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Lokales Cannabis auf Rezept: „Ich warne vor falschen Erwartungen“
Dresden Lokales Cannabis auf Rezept: „Ich warne vor falschen Erwartungen“
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13:24 28.07.2017
Ulrich Schuler, Chef des PalliativCentrums im Universitätsklinikum Dresden  Quelle: UKD
Dresden

 Cannabis spaltet die Gemüter. Manche Patienten hegen extrem hohe Erwartungen an den Medizinalhanf, viele Ärzte und Apotheker aber warnen vor Risiken und Nebenwirkungen.

Zumal Cannabis-Fans mit dem neuen Gesetz zur Verordnung auf Rezept das Cannabis auf dem Weg zur völligen Legalisierung sehen, wie es bereits in vielen Ländern der Fall ist. Befürworter eines gelockerten Umgangs mit der Pflanze verklagen inzwischen die Bundesrepublik, weil das Bundesbetäubungsmittelgesetz nicht geändert wird, um „gut begründete Studien“ ... „ zu Cannabisfolgen bei psychisch gesunden erwachsenen Konsumenten“ durchzuführen. Eine entsprechende Bundesratsinitiative hatten die Länder Bremen, Berlin und Thüringen in den Bundesrat eingebracht, waren aber Anfang Juli gescheitert.

„Die Leute haben völlig falsche Erwartungen. die sollten nicht befeuert werden“, meint hingegen Dr. Ulrich Schuler, Chef des PalliativCentrums im Universitätsklinikum Dresden. „Euphoriker wollen nicht sehen, dass das, was sie Tolles erlebt haben, sich so nicht bei allen einstellt beziehungsweise nicht von allen so toll empfunden wird“, sagt er aus seinem medizinischen Alltag heraus. Die sedierende, rauschhafte Wirkung werde beileibe nicht von allen gut gefunden. Und: Ulrich Schuler beschreibt nur einige von mehreren möglichen Nebenwirkungen, die Cannabis bei Patienten mit verschiedenen Krankheiten haben kann. Die Befürworter, zu denen er definitiv nicht gehört, sehen breite Anwendungsmöglichkeiten von Medizinalhanf zum Beispiel bei Diagnosen wie chronischen Schmerzen, Spastik bei Multipler Sklerose, Appetitlosigkeit oder Übelkeit und Erbrechen nach einer Chemotherapie. Cannabis soll auch Schlafstörungen mindern und bei Entzündungen der chronischen Darmerkrankung Morbus Crohn helfen.

Vor dem neuen Gesetz musste der Patient selbst einen Antrag für eine Cannabis-Therapie stellen und ein Arzt musste diesen mit seinem medizinischen Befund unterstützen. Heute kann jeder Arzt einfach Cannabis verschreiben, wenn er überzeugt ist, dass es dem Patienten hilft. Allerdings muss der Patient, wenn er eine Kostenübernahme der Krankenkasse anstrebt, immer noch einen Antrag stellen und der Arzt muss versichern und begründen, dass die Cannabis-Therapie wirklich wirksam ist. Falls jemand die Kosten selbst trägt, kann er das Cannabis bei einer Apotheke kaufen, ohne dass jemand davon erfährt.

 Obwohl jeder Einzelfall vom medizinischen Dienst der Krankenkasse geprüft wird, liegt es primär in der Verantwortung des Arztes, wann er eine Cannabis-Therapie für angemessen und sinnvoll hält. Das Gesetz bleibt da äußerst vage, was vor allem in Sachsen zu großer Zurückhaltung bei Ärzten führt.

Schuler hält das durchaus für begründet. Zwar ist auch für ihn unbestritten, dass Cannabis z.B. bei Spastik bei neurologischen Erkrankungen hilfreich sein kann. Dort werde es schließlich schon seit Jahren – auch ohne das Gesetz – verordnet. „Ja“, sagt er, „Cannabis hat eine Wirkung. Aber die ist in vielen anderen Fällen zu oft marginal“.

Inzwischen tauchten in Kliniken auch vermehrt Freizeit-User auf, „die plötzlich ganz fantasievolle Migräneanfälle haben“. Oft unnötige Arbeit für Ärzte, die die Spreu vom Weizen trennen müssen.

Anders als behauptet, gebe es durchaus Studien zu Cannabis. Und dabei tauchten als Nebenwirkungen auch Übelkeit und Erbrechen auf obwohl die Präparate ja gerade dagegen auch wirken sollen. Schuler verweist auf randomisierten Studien, auch aus dem deutschsprachigen Raum, z.B. von Florian Strasser und anderen , die 2006 bei mehr als 200 Patienten keinen Effekt zeigen konnten, der über Placebo hinausging. Auch ein große Studie bei Patienten mit Tumorschmerzen von Russel Portenoy aus New York konnte 2012 nur geringe Effekte bei Schmerzen zeigen.

Der Palliativarzt, der mit seinen Kollegen bereits vor Jahren in seinem Wirkungsbereich ein importiertes Fertigpräparat eingesetzt hat, es aber wegen unzureichender Effekte schnell wieder aufgegeben hatte, äußert aber auch grundsätzliche Bedenken am im März verabschiedeten Gesetz. „Ich halte das Gesetz für eine politische Fehlentscheidung, die dazugehörige Datenerhebung einen unkontrollierten Feldversuch“, schimpft er. Denn: „Die Standards der strukturierten Beobachtung werden hier massiv unterlaufen“.

Hauptgründe für seine Vorwürfe: Die Datenerhebung sei nicht kontrollierbar. „Es bleibt doch völlig undurchsichtig, was in dem geplanten Register landet. Die Daten – die übrigens nur von Kassenpatienten, nicht von privat Versicherten, weitergeleitet werden müssen – fließen anonymisiert in das Register. Das, so Schuler, heiße, dass bestimmte Beobachtungen nicht rückverfolgbar sind. „Sie haben keine Chance nachzufragen, wann und warum bestimmte Effekte eintreten! Der Grad der Kontrolle ist lausig!“

Der Palliativ-Mediziner gibt sich bei aller Erregung auch gelassen: „Wenn Cannabis irgendwann völlig freigegeben wird, ist das für mich kein Grund zum Verzweifeln, auch wenn ich es nicht befürworte. Holland ist daran auch nicht zugrunde gegangen. Aber ich werde ganz ärgerlich, dass man Tumorpatienten das Kraut verkauft als toll, natürlich und wahnsinnig hilfreich und mit Blick auf vorsichtige Ärzte so tut, als würde ihnen jemand ein rettendes Wundermittel vorenthalten. Vielleicht löst Cannabis eine kleine Zahl von Problemen. Aber es schafft vielleicht auch viele neue.“

Von Barbara Stock

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