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Dresdner „Straßenschule“ steht vor dem Aus

Hilfsprojekt Dresdner „Straßenschule“ steht vor dem Aus

In der sogenannten Straßenschule der Treberhilfe können junge Menschen ihren Abschluss nachholen. Doch das Projekt steht mangels ausreichender Förderung vor dem Aus. Die Verantwortlichen suchen derzeit händeringend nach neuen Geldgebern, Hilfe könnte von Seiten der Politik kommen.

Das „Orga-Team“ der Straßenschule: Treberhilfe-Chef Dieter Wolfer und die Sozialarbeiterinnen Beate Rothe (l.) und Peggy Schramm (r.).

Quelle: Sebastian Burkhardt

Dresden. Für Sarah und Faik geht es gerade in die heiße Phase. Sowohl die 29-jährige Mutter eines 10-Jährigen, als auch der 19-Jährige Schulabbrecher pauken gerade für ihren Realschulabschluss, für den sie in den kommenden Wochen ihre Prüfungen ablegen werden. Ihre Dozentin ist die erst 20-jährige Verfahrenstechnikstudentin Julia Ott, heute steht Chemie auf dem Stundenplan. Sarah und Faik besuchen keine „normale“ Regelschule, sondern holen ihren Abschluss in der sogenannten Straßenschule der Treberhilfe auf der Königsbrücker Straße nach. Doch das Projekt steht mangels ausreichender Förderung vor dem Aus. Die Verantwortlichen suchen derzeit händeringend nach neuen Geldgebern, Hilfe könnte von Seiten der Politik kommen.

Das das Fortbestehen der Straßenschule so wichtig ist, zeigt die beeindruckende Erfolgsquote. „Bei uns hat bisher jeder Schüler seine Prüfungen bestanden und einen Förder- oder Realschulabschluss erhalten“, erklärt Sozialarbeiter Dieter Wolfer von der zuständigen Treberhilfe Dresden. Bislang haben 13 Schüler so einen Abschluss nachgeholt, 15 sollen es in diesem Jahr sein. Vor allen junge Menschen, die auf der Straße leben oder eine Drogenvergangenheit haben, finden in der Straßenschule so eine Möglichkeit, wieder einen Schritt in die richtige Richtung zu gehen.

Ein bunter Mix aus ehrenamtlichen Lehrkräften, Berufstätigen und Studenten arbeitet dabei gemeinsam mit den Schülern auf deren Abschlüsse hin. Täglich pauken die Schüler zwischen 9 und 14 Uhr auf „Augenhöhe“ mit ihren Dozenten in drei verschiedenen Klassenräumen. Auch ein Grund, warum die Sarah die Straßen- und nicht die Abendschule besucht. „So kann ich mit meinem Sohn zur gleichen Zeit zur Schule gehen und niemand guckt mich blöd an“, so 29-Jährige.

Als Vorbild für die alternative Schule dienten der Treberhilfe die Straßenschulen in Südamerika. „Man muss die Bildung zu den Menschen bringen“, so Wolfer. So müsse man bisher gescheiterten Personen die Chance geben, aus ihren Negativkreisläufen auszubrechen – und das funktioniere in erster Linie über Bildung. Zudem erreiche man die Zielgruppe der Straßenschule – junge Menschen zwischen 18 und 27 Jahren ohne Schulabschluss – selten auf herkömmliche Weise. Zu groß sei die Phobie, zu gestört das Verhältnis zur normalen Schule.

Doch das Projekt steht nun kurz vor dem Aus. Seit drei Jahren betreibt die Treberhilfe die Straßenschule, gefördert durch die Aktion Mensch. „Das war nun zum 30. April vorbei“, so Wolfer. Eine private Förderung ermöglicht nun noch den Schulbetrieb bis Ende Juni, bis die Schüler ihren Abschluss in der Tasche haben. Danach ist die Zukunft der Straßenschule ungewiss. Dennoch falle man laut Wolfer natürlich nicht aus allen Wolken, immerhin stehe das Förderende durch die Aktion Mensch schon lange fest. „Doch wir hätten uns die Suche nach einem Geldgeber nicht so schwierig vorgestellt“. So habe er schon unzählige Anträge abschickt, unter anderen auch an das Jobcenter. „Bisher kamen nur absagen“, so Wolfer.

Die Aktion Mensch bietet zwar noch ein Hintertürchen, was man sich laut Wolfer aber als Worst-Case-Szenario aufheben möchte. Man könne laut der Organisation das jetzige Projekt zwar nicht weiter fördern, da es sich um ein Modellprojekt gehandelt habe. Doch wenn sich die Straßenschule künftig auf die Ausbildung geflüchteter Menschen spezialisiere, stehen die Chancen auf eine erneutes Modellprojekt gut. Auch wenn es offensichtlich derzeit die einzige handfeste Option für die Straßenschule ist, bereitet diese Wolfer und seinen Kollegen Unbehagen.

„Die Straßenschule ist Teil der Treberhilfe und mittlerweile fest in unsere Sozialarbeit eingebunden. Der Fokus liegt ganz klar auf schultraumatisierten Menschen. Wir würden gerne offen bleiben, was die Zielgruppe angeht. Zudem würde die Arbeit mit Migranten unseren finanziellen und organisatorischen Rahmen hier sprengen“, so Wolfer. Um weiter wie bisher zu machen, braucht die Straßenschule etwa 100 000 Euro im Jahr. Und dabei sind die Verantwortlichen mehr als genügsam. Die wenigen Lehrmaterialien sind mühsam zusammengetragen worden, Tische, Stühle und Möbel stammen aus Spenden. Auch die von der Vonovia mietfrei zur Verfügung gestellten Räume sind alles andere als saniert, notdürftig aber liebevoll durch die Treberhilfe für den Schulbetrieb fit gemacht.

Auf Hilfe von der Stadt können Wolfer und seine Mitstreiter nicht hoffen. Die Verwaltung stellte auf DNN-Anfrage klar, dass die Straßenschule keine Schule im Sinne des Schulgesetzes sei und deshalb weder Jugendamt noch Schulverwaltungsamt zuständig wären. „Genau hier liegt das Problem. Auch das Sozialamt sagt, sie seien nicht zuständig. Anscheinend bewegt sich unsere Arbeit in einer Grauzone“, so Wolfer. Er hofft dennoch auf „gute Gespräche“ mit der Verwaltung, um irgendwie noch eine Lösung zu finden.

Doch Wolfer ist nicht allein auf weiter Flur. André Schollbach, Fraktionsvorsitzender der Linken im Stadtrat, kämpft derzeit um eine politische Lösung. „Das Projekt ist sehr wichtig und liegt mir am Herzen. Derzeit führen wir Gespräche mit unseren Koalitionspartnern, um noch im Mai einen entsprechenden Antrag im Stadtrat einzureichen“, so Schollbach. Man wolle das nötige Geld für die Straßenschule aus im Haushalt verankerten Sozialpaket zur Verfügung stellen. Wenn das gelingt, könnten im nächsten „Schuljahr“ sogar bis zu 20 Schüler auf die etwas alternative Art und Weise ihren Schulabschluss nachholen.

Von Sebastian Burkhardt

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