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Ein Sternekoch für einen Tag für Dresdens Chipwerker

Ein Sternekoch für einen Tag für Dresdens Chipwerker

Des Deutschen (angeblich) liebste Speise hatte es gestern Mittag schwer in der Chipwerk-Kantine von Globalfoundries Dresden: Ein einzelner Blaumann schnabuliert Currywurst mit Fritten, die große Masse der Mikroelektroniker zieht es an diesem Tag an einen Sondertresen, der nach Pelmeni und Prominenz riecht: Umlagert von Kameras und Werbeplakaten zelebrieren zwei Kellenbewaffnete in Weiß offenbar eine Kochshow und halten mit Headset-Mikrohilfe die hungrige Schlange bei Laune.

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Frank Oehler

Der eine ist Sternekoch Frank Oehler - bekannt als Sterne-Koch aus dem Fernsehen, wie jemand mir ollem TV-Abstinenzler zuraunt.

"Darf's was für den großen Hunger sein?", fragt Oehler den Nächsten in der Reihe. Der grinst verlegen und lässt sich eine ordentliche Portion Pelmeni mit süßem Kraut und Kabeljau auf den Teller schaufeln - sieht nicht übel aus. "Mal was anderes", brummelt ein Chipwerker kauend. Sein Nachbar aus der Kontaktierungsabteilung ist enthusiastischer: "Schmeckt wirklich fein. Das sollte es öfter hier geben", lobpreist er seinen Sternekoch-Teller. Später finden sich Bilder der Speise in lobenden Internet-Einträgen auf "Facebook".

Kreiert haben Oehler und sein Kollege Christian Steuber das Pelmeni-Fisch-Gericht für die eintägige Sonderaktion als Referenz an die Gastgeberländer der Fußball-EM - die Teigtaschen stehen für die Ukraine, der Fisch für das Ostseeland Polen. "Normalerweise würde ich so um die drei Minuten pro Portion kalkulieren, für die Großkantine musste ich Kompromisse eingehen: zehn Sekunden, sonst wären die rund 600 Portionen, die mich heute erwarten, gar nicht zu schaffen", räumt Oehler ein.

Normalerweise bereitet der 48-jährige Sternekoch seine Delikatessen in der Speisemeisterei Stuttgart zu. Da sind am Tag ein paar Dutzend Gäste zu bewirten - hier sind es Hunderte und er kommt sichtlich ins Schwitzen.

Rund 3400 Mitarbeiter arbeiten in den Globalfoundries-Fabriken im Dresdner Norden und die müssen - wie das Chipwerk selbst - rund um die Uhr versorgt werden. Im Schnitt bedeutet das 2400 Portionen alle 24 Stunden, zubereitet von zehn Köchen und 60 Helfern in zwei Kantinen - die vom Betreiber "Compass" indes lieber vornehm "Cafeterias" genannt werden, vielleicht, damit das nicht so proletarisch klingt.

Solche Massen zu verköstigen, zieht logistischen Aufwand nach sich: Je nach Speisekarte ordern die zwei Großküchen am Tag bis zu 360 Eier, 200 bis 300 Kilogramm Salat, 300 Pfund Kartoffeln, 150 Kilo Nudeln und 150 Kilogramm Fleisch, so Bestellchef Steffen Hammer.

Zuletzt sei auch mein persönliches Verkostungs-Ergebnis verraten: Obzwar kein großer Fischfreund, hat mir der Kabeljau gemundet. Und die Pelmeni sind wirklich kein Vergleich zu den Tiefkühl-Teigtaschen, die ich sonst ab und wann in mich hereinstürze. Ich glaub, ich will auch einen persönlichen Sternekoch. Heiko Weckbrodt

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.06.2012

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