Volltextsuche über das Angebot:

28 ° / 17 ° Gewitter

Navigation:
Google+
Auf nach Santiago de Compostela

Über 3000 Kilometer gepilgert Auf nach Santiago de Compostela

Corinna Kluge erfüllte sich im vergangenen Jahr einen großen Traum. Sie pilgerte über 3000 Kilometer – von der eigenen Haustür bis zur heiligen Kathedrale ins spanische Santiago de Compostela. Diese selbst auferlegte Mammutaufgabe lehrte die Dresdnerin, dass es für ein erfülltes Leben nicht wirklich viel braucht.

Corinna Kluge zerlief auf den 3100 Kilometern zwei Paar Wanderschuhe. Das dritte Paar hebt sie nun zur Erinnerung auf.

Quelle: Anja Schneider

Dresden. Corinna Kluge kann sich ihr Lächeln nicht verkneifen. Wie von Geisterhand wandern ihre Mundwinkel bei jedem Satz nach oben, während sie in Gedanken verschwindet und über ihre großes Abenteuer berichtet. Alles in der richtigen Reihenfolge zusammen zu bekommen, sich an die schier unendlich vielen Details zu erinnern und ihre Gefühle in die richtigen Worte zu fassen, ist für die 46-Jährige gar nicht so einfach. Zu viele Eindrücke hat sie erlebt auf ihrer Reise, zu viel hat sie gesehen, zu viele Erfahrungen gesammelt.

Denn nur mit einem Rucksack und viel Liebe zum Wandern bewaffnet machte sich die Dresdnerin Mitte des vergangenen Jahres auf zu einer Reise ins spanische Santiago de Compostela. Jener Ort, zu dem mittlerweile jährlich abertausende Europäer von unterschiedlichsten Orten aus pilgern. Doch obwohl das Pilgern gerade richtig populär wird, nimmt kaum einer die volle Distanz – nämlich von der eigenen Haustür bis zu den Stufen der heiligen Kathedrale in Santiago de Compostela an der Atlantikküste – der Endstation des Jakobswegs.

Eine Beschriftung des Jakobsweg in Frankreich

Eine Beschriftung des Jakobsweg in Frankreich.

Quelle: privat (Corinna Kluge)

Corinna Kluge ist diesen Weg gegangen – mehr als 3100 Kilometer. 146 Tage lief sie unter der wohligen Wärme der Sonne und durch peitschenden Regen, hinweg über die Grenzen vierer Länder, Stöcke, Steine und Berge. Die allgegenwärtige Kargheit der Wanderschaft lehrte sie dabei, dass es für ein erfülltes und glückliches Leben nicht viel mehr braucht, als „etwas zu Essen und ein Dach über dem Kopf.“ Eine Erfahrung, die Corinna Kluge bis heute begleitet.

Die Lust zum Pilgern kam nicht von ungefähr

Der Jakobsweg ist der wohl bekannteste Pilgerpfad in Europa und diente ursprünglich dazu, sich von seinen Sünden und seinen Verfehlungen reinzuwaschen. Und obwohl Corinna Kluge bisher in ihrem Leben noch nicht allzu viel verfehlt hat, entschied sich die Modellmalerin für den Weg nach Santiago de Compostela. Doch die Lust zu dieser über 3100 Kilometer langen Pilgerreise entfachte nicht spontan und von ungefähr. Kluge tastete sich in den vergangenen Jahren vorsichtig an das Pilgern heran. „2012 habe ich aus dem Spaß heraus mit einer Freundin die letzten 200 Kilometer des Camino Francés abgelaufen“, so die Dresdnerin.

Der Camino Francés ist wohl der bekannteste Abschnitt des Jakobswegs und führt über 800 Kilometer durch Nordspanien direkt nach Santiago de Compostela. „Da habe ich gemerkt, dass das Pilgern etwas für mich ist“, erklärt Kluge. 2014 nahm sie deshalb ihren kompletten Jahresurlaub und zusätzliche sechs Wochen unbezahlten Urlaub und pilgerte den Camino Francés über die volle Distanz. 2015 lief sie gemeinsam mit ihrem Freund rund 300 Kilometer von Sienna nach Rom und stellte fest: „Ich will mehr!“

So reifte letztlich der Gedanke, von zuhause aus loszulaufen. „Ich wollte diese Reise unbedingt alleine antreten, um ungehemmter und ungebunden zu sein“, so die 46-Jährige. Zudem stellte sie bereits 2014 fest, dass man als Alleinreisender einfacher und besser Kontakt zu anderen Pilgern aufnehmen könne, was laut Kluge auch ein wesentlicher Bestandteil des Pilgerns sei. Etwa vier Monate lang plante die 46-Jährige ihre Reise, Kündigung der Mietwohnung und Autoverkauf inklusive, um das Abenteuer überhaupt finanzieren zu können. „Ich habe mit etwa 20 Euro am Tag kalkuliert und fünf Monate Reisezeit plus Reservemonat anvisiert. Am Ende ist es in etwa aufgegangen“, so Kluge. Ihr Arbeitgeber gewährte ihr die dafür nötige Auszeit.

Startschwierigkeiten und ein „überwältigendes Gefühl der Freiheit“

Am 1. Mai 2016 stand Corinna Kluge dann in den Startlöchern. Im 13 Kilogramm schweren Rucksack nur das nötigste: Handy, Kreditkarte, 200 Euro Bargeld, Ersatzhose, drei T-Shirts, Notfallmedizin, Pfefferspray und ein Schlafsack. Dazu der obligatorische Pilgerstock. Den ersten Stempel in ihrem Pilgerbuch sollte das Konterfei der Hofkirche zieren, die seit 2013 eine von Hunderten offiziellen Pilgerorten des europäischen Jakobswegs ist.

Start zur ersten Etappe nach Pesterwitz

Start zur ersten Etappe nach Pesterwitz.

Quelle: privat (Corinna Kluge)

Doch weil der 1. Mai 2016 ein Sonntag war, blieb das Stempelkissen in der Hofkirche geschlossen. „Das war gleich der erste Dämpfer und sehr traurig“, erinnert sich Kluge. Doch Abhilfe wurde schnell gefunden: Das Signum der Frauenkirche steht nun an erster Stelle im Pilgerausweis der Dresdnerin, für den sie insgesamt vier Exemplare zusammenkleben musste, um Platz für die über 150 Stempel zu schaffen, die sie in den folgenden Monaten sammeln würde.

Auf der ersten Etappe nach Pesterwitz wurde Kluge noch von einer Freundin begleitet, ehe sie an Tag zwei allein in Richtung Freiberg aufbrach und alles hinter sich lies. „Ich war total aufgeregt. Natürlich kamen auch kleine Zweifel, ich machte mir Gedanken über Familie, Freunde und meine Wohnung. Meine Familie war nicht restlos begeistert von meinem Plan. Doch als ich alleine durch die Rapsfelder lief, überkam mich ein überwältigendes Gefühl der Freiheit, es war fantastisch. Die Neugierde war riesig, Angst spürte ich gar keine“, so die 46-Jährige.

Und so lief Corinna Kluge – nach Hof, Nürnberg, Ulm, Konstanz, durch die Schweiz, weiter quer durch Frankreich nach Lyon und Moissac und schließlich entlang der spanischen Nordküste über Bilbao und Santander an den Atlantik nach Santiago de Compostela. Tag für Tag legte die 46-Jährige dabei zwischen 10 und 47 Kilometer zurück. „Ich bin jeden Tag gerne losgelaufen. Zweifel oder gar der Gedanke ans Aufgeben kam mir nie“, so Kluge.

Entspannte Reise trotz einiger Freiluftübernachtungen

Da der Jakobsweg mittlerweile durch ganz Europa zu beinahe jedem beliebigen Ort führt und ausgeschildert ist, stehen den Wandernden auch etliche kostengünstige Übernachtungsmöglichkeiten zur Verfügung. „In Deutschland muss man sich in der Regel einen Tag eher anmelden, man findet eigentlich immer eine Bleibe“, so Kluge. Doch „eigentlich“ ist auch der Grund, warum die Dresdnerin dennoch einige Male in der freien Natur übernachten musste.

Pünktlich zum Muttertag war es das erste Mal soweit. „Ich habe mich etwas verplant und keine Unterkunft gefunden, auf einmal wurde es dunkel“, erinnert sich die 46-Jährige. In einer Kleingartensparte fand sie letztendlich einen geschützten Platz für die Übernachtung im Freien. „So gefroren habe ich noch nie in meinem Leben.“ Einige wenige Freiluftaufenthalte in Frankreich und Spanien sollten noch folgen, obwohl es in Europas Süden laut Kluge mehr Möglichkeiten zur Übernachtung von Pilgerern gebe.

So gestaltete sich Kluges Alltag deutlich leichter, als man zunächst vermuten könnte. Dank des mittlerweile europaweit ausgebauten Jakobsweg-Netzes und entsprechender Reiseführer sei auch die Navigation kein Problem gewesen. „Natürlich habe ich mich auch manchmal verlaufen, aber letztendlich immer wieder den richtigen Weg gefunden“, so Kluge. Der Jakobsweg sei dabei auch generell gut ausgeschildert. Fast überall lassen sich kleine Muscheln, Balken und Symbole an Straßen und Wanderstrecken finden, die den Weg zur nächsten Etappe weisen.

Eindrücke und Erfahrungen für den Rest des Lebens

Tagsüber aß die Dresdnerin meistens Obst und Müsliriegel, am Abend kochte sie gemeinsam mit anderen Pilgern in den Herbergen oder kehrte in regionale Gasthäuser ein. Auf ein Ritual freute sich
Kluge dabei besonders: „Ich habe nach jeder Etappe meine Schuhe ausgezogen und ein kühles Bier genossen.“ Vielleicht war das auch der Grund, warum die 46-Jährige nie wirklich körperlich erschöpft war.

„Natürlich hatte ich auch manchmal Rücken- oder Fußschmerzen am Abend, doch nie wirklich schlimm. Ich bin nahezu jeden Tag voller Energie und Freude losgelaufen“, so Kluge. Ihr „Material“ hingegen machte auf der 3100 Kilometer langen Reise deutlich eher schlapp: „Ich habe zwei Paar Schuhe komplett zerlaufen und musste mir unterwegs neue kaufen.“

Dass es zum Pilgern nicht mehr als ein intaktes Paar Schuhe, einen Wanderstock und viel frohen Mut braucht, erkannte Kluge bereits bei ihren ersten Reisen in den vergangenen Jahren. Doch die Mammutwanderung von fünf Monaten am Stück lehrte sie nun eine entscheidende Lektion für ihr restliches Leben. „Man merkt, was wirklich im Leben zählt und wie wenig Dinge es eigentlich braucht – ein Dach über dem Kopf und etwas zu Essen“, so Kluge.

Zudem beeindrucken die 46-Jährige noch heute die Impressionen aus den verschiedenen Ländern. Während die Dresdner Pilgerin in Deutschland relativ wenigen Gleichgesinnten begegnete, traf sie in Frankreich und Spanien auf Dutzende kontaktfreudige Pilger aus ganz Europa. „In Frankreich ist die Mentalität auf dem Land auch ganz anders als bei uns – ruhig und besonnen, man konzentriert sich dort auf die schönen Dinge im Leben", so Kluge. So habe sie fast täglich „unheimlich nette Menschen“ getroffen, mit denen sie zusammen kochte, lachte und auch gemeinsam weiter zog.

Dennoch schätzte die 46-Jährige auch ihre Zeit allein. „Man hat sich meistens nach einigen Etappen freundlich von einander verabschiedet und ist dann seinen Weg weiter gegangen.“ Viel sinniert habe sie dabei allerdings nicht: „Ich habe nur immer daran gedacht, wie gut es mir eigentlich geht.“

Je weiter die Dresdnerin Richtung Santiago de Compostela vorstieß, umso kommerzialisierter fand sie die Jakobswege vor. „Vor allem auf dem Camino Francés gibt es eine Pilgerstätte nach der anderen, Pilger soweit das Auge reicht. Sogar Souvenirläden gibt es dort“, so Kluge. Deshalb entschied sie sich auf den letzten rund 800 Kilometern, den ungeliebteren Camino des Norte zu laufen, entlang der spanischen Atlantikküste. „Da war es schon schwerer, Schlafplätze und Verpflegung zu finden“, erzählt die 46-Jährige. Zudem sei der Weg durch die vielen Berge schwierig gewesen, doch die „atemberaubende Landschaft“ habe sie mehr als entschädigt.

Ankommen ist definitiv schwieriger als Loslaufen

Das erste mulmige Gefühl verspürte Kluge, als nur noch etwa 1000 Kilometer auf der Uhr standen. „Am Anfang denkt man gar nicht ans Ankommen, doch auf einmal erschrickt man, wie schnell alles geht“, so die Dresdnerin. Rund zwei Wochen vor der Ankunft in Santiago de Compostela buchte sie bereits per Telefon ihren Rückflug. „Ab diesem Moment war mir richtig schlecht. Die offene und freie Reise ins Ungewisse hatte auf einmal ein Ende. Damit hatte ich sehr schwer zu kämpfen, das war eine riesige psychische Last“, so Kluge. Doch allmählich stellte sich bei der Pilgerin die Vorfreude auf „Zuhause, Familie und Freunde“ ein. „Nach drei Tagen war ich wieder voller positiver Energie und freute mich auf das, was kommt.“

Auch an die letzten Schritte ihres großen Abenteuers erinnert sich die 46-Jährige genau. „Als ich die Stufen der Kathedrale in Santiago de Compostela hinauf gelaufen bin, fühlte ich mich unheimlich stark. Ich sagte mir: Wenn du das geschafft hast, schaffst du alles im Leben“, so Kluge

Trotzdem ereilte sie nach dem Rückflug in Dresden „der totale Kulturschock“. „Stress, Beton, unpersönliche und hektische Menschen – das war echt krass. Sofort kamen in mir die Erinnerungen an die ländliche Idylle in Südeuropa hoch.“ Deshalb brauchte sie auch einige Wochen, um wieder im normalen Alltag anzukommen. Doch Corinna Kluge hat trotz Rückkehr in eine neue Mietwohnung und an ihre alte Arbeitsstelle nun einen „viel klareren Blick auf die Dinge“. „Ich nehme nicht mehr alles so ernst und gehe viel gelassener an Sachen ran“, erklärt die 46-Jährige.

Und selbst nach dem Mammuttrip an die Atlantikküste hat die Dresdnerin schon wieder die nächsten Pläne für neue Pilgerprojekte im Kopf. „Vielleicht werde ich irgendwann einmal den Olafsweg durch Norwegen pilgern, aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg“, so Kluge. Denn Zeit und Geld für so ein Vorhaben müsse man sich nämlich („leider“) auch erst einmal erarbeiten...

Von Sebastian Burkhardt

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
22.07.2017 - 07:22 Uhr

Den ambitionierten VfL Wolfsburg und Zweitligist Dynamo Dresden trennen finanziell gesehen Welten voneinander. Doch der Wolfsburger Olaf Rebbe hält eine gemeinsame Ligazugehörigkeit für möglich. 

mehr
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.