vier Jahren seine Ausbildung abschloss. „Die Verantwortung ist mir bewusst, doch um gut zu arbeiten muss man sie ausblenden“, ergänzt er. Seiner Meinung nach sei es genau da, was diesen Job so schwierig und einzigartig mache.

Nicht nur deshalb ist die Deutsche Flugsicherung stets um Nachwuchs bemüht, was aber immer schwieriger wird. Bei den jährlichen Auswahltest fallen mehr als 95 Prozent der Bewerber durch. „Wir brauchen 4500 Teilnehmer pro Jahr um schließlich die etwa 150 benötigte Lotsen ausbilden zu können“, erklärt Stefan Jaekel von der Deutschen Flugsicherung. Er wünscht sich mehr Mut von den jungen Menschen, diesen „tollen Beruf“ zu erlernen.

Auch Tom Groß kann sich noch an die Aufnahmetests vor einigen Jahren erinnern: „Es waren fünf Tage mit Computerprogrammen, Englischtests, Belastungs- und Multitaskingtests und vielem mehr. Die meisten sind schon am ersten Tag ausgeschieden. Ich hatte aber von Anfang an ein gutes Gefühl und wusste, dass ich es schaffe.“ Laut Jaekel müsse man die Tests überdurchschnittlich gut bestehen, um zur Ausbildung zugelassen zu werden. Und immerhin ist der Job als Fluglotse sehr gut bezahlt. Bereits als Einstiegsgehalt nach der Ausbildung winken bis zu 6000 Euro monatlich.

Von Sebastian Burkhardt

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