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Lokales Auf dem heutigen Messegelände stand einst Europas größter und modernster Schlachthof
Dresden Lokales Auf dem heutigen Messegelände stand einst Europas größter und modernster Schlachthof
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15:14 11.03.2018
Luftbild des Schlachthofs Dresden am Ostragehege um 1926. Quelle: SLUB, Deutsche Fotothek
Dresden

36 Hektar Grundfläche, 68 Gebäude von Futterställen über Schlachthäuser, Kühlanlagen, Talgschmelze, Kesselhaus bis hin zu Verwaltungstrakten und Arbeiterwohnungen – Der damalige Hochbauamtsleiter Hans Erlwein machte auch bei der Konstruktion des „neuen“ kommunalen Schlachthofs in Dresden keine halben Sachen und schuf auf dem Gelände im Ostragehege zwischen 1906 und 1910 eine regelrechte technische Kleinstadt samt autarker Wasser- und Stromversorgung.

Heute ist die Messe an diesem für viele Dresdner immer noch „abgeschiedenen“ Ort beheimat, nutzt die Ende der 1990er Jahre restaurierten Schlacht- und Kühlhallen als Ausstellungsfläche. Trotz dieser glücklichen Fügung ereilte einen großen Teil des einst avantgardistischen Schlachthofs – Erlwein konzipierte die Anlage für eine Versorgungskraft von mehr als einer Million Einwohner in Dresden – das gleiche Schicksal wie fast alle anderen Großanlagen in Sachsen: stillgelegt, vergessen, verfallen.

„Man kann mit böser Zunge behaupten, dass unser Schlachthof der einzige seiner Art ist, aus dem – teilweise – etwas geworden ist. Aber es gibt noch sehr viel zu tun“, sagt Ulrich Finger, Geschäftsführer der Dresdner Messe. Und in der Tat sind viele bauhistorisch bedeutende Gebäude auf dem Gelände noch in miserablem Zustand. Während beispielsweise die alten Futterställe – notdürftig hergerichtet – in den vergangenen Jahren als Ausstellungsort für die Ostrale fungierten, nun aber endgültig saniert werden müssen, steht der sogenannte Schweinedom als Landmarke für das gesamte Gebiet seit der Schließung des Schlachthofes 1994 leer und verfällt immer mehr.

Von Europas modernstem Schlachthof zum modernen Messegelände – doch man ist noch längst nicht fertig...

„Das ganze Areal bietet großartige Möglichkeiten, auch mit Blick auf die Bewerbung als Kulturhauptstadt 2025. Hoffentlich können wir die Verwaltung dazu bewegen, die Gebäude weiter auszubauen, beispielsweise für Freizeit- und Kulturangebote“, sagt Finger. Die Messe habe ein großes Interesse daran, sich weiter zu engagieren. „Wir haben unser Augenmerk auch auf den ehemaligen Amtsschlachthof im hinteren Teil des Geländes gelegt. Es wird Zeit, den ehemaligen Schlachthof wieder in das Bewusstsein der Menschen zu bringen“, ergänzt der Geschäftsführer der Messe.

Nun richtet auch das Landesamt für Denkmalpflege erstmals seinen Blick auf die Geschichte und die kulturhistorische Bedeutung der Schlachthöfe in Dresden und ganz Sachsen. Für das aktuelle Arbeitsheft „Kultur- und Baugeschichte der sächsischen Vieh- und Schlachthöfe“ arbeitete sich Ulrich Hübner intensiv durch Dutzende Archive und besuchte alle 42 ehemaligen Schlachthöfe im Freistaat, beziehungsweise das, was davon übrig geblieben ist. „Zugegebenermaßen ist der Erhalt dieser Bauwerke extrem schwierig, weil die Bausubstanz durch die Abnutzung sehr marode und das Material durch Fette, Salze, Gerbstoffe und Chemikalien oft stark kontaminiert war“, erklärt der Autor.

Für Landeskonservatorin Rosemarie Pohlack gehören die Schlachthöfe zur Kategorie „verschmähter“ Bauwerke, denen bislang kaum Beachtung geschenkt werden konnte. So war man seit der Wende größtenteils mit der „Schnellerfassung“ im gesamten Freistaat beschäftigt gewesen und sei bis heute noch nicht dazu gekommen, alle einzelnen Kategorien und Funktionsgruppen ordentlich abzuarbeiten. Umso dankbarer ist das gesamte Landesamt dem ehemaligen Volontär Ulrich Hübner, der Jahre nach Ende dieser Tätigkeit weiter am Thema gearbeitet hat und nun die erste relevante Arbeit dazu liefert. „Schlachthöfe haben eine größere Bedeutung, als nur die Verarbeitung von Tieren. Hier geht es um wirtschaftliche, technische, architektonische und gesellschaftliche Aspekte“, erklärt Pohlack.

Und Dresden kommt dabei in vielerlei Hinsicht eine führende und avantgardistische Rolle zu. Der „Alte Schlachthof“ oder auch „Schlachthof Dresden I“ an der Leipziger Straße, 1873 von der Fleischer-Innung zu Dresden für rund 226 000 Taler gebaut, galt mit seiner Architektur, Aufteilung und Funktionsweise als bahnbrechend und wegweisend auf dem Gebiet des Schlachthof- und Viehmarktwesens. Aufgrund der weit verbreiteten Trichinose und neuen Erkenntnissen im Bereich Hygiene erließen Ende des 19. Jahrhunderts nahezu alle Deutschen Länder neue Schlacht- und Hygienegesetze, die den Bau öffentlicher und kommunaler Schlachtanlagen nach sich zogen. So folgte beispielsweise einige Jahre später der Zentralvieh- und Schlachthof Berlin – so die Vermutung Hübners – nach dem Abbild des Dresdner Komplexes.

Doch ebenso schnell wie der Aufstieg des Schlachthofes an der Leipziger Straße kam auch dessen Ende. Bereits 1897 teilte Oberbürgermeister Beutler der Fleischer-Innung mit, dass man einen kommunalen Schlachthof am Ostragehe plane. Und der sollte gewaltig werden. Der „Schlachthof Dresden II“ galt nach seiner Fertigstellung 1910 (Baukosten: 14 Millionen Mark) als der größte und modernste Fleischverarbeitungsbetrieb Europas und stand in seinen Anfangsjahren nur im Schatten der Union Stock Yards in Chicago („Hog Butcher for the World“) als größtem Schlachthof der Welt. Im ersten Betriebsjahr wurden in Dresden 179 000 Schweine und 31 500 Rinder geschlachtet, unter Einhaltung der zeitgenössischen Tierschutzbestimmung, wie eine Relieftafel des Tierschutzvereins am Verwaltungsgebäude verrät.

Und auch heute profitiert die Stadt von der Weitsicht und der architektonischen Glanzleistung Erlweins. Die großen und massiven Gebäudekomplexe sind zu hochwertigen Messehallen ausgebaut worden, zudem ist das Gelände ideal ans Straßenbahnnetz angeschlossen. Dafür ließ Erlwein einst die Gleisbrücke über die Flutrinne errichten. „Wir sind die einzige Messe in Deutschland mit Ziegeldach. Das hat viele Vorteile“, so Finger

Schluss war im Dresdner Schlachthof 1994, nicht zuletzt, weil der Komplex durch fehlende Modernisierungen und Sanierungen „baulich, wirtschaftlich und hygienisch nicht mehr tragbar war“, ergänzt Hübner. Umso erfreuter sind die Verantwortliche im Landesamt, dass die „kleine Erlwein-Stadt“ – wie das Gelände von Landeskonservatorin Pohlack genannt wird – mit der Messe eine neue Funktion erfährt und möglicherweise in den kommenden Jahren durch neue Nutzungskonzepte wieder im Glanz von einst erstrahlen kann.

Von Sebastian Burkhardt

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