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Zwingerfestspiele vor dem Kollaps? - Angeblich Deckungslücke von 800.000 Euro

Zwingerfestspiele vor dem Kollaps? - Angeblich Deckungslücke von 800.000 Euro

Dresden. Den Besucher erwartet ein bewegendes und modernes Drama um Liebe, Macht und Verrat, warben die Veranstalter der Zwingerfestspiele um ihr sommerliches Theaterstück vom 5. bis 21. August im Dresdner Zwinger.

Jetzt wird die Organisation der Veranstaltung selbst offenbar zu einem zeitgenössischen Drama um falsche Kalkulation, Druckausübung auf Dienstleister und verzweifelter Suche nach Stopfen von Finanzierungslöchern.

Statt August des Starken und der Gräfin Cosel sind allerdings die Dresden Event GmbH mit ihrem Geschäftsführer Ralph Sander und letztlich die Tourismuswirtschaft die Hauptakteure in diesem mitreißenden Spektakel. Denn die Dresden Event GmbH ist eine hundertprozentige Tochter der Dresden Tourismus GmbH (DTG), dessen einziger Gesellschafter der Tourismusverein Dresden (TVD) ist.

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Einblicke in die letzten Proben vor der Premiere der Zwingerfestspiele.

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Die Exklusiv-Meldung der DNN vom Mittwoch - Freistaat verklagt die Veranstalter der Zwingerfestspiele auf ausstehende Mietzahlungen in Höhe von knapp 60.000 Euro - hat in der Branche für großen Wirbel gesorgt. Sogleich riefen besorgte Dienstleister in den DNN an, klagten ihr Leid über ausstehende Zahlungen. Doch auch sie wollten - wie die ersten Tippgeber - anonym bleiben, da sie fürchten, künftig aus der Branche keine Aufträge mehr zu erhalten, wenn sie sich öffentlich äußern.

Dafür wurde am Mittwoch erstmals eine konkrete Zahl zur Deckungslücke im 2,6-Millionen-Euro-Etat der Zwingerfestspiele kolportiert. Rund 800.000 Euro soll die Lücke groß sein. Veranstalter Ralph Sander hält sich indes bedeckt, spricht weiter von Spekulationen, verweist auf die Abschluss-Bilanz Mitte oder Ende Oktober. "Es gibt noch Zahlungsströme, das braucht Zeit", teilte Sander mit. So stünden unter anderem bereits zugesagte Gelder aus dem Ticketsystem noch aus.

Gleich mehrere Serviceanbieter und Zulieferer aus Gastronomie, Bühnenaufbau und -technik machten gegenüber DNN nicht beglichene Forderungen von rund 280.000 Euro geltend. "Das sind alles Spekulationen", entgegnete Sander. Laut einer Pressemitteilung seines Unternehmens kann ein solches Ereignis wie die Zwingerfestspiele trotz Tribüne mit 1900 Gästen und Ticketpreisen zwischen 59,67 Euro und 102,82 Euro nicht kostendeckend durchgeführt werden. Die Künstler um Regisseur Dieter Wedel indes sind längst wieder außer Landes, haben offenbar ihre Gagen eingestrichen.

Mit dem Stück "Die Mätresse des Königs" von Autor John von Düffel wollte Wedel eine Brücke schlagen zwischen der Vergangenheit, als August der Starke als sächsischer Sonnenkönig herrschte, und der Gegenwart. Zumindest was Verwicklungen und Verstrickungen angeht, ist Wedel das gelungen. So stieß seine Kritik an mangelnder Unterstützung der Festspiele auf massiven Widerstand in Dresden (DNN berichteten exklusiv). Schon im Vorfeld hatte es öffentlich immer wieder Zweifel an der Wirtschaftlichkeit der Zwingerfestspiele gegeben. Ein Versuch, öffentliche Zuschüsse dafür zu bekommen, scheiterte am Dresdner Stadtrat.

Die ursprüngliche Geschäftsführerin Annett Reeder wurde mitten in den Vorbereitungen ausgetauscht - offenbar zu spät. Der frühere Geschäftsführer der Lichtenauer Mineralquellen GmbH, Ralph Sander, müsse jetzt die Karre aus dem Dreck ziehen, wie Konzertveranstalter Bernd Aust mitfühlend kommentiert. Die Frage stellt sich auch, warum der Tourismusverband eine bis dato im großen Veranstaltungsgeschäft völlig unbeleckte Frau wie Annett Reeder überhaupt als Hauptverantwortliche eingesetzt hatte. Reeder hatte noch mit 30.000 Besuchern gerechnet, 25.000 wurden es letztlich. Wie viele Freikarten darunter sind, ist nicht öffentlich bekannt.

Die zurzeit erkrankte Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) hatte sich im Vorfeld immer für die Zwingerfestspiele stark gemacht. Eigentlich hatte die OB den Veranstaltern zunächst 150.000 Euro, dann 250.000 Euro in Aussicht gestellt. Doch der Stadtrat verweigerte die Gefolgschaft, so dass die CDU-Fraktion nicht einmal mehr einen Antrag stellte, um sich nicht eine politische Niederlage einzuhandeln. Wenn es ganz schlecht läuft und die Stundungs- und Bürgschaftsgespräche der Dresden Event GmbH scheitern, werden sich Stadtspitze und Stadtrat dennoch noch einmal mit den abgelaufenen Festspielen beschäftigen müssen. Denn die DTG erhält jährlich 900.000 Euro von der Stadt. Falls die DTG für die Dresden Event GmbH finanziell einspringen müsste, könnte es doch noch zu einer verdeckten Quersubventionierung durch die Stadt kommen. Alles eine Frage der Abgrenzungsrechnung, heißt es dazu lapidar intern aus der Verwaltung.

Der Freistaat Sachsen hatte keine Probleme, den Veranstalter der Dresdner Zwingerfestspiele auf ausstehende Mietzahlungen für die weltberühmte Barockanlage in Höhe von 59.900 Euro zu verklagen. Kleinere Dienstleister tun sich da schwerer, befürchten Repressalien, wenn sie sich öffentlich äußern. Die DNN bietet allen Betroffenen an, ihr Leid zu klagen - Vertraulichkeit und Anonymität wird zugesichert. Die Nummer zum Kummerbeauftragten Ralf Redemund lautet Tel. 8075-240, besser noch per E-Mail an r.redemund@dnn.de.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.09.2011.

Ralf Redemund

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