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Zwischen Kampfsport und Denksport – Dresdner ist Weltmeister im Schachboxen

Zwischen Kampfsport und Denksport – Dresdner ist Weltmeister im Schachboxen

Der Wechsel ist atemberaubend: Eben noch haben die zwei Kontrahenten harte Hiebe im Boxring ausgeteilt. Nach dem Ringgong setzen sie sich – verschwitzt wie sie sind – ans Schachbrett, das in der Mitte des Rings aufgebaut wird, und versuchen, sich gegenseitig mit den schwarzen und weißen Figuren zuzusetzen.

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In Moskau hat sich Sven Rooch (r.) gegen den Spanier Jonathan Vega durchgesetzt. Seither ist er Weltmeister im Schachboxen.

Quelle: PR

Nach ein paar Minuten Blitzschach ziehen sie sich wieder die Boxhandschuhe über. „Ich mag diese Abwechslung zwischen Kampfsport und Denksport“, sagt Sven Rooch über das Schachboxen. Ende November hat der gebürtige Dresdner bei den Titelkämpfen in Moskau mit einem Sieg gegen den Spanier Jonathan Vega den Weltmeistertitel im Mittelgewicht errungen. Er ist einer der Großen in einer Sportart, die derzeit vor allem wegen ihrer Kuriosität und weniger als anspruchsvolle Disziplin für Aufmerksamkeit sorgt. Im Interview sprach er mit Uwe Hofmann.

Frage: Herr Rooch, vor ihren Titelkampf hatten sie zwei Kämpfe als Schachboxer. In Moskau waren gleich etwa 400 Zuschauer in der Halle, als sie ihren Weltmeistertitel erkämpft haben. Wie fühlt sich das an?

Sven Rooch: Das ist eine coole Sache. Ich habe mich gefreut, dass ich teilnehmen durfte, weil ich erst seit einem dreiviertel Jahr dabei bin. Trotzdem hat man mich für die Teilnahme ausgewählt. Mit dem Kampf in Moskau bin ich sehr zufrieden. Ich bin im richtigen Moment ruhig geblieben, habe in der siebten Runde beim Schachspielen gesiegt.

Wie sind Sie zum Schachboxen gekommen?

Ich habe mit 13, 14 Jahre begonnen, bei der Radeberger Boxunion zu boxen, trainiere seither wenigstens zwei Mal in der Woche. Ich hatte schon in Dresden von Schachboxen gehört. Als ich vor einem Jahr nach Berlin gegangen bin, um eine Ausbildung zum Berufsfeuerwehrmann anzufangen, wollte ich es mal ausprobieren und habe an einem Probetraining beim Chess Boxing Club Berlin teilgenommen. Dort hat es mir gefallen.

Schach spielen konnten Sie da aber schon, oder?

Mein Opa oder mein Vater haben es mir in Kindesalter beigebracht, so genau weiß ich das gar nicht mehr. Hobbymäßig habe ich es schon gespielt, in der Wettkampfvorbereitung wurde mir dann aber erst die Komplexität des Spiels bewusst.

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Hobbymäßig hat Sven Rooch schon seit seiner Kindheit Schach gespielt. Für seine Wettkämpfe im Schachboxen muss er jetzt regelmäßig trainieren.

Quelle: PR

Wie reagieren Ihre Familie und Ihre Freunde auf Ihren Sport?

Die sind sehr neugierig. Es gibt auch viel Aufklärungsbedarf. Manche haben die wildesten Fantasien. Einmal bin ich gefragt worden, ob Schachboxer als Pferd verkleidet gegeneinander kämpfen. Meinen Vereinskumpels musste ich alles erzählen, wie es in Moskau war. Die haben sich gefreut und mir gratuliert.

Gibt es eigentlich in Ihrem Sport mehr Boxer, die mit dem Schachspielen angefangen haben oder kennen Sie auch Schachspieler, die jetzt die Boxhandschuhe schnüren?

Bei uns im Verein ist es relativ ausgeglichen. Bei den Wettkämpfen treten größtenteils Boxer an, die das Schachspiel erlernt haben. Psychologisch ist es leichter für einen Boxer. Die Hemmschwelle, in den Ring zu steigen, ist höher, als sich ans Brett zu setzen.

War es für Sie eigentlich überraschend, dass Sie ihren Gegner Jonathan Vega am Brett und nicht per Knockout besiegt haben?

In vielen Schachboxkämpfen ist es so, dass die Entscheidung im Schach fällt. Beim Boxen ist es eben nicht so schlimm, wenn etwas schief geht. Man kann immer noch versuchen, das auszugleichen. Beim Schach kann man nichts zurücknehmen.

Wie würden Sie ihren Boxstil beschreiben?

Ich habe eine gute Beinarbeit, bin eher ein technischer Boxer. Oft werde ich mit Henry Maske verglichen, da ich groß und schlank bin und die Gegner mit Führhandboxen auf Distanz halte. Zu meinen Stärken zählt die Schnelligkeit.

Und was für ein Typ sind Sie als Schachspieler?

Schwierige Frage. So wie ein Boxer kämpft, so ist er auch als Mensch. Von daher gibt es keinen Unterschied, wenn ich am Brett bin. Auch beim Schach versuche ich, die Oberhand zu behalten, bin aber vielleicht ein Stück verhaltener.

Ich stelle mir den Wechsel von einer Disziplin in die andere besonders schwierig vor. Wie empfinden Sie das?

Wenn man sich ans Brett setzt, muss man das Boxen gedanklich abhaken. Beim Schachspielen müssen gewisse Abläufe einfach automatisch passieren. Viel gedanklich Neues geschieht da nicht. Wenn es dann vom Brett zum Boxen geht, weiß ich, wie es beim Schach steht. Entsprechend kann ich meinen Boxstil wählen. Es geht aber vor allem darum, sofort das Gefühl fürs Boxen zu finden.

Jetzt sind Sie Weltmeister. Was gab es eigentlich für den Titel?

Eine kleine Aufwandsentschädigung. Und natürlich wurden Reise und Unterkunft bezahlt. Für mich ist es ein Hobby und soll ein Hobby bleiben. Klar braucht man den Wettkampf, um sich zu reiben, aber man sollte nicht zu ehrgeizig sein.

Und was wollen sie als Schachboxer noch erreichen?

Solange meine Leistung stimmt und es mir Spaß macht, will ich das machen. Das Hauptaugenmerk liegt auf dem Spaß.

Kommt Ihre Heimatstadt Dresden als Ort für eine Titelverteidigung in Frage?

Einen Kampf in Dresden wird es so schnell nicht geben. Dafür kommen nur größere Städte in Frage, in denen es auch Sponsoren und die nötige sportliche Infrastruktur gibt. In Deutschland haben nur Berlin und München größere Schachboxvereine. Meine erste Titelverteidigung wird für das Frühjahr in Berlin geplant.

Sven Rooch, 26 Jahre, Dresden

Feuerwehrmann in Ausbildung

Mittelgewicht (bis 80 Kg)

Gewicht: 75 Kg

Größe: 1,85 Meter

Elo-Rating: 1600

Schachboxen

Ein Schachboxkampf sieht elf Runden vor, sechs Runden für eine Blitzschachpartie und fünf Boxrunden von jeweils drei Minuten Dauer. Mit jeder neuen Runde werden die Disziplinen gewechselt. Der Wettkampf kann durch einen technischen Knockout oder Schachmatt beendet werden. Endet die Schachpartie unentschieden, entscheiden die Punktrichter über den Sieger beim Boxen. Endet auch der Boxkampf unentschieden, so gewinnt derjenige, der beim Schach mit den schwarzen Figuren gespielt hat. Macht ein Kämpfer über eine längere Zeit keinen Zug im Schach, wird er verwarnt. Eine zweite Verwarnung führt zur Disqualifikation.

Die Ursprünge des Sports liegen im Dunkeln. Manche benennen den Aktionskünstler Iepe Rubingh, der die Disziplin 2003 als Unterhaltungssportart entwickelt habe, eine andere Entstehungslegende verweist auf den Ursprung in einem Südlondoner Boxclub in den späten 70ern. Bisher haben sich mehrere konkurrierende Verbände gegründet, die vor allem Showkämpfe vor jeweils ein paar hundert Zuschauern ausgetragen haben. Schachboxen ist vor allem in Großbritannien, Spanien, Italien, Russland, Deutschland und Indien verbreitet.

Uwe Hofmann

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