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Mit der 7 vom Dorf der Stockroder ins Dorf der Kämpfer

DNN-Sommerserie: Wir bringen Sie auf Linie Mit der 7 vom Dorf der Stockroder ins Dorf der Kämpfer

Wer sitzt eigentlich in Dresdens Straßenbahnen und auf welchen Linien kann die Stadt besonders gut erkundet werden? In unserer Sommerserie „Auf Linie“ stellen wir zweimal wöchentlich eine Straßenbahnlinie mit ihren Besonderheiten vor. Heute: die Linie 7.

Am unteren Ende der Kesselsdorfer Straße dominieren bereits die Nachwende-Bauten. Bevor die 7 gen Zentrum abbiegt, steigen hier besonders viele Passagiere aus und ein.

Quelle: Flechtner

Dresden. Zwischen den weiten Feldern von Pennrich bis zum dörflichen Nordrand von Dresden führt der Weg der Linie 7: Eine reichliche Stunde braucht sie, um 48 Stationen abzuklappern. Die Tour könnte abwechslungsreicher kaum sein: Von einem Dorf im äußersten Westen der Stadt, das seinen Namen wahrscheinlich von mittelalterlichen Stöcke-Schneidern bekam, im Eiltempo durch die Gorbitzer Platte, durchs Stadtzentrum und am Herzen freistaatlicher Regierungsgewalt vorbei zu den Chipwerken im Norden und durch das parkähnliche Klotzsche.

Unterwegs mit der Linie 7

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Dienstagvormittag, halb elf: Außer uns wartet keiner hier oben an der Pennricher Gleisschleife auf die 7, obwohl die Aussicht weit ist und der Blick wandern kann: Über wogende Felder und eine Handvoll Ein-Familien-Häuser, die hier wahrscheinlich schon eine halbe Ewigkeit steht. Der „Park & Ride“-Parkplatz ist leer und auch beim Möbel-Boss nebenan steppt der Bär noch nicht.

Die dünne Besiedlung hat ihre Vorteile – hier muss sich die 7 den Weg nicht mit Autos und Radlern teilen. Ratz-fatz erreicht sie auf separater Gleistrasse Gorbitz und das Bild wandelt sich: Sanierte Platten und 90er-Jahre-Zweckbauten wuschen an den Fenstern vorbei. Graffiti-Sprüher haben sich so gut wie jeden freien Flecken zur Brust genommen. An der nächsten Haltestelle wuchtet ein Pärchen Baumarkt-Beute in die Bahn – er trägt die Spanplatten, sie die Kanthölzer. Ob daraus bis zum Samstag ein Schrank wird?

Doch da lenkt schon ein laut schnatternder Jungmädchen-Trupp die Aufmerksamkeit der Passagiere auf sich. Während sie sich auf ihren Sitzen – noch ist die Bahn halbleer – mit ihren Smartphones verkabeln, werten sie das Wochenende aus. Satzfetzen wabern vorbei: „Und dann ist mein Handy runtergeklatscht…“ „…Das ist ja das Allerletzte…“. Derweil warnt der Tablet-große Doppelbildschirm unter der Decke vor einem Wasserrohrbruch an der „Kesselsdorfer“ – zum Glück für uns ist das Rohr aber weiter landwärts geplatzt, muss uns also nicht weiter scheren.

Nun laviert eine Frau einen jener alten Zweiradkarren herein, die ich zuletzt vor Jahren im Dorf meiner Oma gesehen habe – bis zum Rand gefüllt mit Erde und Blumen. Auch sie kommt aus einem Baumarkt und bringt ihre Schnäppchen per Schiene in Sicherheit. Die blaue Cargo-Tram von VW ist eben doch nicht das einzige Beispiel für die Warenströme, die in Dresden per Straßenbahn von A nach B gelangen.

Währenddessen hat die 7 Gorbitz hinter sich gelassen, zuckelt nun – schon sichtlich voller, aber auch langsamer – an Gründerzeit-Mietskasernen und Post-2000er-Neubauten vorbei. Nur kurz erhaschen die Augen einen Blick auf den auferstandenen Jesus, der vom Annenfriedhof aus die Straßenbahnfahrenden zu segnen scheint.

Steckbrief Linie 7

Linienverlauf : Pennrich – Gorbitz – Löbtau – Hauptbahnhof – Pirnaischer Platz – Albertplatz – Klotzsche – Weixdorf
Linienlänge : 23 Kilometer
Fahrzeit : 64 Minuten
Haltestellen : 48
Fahrgastzahlen : 52 000 Fahrgäste pro Werktag (2016)

„Erst aussteigen lassen!“, ermahnt ein junger Mann an der nächsten Haltestelle seine Jungs, die tobend in die Bahn drängen. Drinnen aber bleibt die Geräusch-Kulisse überraschend leise, eingedenk der vielen Menschen, die den Strab-Zug inzwischen bevölkern: Die meisten Passagiere sind – kaum eingestiegen – in den introvertierten Smartphone-Modus gewechselt. Sie haben weder Auge noch Ohr für Nachbarn oder die am Fenster vorbeirauschenden Sehenswürdigkeiten: die vergammelten DDR-Industrie-Ruinen, den Schrottplatz mit den hochgestapelten Mülltürmen, das Erotikmassage-Studio…oder das stetig wogende Meer tätowierter Wellen im Nacken der Frau in Rosa zwei Reihen weiter.

Langsamer und langsamer wird die Bahn, je mehr sie sich dem Zentrum nähert. Als sie die Kurve am Hauptbahnhof nimmt, ächzt sie bereits hörbar. Die Schienen hier könnten einen neuen Schliff brauchen – oder mehr. Andererseits merkt man, dass die 7 selbst hier im Zentrum über große Abschnitte auf einem eigenen Gleisbett rattert – bisher ist sie superpünktlich.

Der Fahrer

Straßenbahnfahrer Gunther Bösel: „Ich bin seit 1981 Straßenbahnfahrer und habe schon einiges gesehen. Die 7 ist als Linie ganz in Ordnung. Aber manchmal geht es auch schlimm zu, wenn Betrunkene Ärger machen oder Obdachlose sich häuslich einzurichten versuchen. Da bleibt einem kaum etwas anderes übrig, als sie irgendwann rauszuschmeißen, allein schon aus Rücksicht auf die anderen Fahrgäste. Im Moment ist aber nicht viel los – sind ja auch Ferien.“

Mit einem Mal steht aber alles still: Ein Notarztwagen hat die Sirene gesetzt und rast schräg über den Albertplatz. Den nächsten Kilometer kann die Bahn aber ohnehin nur langsam zuckeln: Auf der vielumstrittenen Königsbrücker Straße schleppen sich Autos, Laster und Bahnen oft nur im Schritttempo vorwärts. Umso mehr kann die Tram aufdrehen, als sie die Stauffenbergallee hinter sich gelassen hat und wieder auf eigenem Gleisbett rollt.

Gewandelt hat sich derweil auch das „Publikum“ in der Bahn: Seit dem Hauptbahnhof mehren sich Laptop-, Schlips- und Anzugträger. Wahrscheinlich haben viele von ihnen oben in den Chip-Schmieden des Nordens zu tun, die die 7 jetzt abfährt: Infineon, X-Fab, ZMD, Fraunhofer und wie sie alle heißen.

Wenige Hundert Meter hinter den Hightech-Buden wird es schon wieder ländlich-idyllisch: Weixdorf war einst das Dorf eines Kämpfers, ist der Wikipedia zu entnehmen. „Dorf“ ist der Dresdner Ortsteil sichtlich geblieben, von Kämpen ist nichts mehr zu sehen. Nein, hier steigen eher die Omis und Opis ein und aus, die zum nächsten Supermarkt oder die Verwandtschaft besuchen wollen. Mangels Auto wissen viele hier draußen die Linie 7 sehr zu schätzen.

Doch die „Ernte“ ist hier eine ganz andere als in den Groß-, Bau- und Gärtenmärkten von Gorbitz am anderen Ende der Stadt. Nicht Blumen oder Kanthölzer werden hier durch die Bahn gewuchtet. Hier draußen in Weixdorf zieht ein gebeugter Anorak-Mann kurz vor der Wendeschleife noch seine Vormittagsbeute aus der Bahn: einen stählernen Einkaufswagen, gefüllt bis über den Rand mit leeren Flaschen und Büchsen. Was er von dem Pfand kaufen will, bleibt sein Geheimnis.

 

Von Heiko Weckbrodt

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