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Lokales Charismatisch, jovial, gewissenlos: Donald Trump
Dresden Lokales Charismatisch, jovial, gewissenlos: Donald Trump
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09:24 30.05.2018
Diese gefälschte Titelseite eines US-Magazins präsentierte Donald Trump 2009 in mindestens vier Golfclubs. Quelle: Reproduktion: Archiv
Dresden

 Seit der Wahl von Donald Trump zum mächtigsten Mann der Welt ist in der Politik nichts mehr so, wie es einmal war. Verlässlichkeit wurde zum Fremdwort, eine außenpolitische Strategie ist nicht zu erkennen. Ist der Mann noch normal, fragen sich viele. Ein Psychologie-Professor aus Dresden reflektiert für die DNN die lebhafte Debatte über die Persönlichkeit des Präsidenten in den Vereinigten Staaten.

Der Normalbürger würde sagen: „Trump? Der Kerl ist doch verrückt!“ Was sagt der Fachmann?

Prof. Daniel Leising: Ich bin weder Psychiater noch Psychotherapeut, sondern befasse mich vor allem wissenschaftlich mit solchen Dingen. Ich halte Trump nicht für verrückt. Er verstößt aus meiner Sicht nur immer wieder mal gegen gängige Normen des menschlichen Miteinanders. Das allein rechtfertigt aber noch keine Krankheitsdiagnose. Es gibt in den USA allerdings eine durchaus lebhafte Debatte über die Persönlichkeit des Präsidenten. In diesem Zusammenhang fallen neben „Narzissmus“ auch Begriffe wie „Pathologisches Lügen“, „Soziopathie“ oder „Psychopathie“, von denen vor allem die letzten drei alle relativ ähnliche Dinge beschreiben.

Was zeichnet denn zum Beispiel sogenannte „Psychopathen“ aus?

Psychopathen fühlen sich sozialen Standards nicht verpflichtet, sondern wollen in der Regel vor allem unmittelbare Vorteile für sich selbst erzielen, was nicht selten auf Kosten anderer geschieht. Sie finden nichts dabei, andere zu manipulieren, unter Druck zu setzen und zu täuschen, wenn das ihren eigenen Zielen dient. Man kann sich das in etwa so vorstellen, dass diese Leute sich subjektiv ständig im Kampf darum wähnen, wer den anderen übertrumpfen kann, egal mit welchen Mitteln. Es imponiert eine weitgehende Gewissenlosigkeit, gleichzeitig wird aber oft relativ erfolgreich eine charmante und joviale Fassade gepflegt. Unter einem Psychopathen stellen sich die meisten Laien wahrscheinlich so was vor wie einen irren Serienmörder, das entspricht aber nicht der Begriffsverwendung in der Psychologie. Gewalttätigkeit gehört nicht unbedingt dazu.

Das diagnostische und statistische Manual psychischer Störungen zum Thema „narzisstische Persönlichkeitsstörung“: Wie viele Kriterien lassen sich dem Verhalten des Präsidenten zuordnen? Quelle: Grafik: Archiv

Was meinen Sie mit „Gewissenlosigkeit“?

Die meisten von uns tragen etwas mit sich herum, das Freud wohl als „Über-Ich“ bezeichnet hätte: Eine Instanz, die uns hilft, im moralischen Sinne richtig von falsch zu unterscheiden. Es gibt Dinge, die man anderen in der Regel einfach nicht antut. Ein Psychopath weiß dagegen wirklich nicht, was verkehrt daran sein soll, andere auszunutzen oder zu hintergehen, wenn es ihm selbst nützt.

Ist es nicht gefährlich, Ferndiagnosen über einen Menschen zu stellen?

Offizielle Diagnosen hat Trump meines Wissens noch niemand gestellt, das ginge wohl auch nur, wenn jemand dazu formal den Auftrag erhielte. Weil so etwas leicht zu politischen Zwecken missbraucht werden kann, hat zum Beispiel die Amerikanische Fachgesellschaft für Psychiatrie auch zu Recht eine Regel, die öffentliches Diagnostizieren verbietet. Andererseits melden sich dort aber immer wieder Psychiaterinnen und Psychiater zum Thema Trump zu Wort und verweisen zum Beispiel auf ihre Verpflichtung, ihre Mitbürger zu warnen, wenn von einer Person aus ihrer Sicht eine akute Gefahr ausgeht – Diagnose hin oder her. Eine Psychiaterin aus Yale hat sogar eine Konferenz zu dem Thema organisiert und darüber in etwa gesagt: „Warum sollen wir genau über das Thema, von dem wir am meisten verstehen, schweigen?“

„Vor Trump habe ich nicht gewusst, wie wichtig eine gut funktionierende, freie Presse ist.“

Auf welcher Grundlage werden denn solche Urteile gefällt?

Auf Grundlage aktueller Ereignisse und dessen, was teilweise seit Jahrzehnten über Trump dokumentiert ist: Interviews, Zeugenaussagen, Akten, Inkonsistenzen in Aussagen des Präsidenten selbst, etc. Um sich selbst eine Meinung zur Persönlichkeit des Präsidenten zu bilden, muss man ihn nicht persönlich getroffen haben. Die meisten diagnostischen Entscheidungen, die zum Beispiel im Zusammenhang mit Gerichtsverhandlungen fallen, können sich wahrscheinlich auf eine weniger umfangreiche Datenbasis stützen.

Kann der Präsident von demokratischen Strukturen gebremst werden?

Ich denke ja. Demokratische Strukturen können aus meiner Sicht oft Schlimmeres verhindern helfen. Vor Trump habe ich zum Beispiel gar nicht gewusst, wie wichtig eine gut funktionierende, freie Presse ist. In einem so aufgeheizten politischen Klima wie es derzeit in den USA herrscht, ist es aber umso wichtiger, genau zu prüfen, welche Aussagen wahr sind und welche nicht. Wenn es in den USA keine ausreichend stabilen demokratischen Strukturen und Institutionen gäbe, wären wir jetzt vielleicht schon ganz woanders.

Gibt es nicht sehr viele Psychopathen auf der Welt?

Nein. Ihr Anteil beträgt höchstens ein paar Prozent an der Bevölkerung. Aber wenn sie an die Macht kommen, wird es oft sehr schwierig. Früher hat sich die Forschung zur Psychopathie vor allem mit Strafgefangenen befasst. In letzter Zeit sind dagegen die so genannten „erfolgreichen Psychopathen“ stärker in den Fokus gerückt. Wenn jemand nicht die üblichen Hemmungen gegenüber bestimmten „antisozialen“ Verhaltensweisen hat, ist das einfach ein gewisser Wettbewerbsvorteil. Sie haben dann einfach mehr Handlungsspielraum, und so können Psychopathen manchmal sogar in der Chefetage landen. Gleichzeitig ist die Impulsivität und Selbstüberschätzung dieser Leute aber auf lange Sicht oft auch wieder ein Nachteil, und führt dann dazu, dass sie irgendwann ausgemustert werden.

Wäre eine Figur wie Donald Trump in Deutschland mehrheitsfähig?

Trump war ja nicht mal in Amerika mehrheitsfähig. Mitbewerberin Hillary Clinton hatte 2,7 Millionen Stimmen mehr als er. In Deutschland wäre es für Trump wohl noch schwerer geworden. Es gibt hier eine viel homogenere liberale Kultur als in den USA.

Ist Trump für uns nicht vielleicht deshalb so verstörend, weil er das tut, was er im Wahlkampf angekündigt hat?

Ich habe vielmehr den Eindruck, dass er politisch bisher weitgehend gescheitert ist. Die Republikaner haben ihm quasi „erlaubt“, ein einziges Projekt durchzubekommen – die Steuerreform, von der viele Finanziers der Republikaner direkt profitieren. Das war es dann aber auch eigentlich schon.

Trägt nicht jeder Mensch einen kleinen Psychopathen in sich herum?

Das ist, wie eigentlich immer, eine Frage der Dosierung. Ein bisschen Rücksichtslosigkeit und Machtbewusstsein kann im Leben gelegentlich ganz hilfreich sein. Aber die meisten Menschen sind am Ende halt doch überwiegend ehrlich und kooperativ. Bei jemandem mit ausgeprägt psychopathischen Zügen ist das Gegenteil der Fall: Das Hintergehen der anderen ist die Norm.

US-amerikanische Journalisten haben die Lügen von Trump in den ersten zehn Monaten der Präsidentschaft gezählt (rote Linie). Trump log mehr als Obama in seiner gesamten Amtszeit (blaue Linie). Quelle: Grafik: Archiv

Können Mitarbeiter von psychopathischen Chefs etwas tun?

In Machtpositionen richten solche Leute oft viel Unheil an, insbesondere auf der zwischenmenschlichen Ebene. Wenn sich jemand in der Chefetage so unethisch verhält, müssen die anderen in der Organisation vor allem Transparenz darüber herstellen: Sich intensiv miteinander austauschen, gegenseitig unterstützen und eventuell auch an die Öffentlichkeit gehen. Die Strategien von Psychopathen funktionieren vor allem so lange, wie sie unerkannt bleiben, und die Opfer denken, sie seien die einzigen die darunter leiden. Transparenz hilft, weil die meisten Menschen eben doch ein Gewissen haben und offenkundige Missstände nicht mittragen wollen. Aber man muss sich auf heftige Reaktionen einstellen. Kampfbereitschaft braucht es daher auch.

Kann Psychologie Psychopathen in Machtpositionen verhindern?

Ich sehe die Psychologie klar in der Verantwortung, wirksame Strategien zu entwickeln, damit solche Leute nicht mehr so leicht in Machtpositionen kommen beziehungsweise leichter aus solchen Positionen entfernt werden können.

Notiert von Thomas Baumann-Hartwig

Von Notiert von Thomas Baumann-Hartwig

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