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Lokales 500 Mediziner tagen beim Kongress für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie in Dresden
Dresden Lokales 500 Mediziner tagen beim Kongress für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie in Dresden
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13:00 08.06.2018
In Jonas Melzers Kiefergelenkköpfchen befindet sich die erste selbstauflösende Magnesiumschraube, die in einen Kiefer geschraubt wurde. Quelle: Anja Schneider
Dresden

Knochenzement für Implantate aus dem 3D-Drucker, Knochenzüchtung aus eigenen Oberkieferzellen und die weltweit ersten sich selbst abbauenden Magnesiumschrauben für Kieferbrüche: Im Bereich der Mund-, Kiefer und Gesichtschirurgie passiert im Moment einiges, wie die Ärzte auf dem noch bis zum 9. Juni stattfindendem Jahreskongress der „Deutschen Gesellschaft für Mund-, Kiefer und Gesichtschirurgie (DGMKG) in Dresden berichten.

Medizin vom Labortisch direkt an das Patientenbett

Gleichzeitig fallen andere Sätze. „Wir können vieles, aber sind gefesselt durch ökonomische Barrieren“, sagt Professor Cornelius Klein, Chefarzt am Deggendorfer Klinkum für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie. „Wir haben den Eindruck, dass Technik verhindert wird“, erklärt der Dresdner Professor Michael Gelinsky, der das Zentrum für Translationale Knochen-, Gelenk- und Weichgewebeforschung an der Medizinischen Fakultät leitet.

Um den Unmut zu verstehen, muss die sperrige Bezeichnung „translationale Medizin“ erst einmal auseinander genommen werden. Umgangssprachlich heißt das so viel, wie Medizin vom Labortisch direkt an das Patientenbett. Zum Beispiel in dem Zellen der Mundschleimhaut im Labor gezüchtet und dann in den Mund des Patienten verpflanzt werden.

Ein Beispiel für den Unmut der Kiefer- und Gesichtsspezialisten ist der Fall des Dresdners Reiko Glaser, dessen Kieferspalte mit Hilfe von translationaler Medizin behandelt wurde. Aus Oberkieferzellen wurde im Labor mit Trägermaterial und Serum Knochenmasse gezüchtet und anschließend in seinen Kiefer transplantiert. Fünf weitere Patienten wurden so am Uniklinikum Dresden behandelt. Das war vor rund zehn Jahren. Heute wird den Kindern für die Korrektur der Kieferspalte im Alter von etwa zehn Jahren wieder Knochen aus dem Becken entnommen. Die zusätzliche OP berge Gefahren, sagt die Chirurgin Winnie Pradel vom Uniklinikum.

Der Grund, oder besser die Gründe, haben vor allem mit einer Verschärfung des Transplantationsgesetzes zu tun. Dadurch gleichen Zulassungen in der translationalen Medizin heute zum Teil den aufwendigen Zulassungen von Medikamenten. Zusammen mit komplexen Speziallabors werden die Behandlungen sehr teuer. „Die Regulationsbehörden haben Angst vor langfristigen Nebenwirkungen, wie Tumorbildung beim Einsatz von Stammzellen“, sagt Gelinsky. In der Gesichts- und Kieferchirurgie sind die Patienten zwar selten lebensbedrohlich erkrankt, trotzdem sind sie teilweise hohem Leidensdruck ausgesetzt. Anders seien die Regulationen etwa bei lebensbedrohlichen Tumoren, da seien die Behörden risikofreudiger, berichtet Gelinsky und blickt nach Polen und Tschechien. Dort sei es einfacher Forschung direkt in den Klinikalltag zu integrieren.

Besonders im 3D-Druck im Bereich des Kopfes tut sich viel. „Wenn die Fallzahlen und damit die Industrie und die Zulassungsbehörden mitspielen, könnten wir in fünf Jahren einfaches Gewebe drucken“, sagt Gelinsky. „Ein Knochenstück vielleicht in zehn Jahren“.

Knochenzüchten bei Kiefer-Gaumenspalte

Dass vor allem Jungs mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte zur Welt kommen, ist keine Seltenheit. Die Folge sind, wie bei dem heute 21-jährigen Reiko Glaser, zahlreiche Operationen. In den ersten Lebensmonaten werden bereits Lippen und Gaumen verschlossen. Um die Knochenspalte im Kiefer zu schließen, müssen die Ärzte allerdings bis zum zehnten Lebensjahr warten. Dann wird ein Stück Beckenknochen entnommen, um damit den Kiefer aufzufüllen. Das berge aber auch Gefahren für die Beweglichkeit im Becken der jungen Menschen, erklärt Glasers behandelnde Ärztin am Uniklinikum Winnie Pradel.

Reiko Glasers Kieferspalte wurde am Uniklinikum mit gezüchtetem Knochen behandelt. Das Verfahren hat zwar viele Vorteile, wird aber nicht mehr angewandt. Quelle: Anja Schneider

Zusammen mit den Eltern des damals 10-jährigen Jungen beschloss sie ein neuartiges Verfahren anzuwenden, bei dem aus Oberkieferzellen von Glaser neues Knochenmaterial gewonnen wird. „Tissue Engineerin“ nennen das die Fachleute. Die Zellen wurden im Serum seiner Mutter vermehrt und auf Trägermaterial „ausgesät“. Drei Tage später konnten die Schwämme in den Kiefer transplantiert werden. Nach sechs Monaten war die ehemals offene Kieferspalte nahezu komplett verknöchert und ein fehlender Zahn brach durch. „Fünf Patienten wurden seitdem mit dem neuen Verfahren behandelt“. Es hätten mehr sein können. Denn wegen einer Verschärfung des Transplantationsgesetzes und hohen Kosten für Speziallabors wird der Eingriff in ganz Deutschland aktuell nicht mehr durchgeführt.

Transplantat gibt ihr das Gesicht zurück

Der erste Urlaub nach der Wende 1989 hatte lange Folgen für die Dresdnerin Marion Sühr. Die heute 56-Jährige bemerkte im Anschluss einen Gewebeschwund im Bereich der linken Schläfe, der sich weiter über die Gesichtshälfte ausbreitete. Fünf Jahre war sie in einer Berliner Klinik in Behandlung, dann schwand auch Gewebe im linken Unterarm. Im Dresdner Uniklinikum wurde schließlich der Auslöser gefunden: Borrelien. Übertragen vermutlich durch einen Zeckenbiss im Bayrischen Wald während des ersten Urlaubs nach der Wende. Die Borreliose wurde 2005 mit Antibiotika behandelt.

Eine seltene Folge einer Borreliose-Erkrankung verursachte bei Marion Sühr Gesichtsschwund. Mit Bauchfett wurde ihr Gesicht neu modelliert. Quelle: Anja Schneider

Zwei Jahre später stellte sich Sühr in der Gesichtschirurgie der Uniklinik wegen einer Geschwulst im Nacken vor. Dabei fiel den Ärzten auf, dass ihre linke Gesichtshälfte nur aus Knochen, Muskeln, Nerven und Haut bestand. Mit Hilfe von Bauchfett gelang es den Spezialisten um den Dresdner Professor Günter Lauer das Gesicht zu rekonstruieren. Eine besondere Herausforderung war der Gefäßanschluss der Hauptschlagader an das neue Gewebe. Damit möglichst wenig Narben entstehen, wurde das Fettgewebetransplantat aus dem Bauch, wie bei einem Facelift, von einem unauffälligen Bereich über dem Ohr transplantiert.

Einige Male nach dem Eingriff transplantierten die Chirurgen noch einmal freies Fett als „Fine-Tuning“ für harmonische Übergänge. Heute sind die Spuren der OPs kaum noch zu sehen.

Erste selbstauflösende Kiefer-Schraube

Mit 30 km/h und bergab auf dem Fahrrad passiert es: Der 25-jährige Jonas Melzer (Titelfoto) stürzt im vergangenen Herbst in Dresden vom Rad und landet unglücklich auf dem Kiefer. Mit einer dreifachen Unterkieferfraktur und einem gebrochenen Kiefergelenkköpfchen, das in der Nähe des Ohres sitzt, kommt er in die Notaufnahme.

Normalerweise werden Brüche dieser Art mit Titanplatten und -schrauben wieder zusammengesetzt. Das Problem vor dem der Oberarzt der Mund- Kiefer- und Gesichtschirurgie am Dresdner Uniklinikum Henry Leonhardt steht, ist Melzers Kiefergelenkköpfchen. Hier ist der Knochen weich, die Titanschrauben greifen nicht gut. Außerdem würden bei der anfallenden Entfernung der Schrauben Nerven in der Nähe des Knochen gefährdet. Bei der Suche nach einer Alternative stößt er auf sich selbst auflösende Schrauben aus einer Magnesiumlegierung, die bisher nur in der Orthopädie zum Einsatz kamen. In einem Jahr baut der Körper das Metall ab, in zwei weiteren Jahren wird das Abbauprodukt vom Körper zersetzt. Das wirkt gleichzeitig stimulierend auf das eigene Knochenwachstum von Melzer, um den Bruch zu heilen.

Von der Entdeckung, die weltweit erste sich selbst abbauende Schraube auch im Kiefer zu verwenden, haben nun schon zwölf weitere Personen am Uniklinikum profitiert. Noch hat Melzer eine leichte Gefühlsstörung vor dem Ohr. „Aber Hauptsache, ich kann zubeißen“.

Alte Wurzelfüllung als des Rätsels Lösung

Eine rechtsseitig chronisch verstopfte Nase und stechende Schmerzen an den Händen, die bis ins Gesicht ausstrahlen: Die Symptome von Sylke Logsch stellten die Ärzte zunächst vor Rätsel. Um der Ursache auf den Grund zu gehen, musste die heute 54-jährige Dresdnerin tief in der Vergangenheit graben. Auf Nachfragen der Ärzte 2011 erinnerte sich die Patientin schließlich an eine frühere Backenzahn-Wurzelkanalbehandlung im Jahr 1988. Der Zahn war schon gar nicht mehr in ihrem Mund, sondern längst gezogen. Gab es trotzdem einen Zusammenhang? Außerdem erlitt Logsch 1998 bei einem Unfall eine Mittelgesichtsfraktur, die nicht operiert werden musste. Seitdem bekam sie aber durch das rechte Nasenloch nicht mehr gut Luft.

Die Symptome von Sylke Logsch – verstopfte Nase und strahlende Schmerzen in der Hand – stellten die Ärzte zunächst vor ein Rätsel. Quelle: Anja Schneider

Weder Antibiotika noch Nasenspülungen halfen. Erst mit Hilfe der Computertomographie kamen die Ärzte um den Gesichtschirurgen Dominik Haim am Uniklinikum auf die richtige Spur. Sie entdeckten ein Aspergillom, eine entzündliche Pilzinfektion. Der Auslöser war vermutlich eine überstopfte Wurzelfüllung 1988. Die Infektion musste operativ entfernt werden.

Hinweise auf ein Aspergillom sind manchmal schwierig zu deuten. Typisch ist eine einseitig verstopfte Nase, bei der Spülungen und Antibiotika nicht anschlagen. Auch Nasenbluten und ein Druckgefühl können symptomatisch sein. Nach der operativen Entfernung des Pilzes sind keine Langzeitfolgen zu erwarten.

Von Tomke Giedigkeit

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