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Lokales Avatar, Ingwer und Nirvana: Der Dresdner Wissenschaftler Silvio Reichmuth unterrichtet Sanskrit
Dresden Lokales Avatar, Ingwer und Nirvana: Der Dresdner Wissenschaftler Silvio Reichmuth unterrichtet Sanskrit
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08:54 09.09.2015
Dresden

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Im Oktober gibt der 38-Jährige an der Volkshochschule einen Kurs in Sanskrit. Das ist Altindisch. Für Indien spielt Sanskrit eine ähnliche Rolle wie das Latein für Europa.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Sanskrit zu lernen?

Ich habe mich immer schon für Sprachen und vor allem für Wortherkünfte und -zusammenhänge interessiert. Bis zu meinem Studium wusste ich gar nicht, dass es Sanskrit gibt. Im Studium dann war es Pflichtbestandteil der Seminare zu historischen Sprachen. Das Sanskrit hat mich von Beginn an fasziniert.

Warum?

Zunächst: Sanskrit ist ja eine normierte Sprache, ähnlich wie das klassische Latein und auch ähnlich wie unser heutiges Deutsch. Es bedeutet so viel wie "das Zusammengemachte". Es hat sich als Ausgleichs- und Normsprache über ganz verschiedene Dialekte des Altindischen gelegt. Sanskrit verfügt über eine sehr differenzierte Grammatik. Es gibt acht Fälle, neben Singular (Einzahl) und Plural (Mehrzahl) noch einen Dual (Zweizahl). Das Sanskrit kennt fast 100 Beugungsformen eines Verbs und unglaublich vielfältige Möglichkeiten von Wortkompositionen. Wenn wir Deutschen denken, wir könnten viele Wörter miteinander verbinden, dann kann der Sanskrit-Sprecher darüber nur lächeln! Oft sind ganze Sätze nur ein Wort - mit einwandfreien grammatischen Bezügen und daher eindeutig verständlich. Sanskrit ist außerdem sehr reich an verschiedenen Lauten.

Wann ist die Sprache denn entstanden?

Sanskrit wurde zunächst über ein Jahrtausend nur mündlich weitergegeben. Als man in der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends vor Christus in Indien zu schreiben begann, wurde Altindisch in verschiedenen indischen Schriften notiert. In einem Werk des indischen Grammatikers Pa¯nini wird es um 400 vor Christus in etwa 4000 Regeln beschrieben. Sanskrit beeinflusste spätere indische Dialekte, aus denen sich Einzelsprachen wie Bengali¯, Hindi¯ oder Nepa¯li¯ entwickelten. Sanskrit gehört in die Familie der indogermanischen Sprachen - ist also (etwas weiter entfernt, aber dennoch) mit dem Deutschen verwandt.

Was unterscheidet Sanskrit von anderen Sprachen?

Im Sanskrit dominiert das "a" bei den Selbstlauten. Bestimmt zwei Drittel der Vokale sind "a". Die Aussprache ist allerdings nicht einfach darzustellen. Sanskrit verfügt über verschiedene Laute, die das Deutsche nicht kennt. Unsere Aussprache wäre nur eine Annäherung, wir würden mit Akzent sprechen. Man hilft sich mit einer Umschrift, die die fremde Sprache in "unseren" Buchstaben zeigt und somit eine annähernde Aussprache ermöglicht. Das gilt im Übrigen für alle historischen Sprachen und Sprachen mit anderen Schriftsystemen. Als historische Sprache enthält das Sanskrit natürlich viele Archaismen, also alte Wörter. Es lässt einen sehr guten Blick in die indogermanische Sprachgeschichte zu. Die angesprochene Kompositionsfreude ist ein Merkmal des Sanskrit. Im Altindischen sind ganz wundervolle literarische Werke entstanden, die tiefsinnig, lehrreich und fesselnd einen Einblick in die altindische Weltsicht bieten. Sanskrit ist nicht nur wegen der Texte und deren Inhalte, sondern auch vom Aufbau, Klang und von der Struktur her "die schönste Tochter der indogermanischen Sprachen".

Hat Sanskrit für uns in Deutschland eine Bedeutung?

Nun, in esoterischen Kreisen, in der Yoga-Bewegung, nimmt man gern Bezug auf altindische Texte - die Veda-Texte. Dort werden die Inhalte jedoch oft etwas verzerrt. Altindische Literatur und darin verarbeitete Weisheiten und Lehren sind jedoch unglaublich bunt, vielfältig und tiefsinnig, von der so mancher Inspiration erfährt. Hermann Hesses "Siddharta" beispielsweise ist altindisch inspiriert.

Welche Wörter stammen aus dem Sanskrit?

Es gibt im Deutschen hier und da einige Wörter, die jedoch nur indirekt aus dem Sanskrit stammen: Nirvana, Mantra, Guru, Yoga, Dschungel, Lack, Tantra, Punsch, Avatar und Ingwer beispielsweise.

Wo spricht man Sanskrit?

Historisch im nördlichen Indien nebst (heute) angrenzenden Ländern. Heute ist Sanskrit eine der 22 Amtssprachen Indiens.

Wer sprach und spricht Sanskrit?

Früher waren es Gelehrte, Brahmanen, Mönche, Literaten, doch keine Frauen! Heute sprechen Sanskrit alle Interessierten, auch Frauen. Ich kenne eine Dame in Dresden, die aus Indien kommt und in der Schule Sanskrit-Unterricht genossen hat. Sie ist ganz begeistert, dass man sich in Deutschland so intensiv damit befasst.

Wieviele Menschen sprechen Sanskrit?

Ein Zensus von 1981 gab 6000 Muttersprachler an, die Zählung 2001 bereits 14 135. Die Zahl derer, die Sanskrit als zweite Sprache lernen, geht in die Hunderttausende.

Wo wird Sanskrit heute gelehrt?

In Klöstern, Schulen und Universitäten. Sonst beschäftigt man sich mit Sanskrit im Rahmen der Sprachwissenschaft. Das Sprechen ist dabei zweitrangig. Die sprachwissenschaftliche Analyse steht im Vordergrund.

Sie beschäftigen sich nicht nur mit Sanskrit, sondern vielen anderen Sprachen. Mit welchen?

Es ist so, dass Sanskrit lediglich eine von etwa 30 Sprachen ist, mit denen ich mich auseinandergesetzt habe, die meisten davon sind "tote" Sprachen. Ich habe mich u.a. mit Latein, Altgriechisch, Althochdeutsch, Avestisch, Altisländisch, Jiddisch, Hethitisch, auch Akkadisch und Sumerisch und mit dem runischen Germanisch beschäftigt. Neben der Sprache analysiert man auch die Schrift, sie ist ja für uns der Träger dieser toten Sprachen, denn Sprecher gibt es nicht mehr.

Gespräch: Katrin Richter

Fortführungskurs Sanskrit, 26. Oktober 2015 bis 11. Januar 2016 (jeweils montags, 17 bis 18.30 Uhr, Volkshochschule, Gerokstraße 20)

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.09.2015

Katrin Richter

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