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Lokales Charlotte Meentzen – Wegbereiterin der modernen Naturkosmetik
Dresden Lokales Charlotte Meentzen – Wegbereiterin der modernen Naturkosmetik
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07:25 03.08.2018
Die gelernte Heilpraktikerin Charlotte Meentzen eröffnete fast zeitgleich mit dem Deutschen Hygiene-Museum Dresden ihr Kosmetikinstitut. Quelle: Charlotte Meentzen Kräutervital Kosmetik GmbH
Dresden

Naturkosmetik gehört längst weltweit zum Lifestyle einer breiten Masse. Die Branche jubelt. Naturprodukte haben inzwischen einen Anteil von 8,5 Prozent am deutschen Kosmetikmarkt. Und der ist 13,6 Milliarden Euro schwer. Damit ist Deutschland der mit Abstand größte Bio- und Naturkosmetik-Markt in Europa.

Diesen Erfolg konnte eine sechsundzwanzigjährige Leipzigerin nicht vorhersehen, als sie 1930 in Dresden ihre eigene Firma – mit großzügiger finanzieller Hilfe ihrer Familie – gründete. Die Rede ist von Berta Emilie Charlotte – oder einfach kurz Charlotte – Meentzen.

Dresden – Stadt der Hygiene

„Dresden galt damals als eine der gesündesten Großstädte in Deutschland“, sagt Klaus Vogel, Direktor des Deutschen Hygienemuseums Dresden. Nicht umsonst habe man sie auch die Stadt der Hygiene genannt. Die 1930er seien die Zeit der Massenbewegungen gewesen, aber auch das Individuum rückte auf einmal in den Mittelpunkt. Der Mensch, die Gesundheit, die Natur – all das bildete von nun an eine Einheit. So erkläre sich auch das Deutsche Hygienemuseum, erzählt er weiter: „Es war in diesen Zeitströmen geradezu eingebettet zwischen Massenhygiene und der Zuwendung zum Einzelnen. Wie gestalte ich mein Leben, wie finde ich einen Einklang zur Natur?

So ist es damals nur folgerichtig, dass Charlotte Meentzen sich dem anschließt. Weg von der großen Stadt, weg von Massen, hin zu dem, was dem Menschen gut tut. Fast zeitgleich mit dem Deutschen Hygiene-Museum Dresden eröffnet die gelernte Heilpraktikerin ihr Kosmetikinstitut.

Es wird für die Neudresdnerin nicht einfach gewesen sein, ihr eigenes Unternehmen zum Laufen zu bringen – erst das Institut, dann die Schule, den Vertrieb, die Produktionsstätte. Die Historikerin Alexandra-Kathrin Stanislaw-Kemenah berichtet von einer hohen Arbeitslosigkeit in dieser Zeit in Dresden: „Das Frauenbild änderte sich ja auch wieder um 1930. Selbstständigkeit war nicht mehr gefragt, dafür hieß es zurück zum Herd, zum Kinderkriegen. Und in dieser Zeit eröffnet eine junge Frau mitten in bester Lage in Dresden, nämlich auf der Prager Straße 44, einen Kosmetiksalon. Für feine Damen natürlich.“ Denn wer außer der betuchten Klientel hätte in diesen Zeit überhaupt das Geld gehabt, sich kosmetisch behandeln zu lassen? Doch nicht die Frau, die in der Fabrik schuftet.

Idee von der natürlichen Schönheit

Die Sächsin aber kämpft für ihre Idee von der natürlichen Schönheit; sie setzt sich in der Männerwelt durch. Das nötigt der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Dresden noch heute Respekt ab: „Was für eine taffe Frau, schicke, selbstbewusste, spannende, mutige Frau. Ich glaube, durchsetzungsstark war sie auch.“ Aber, so Alexandra-Kathrin Stanislaw-Kemenah, sie würde Charlotte nie ohne ihre Schwester definieren wollen, ohne Gertrude. „Charlotte alleine hätte nie funktioniert. Die beiden Schwestern waren ein Gespann. Die eine war die Visionärin, die andere die Kauffrau. Und die drei Jahre ältere Gertrude war letztendlich auch die Rettung der Firma.“

Mit seinen Naturprodukten hat das Unternehmen den Zweiten Weltkrieg und den Sozialismus überlebt und beliefert heute Kunden weltweit.

Schwester Gertrude rettet die Firma

In der Tat, Charlotte Meentzen stirbt 1940 im Alter von 36 Jahren. Die Unverheiratete hinterlässt einen Säugling, Geert-Dietrich. Fortan übernimmt Gertrude nicht nur für das Kind ihrer Schwester die Verantwortung, sondern für das Unternehmen – und zwar komplett. Sie muss eine Kämpferin gewesen sein, meint Henry Kort, der heutige Vertriebsleiter und Marketingchef der Firma. Sie habe sich nicht beirren lassen, nicht in den Kriegswirren, nicht nach den Luftangriffen auf Dresden im Februar 1945: „Das müssen sie sich einfach nur vorstellen. Eine verwitwete Frau steht mit drei Kindern vor Ruinen. Die Produktionsstätten zerstört, die Hälfte der Belegschaft beim Bombenangriff ums Leben gekommen, das war mit Sicherheit nicht einfach. Und dann baut sie ihr Lebenswerk wieder auf.“

Gertrude Seltmann-Meentzen gründet die Firma ein zweites Mal. Sie setzt alle Kraft in das Domizil in der Wiener Straße in Dresden. Die Absolventen der Schule aber schickt sie in Reformhäuser, Drogerien und Parfümerien – und baut so ein eigenes Vertriebssystem auf. 1946 wird die Villa zur Kosmetikmanufaktur umfunktioniert.

Über 400 Rohstoffe in den Rezepturen

Damals wie heute aber sind es die Kräuter, die Pflanzen, die den Schönheits-und Pflegeprodukten den Stempel aufdrücken. Über 400 Rohstoffe werden heute bei Charlotte Meentzen für die Rezepturen verwendet, so zum Beispiel jährlich: 250 Kilogramm Rügener Heilkreide, 500 Kilogramm Rohrzucker oder 500 Kilogramm Jojobaöl, erzählt Geschäftsführer Robert Gey. Doch die Naturprodukte allein seien es nicht, die den Erfolg der Kosmetikmarke bis heute ausmachen. „Das Wichtigste ist die DNA von Charlotte Meentzen, die aus der Gründerzeit noch da ist. Ihr Innovationsgeist steckt uns immer noch an. Das spürt man bei jeder Rezeptur, die auf den Markt gebracht wird und in die Produktion geht, dass das Herz und die Seele der Marke Charlotte Meentzen ist.“

Über 5000 Institute weltweit nutzen Meentzen-Kosmetik

Über 5000 Kosmetikinstitute arbeiten heute weltweit mit Produkten der sächsischen Marke. Und auch wenn es keine eigene Schule mehr gibt: Jede Meentzen-Kosmetikerin muss mehrere Seminare durchlaufen. Das Schulungskonzept von Charlotte sei eine der wichtigsten Grundsteine der Marke seit fast 90 Jahren. „Und damals wie heute lernen die Kosmetikerinnen nicht nur den Cremetiegel kennen“, sagt Robert Gey, „sondern auch die Behandlungsmethoden. Und die bekannteste von Charlotte Meentzen natürlich, die Gesichtsmassage mit 28 Handgriffen.“

Enteignung zu DDR-Zeiten

Über 150 Produkte in 15 Pflegeserien werden inzwischen in der Kosmetikmanufaktur hergestellt, das sind jeden Tag an die 25 000 schön duftende Artikel. Pro Jahr werden somit über 2,5  Millionen Cremetiegel, Tuben und Flaschen abgefüllt. Dieser Erfolg noch heute ist nicht selbstverständlich. Zu DDR-Zeiten war die Firma zwar lange Marktführer. Anfang der 1970er Jahre aber wendet sich das Blatt. 1972 wird Gertrude Seltmann-Meentzen enteignet. Sigismund, der Sohn von Gertrude, und auch Charlottes Sohn dürfen weiter in der Firma arbeiten, ein Glücksumstand. Das Unternehmen produziert weiter, erwirtschaftet bis über 13 Millionen DDR Mark. Der Name Charlotte Meentzen aber verschwindet Stück für Stück, bald gibt es nur noch das Label Florena Kräutervital.

Neustart nach der Wende

Als nach der Wende 1991 die Söhne der beiden Schwestern die Firma wieder aufbauen, kommt der vertraute Namen sofort wieder auf allen Etiketten. Der Anfang ist dennoch schwer. Niemand hat auf die Firma gewartet. Die Nachfrage bricht ein, ebenso die Absatzmärkte, erzählt Robert Gey. „Der Kosmetikmarkt ist Eroberungsmarkt. Wir haben Anfang der 90er Jahre viel, viel Lehrgeld bezahlen müssen.“

Umzug nach Radeberg im Jahr 2002

Dazu gehört auch, dass die Standortfrage geklärt werden muss. 2002 zieht die Manufaktur aus Dresden weg, lässt sich in Radeberg nieder. Heute, 2018, ist die Naturkosmetik aus Sachsen wieder stabil am Markt. Bis zu 700 Pakete pro Tag verlassen das Haus, gehen in die ganze Welt. Unter anderem nach Polen, Australien, England, in die Schweiz, Türkei, Niederlande, nach Asien. Auszeichnungen wie jüngst mit dem German Brand Awards 2018 in der Kategorie „Industry Excellence in Branding / Beauty & Care“ zeigen, dass dem Unternehmen der Weg von der Tradition in die Moderne gelungen ist.

Charlotte Meentzen und Gertrude Seltmann-Meentzen – bis heute ist ihr Unternehmen in Familienhand. Ein Sohn und zwei Enkel haben ein Auge drauf. Charlotte Meentzen gilt als eine der Wegbereiterinnen der modernen Naturkosmetik. Ihre Geschichte und die ihrer Schwester aber erzählt mehr als nur eine sächsische Firmengeschichte.

TV-Tipp: Der Osten – entdecke, wo du lebst: „Charlotte Meentzen – Dresdner Kosmetik mit Tradition“, am 7. August 2018 um 20:45 Uhr im MDR

Von Adina Rieckmann

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