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Wolfgang Uhlmann erinnert sich an Viktor Kortschnoi: „Schach – das war sein Lebenselixier“

Schach Wolfgang Uhlmann erinnert sich an Viktor Kortschnoi: „Schach – das war sein Lebenselixier“

Am Montag ist der zweifache Vizeweltmeister Viktor Kortschnoi in seiner Wahlheimat Schweiz im Alter von 85 Jahren verstorben. Sein langjähriger Weggefährte Wolfgang Uhlmann bedauert seinen Tod und würdigt den gebürtigen Russen als bewundernswerten Spieler, der bis ins hohe Alter seiner Leidenschaft gefrönt habe. Dabei gab es eine Zeit, in der Kortschnoi nicht mit ihm redete.

Viktor Kortschnoi konnte bis zu seinem Tode nicht von seinem geliebten Schachspiel lassen.

Quelle: Archiv

Dresden. Der ersehnte Weltmeistertitel blieb ihm zwar versagt, dennoch wurde Viktor Kortschnoi zur Schachlegende. Der gebürtige Russe, der 1976 anlässlich eines Turniers in Amsterdam in den Westen floh und später Schweizer Staatsbürger wurde, galt als stärkster Spieler, der nie die Krone des königlichen Spiels trug. 1978 und 1981 stand er im Finale Anatoli Karpow gegenüber, verlor aber beide Male nur knapp. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist der Großmeister (Elo-Bestwert 2695) am vergangenen Montag im Alter von 85 Jahren in seiner Schweizer Wahlheimat gestorben. Ein Verlust für die Schachwelt, den auch Dresdens Schachidol Wolfgang Uhlmann bedauert. Der 81-Jährige erfuhr per Mail vom einem Schachfreund aus Österreich vom Tod Kortschnois, den er seit Jahrzehnten gut kannte: „Ich habe noch letztes Jahr einen Kampf in Zürich gegen ihn gespielt. Wir haben vier Partien ausgetragen und uns 2:2 getrennt. Es ist tragisch, dass er jetzt verstorben ist.“

Obwohl es Uhlmann mit „Viktor dem Schrecklichen“ manchmal nicht leicht hatte, bewunderte er den früheren Vizeweltmeister für dessen Schachleidenschaft, die er bis zuletzt nicht aufgab: „Er war schon sehr lange krank, hatte vor einigen Jahren einen Gehirnschlag und war fast gelähmt. Er saß danach im Rollstuhl und auch seine Sprache war nur noch schwierig zu vernehmen, aber er hat sich noch unglaublich schachlich betätigt. Schach – das war sein absolutes Lebenselixier. Er hat sich jeden Tag von früh bis abends seinem geliebten Schachspiel gewidmet und fleißig trainiert.“ Bis zuletzt sei er geistig topfit gewesen.

So freundschaftlich, wie sich Kortschnoi und der Sachse im Herbst ihrer Karriere begegneten, war das Verhältnis der beiden einstigen Spitzenspieler nicht immer. Eine denkwürdige Begebenheit aus dem Jahr 1981 sorgte für eine längere Funkstille zwischen den Großmeistern. Was war passiert? Vor dem zweiten WM-Finale, das der dem Ostblock abtrünnige Kortschnoi damals in Meran gegen Weltmeister Anatoli Karpow bestritt, hatte sich Uhlmann ungewollt den Zorn des Herausforderers zugezogen: „Zur Vorbereitung von Karpow hatte mich der sowjetische Schachverband gebeten, ob mich Karpow mal eine Woche in Moskau konsultieren könnte, weil ich in der französischen Verteidigung erfahren war. Das sollte heimlich vonstatten gehen, ist aber irgendwie durchgesickert. Wahrscheinlich hat das Karpow mit Absicht gemacht, damit Kortschnoi nicht französisch spielt, was er dann auch nicht getan hat.“ Als Kortschnoi erneut gegen den als linientreu geltenden Karpow unterlag, war er erst recht stocksauer auf Uhlmann: „Er war mir drei Jahre bitterböse, hat nicht mit mir gesprochen. Er hat sich maßlos geärgert, dass Karpow mein Wissen abgefragt hat.“

Dass er nie den Weltmeistertitel gewann, das habe Kortschnoi bis zu seinem Lebensende nicht wirklich verwinden können, glaubt Uhlmann. „Das hat ihn fürchterlich gewurmt, er war gegen Karpow auch zweimal sehr nahe dran gewesen. Er war zwar ein energiegeladener und immens fleißiger Spieler mit einer hohen Siegquote, aber auch ein schlechter Verlierer. Da konnte er regelrecht wütend werden. Dann hat er mitunter die Schachfiguren zusammengeschoben, ist aufgesprungen und ohne Gratulation an den Gegner gegangen“, weiß Uhlmann. Obwohl Kortschnoi oft cholerisch aufgetreten sei, habe er später doch Fehler zugeben können. „Er war dann schnell wieder normal. Er hat in seiner Karriere ja auch nur wenige große Niederlagen erlitten.“ Auch mit Uhlmann söhnte er sich aus: „Zwischen uns hat sich das wieder eingerenkt. Er war ja später auch oft in Dresden, da haben wir uns gut verstanden.“ Wenn es um Schach ging, dann sei Kortschnoi aufgeblüht. „Es hat ihn sonst nichts groß interessiert. Schach – das war sein Leben“, ist Uhlmann felsenfest überzeugt. Dafür habe Kortschnoi in den Zeiten des Kalten Krieges auch seine Heimat, Frau und Sohn verlassen, „weil ihn die Sowjetunion nicht mehr in westlichen Ländern spielen lassen wollte“.

Wie stark der vierfache UdSSR-Meister und fünffache Schweizer Champion noch bis ins hohe Alter Schach spielte, das bewies er auch mit dem Seniorenweltmeistertitel, den er 2006 im italienischen Arvier gewann. Noch im Januar 2007 war der bis zuletzt in Wohlen im Kanton Aargau beheimatete Kortschnoi die Nummer 85 der Welt und damit der älteste Spieler in den Top 100. Im März 2014 bestritt er in Leipzig zwei Schaupartien gegen Uhlmann und gewann sie, ehe ihm der Dresdner ein Jahr später in Zürich das schon erwähnte 2:2 abtrotzen konnte. Seinen letzten eigenen Turnierauftritt hatte das FIDE-Ehrenmitglied im November 2015 anlässlich der Ausstellung im Schweizer Schachmuseum in Kriens zu seinem 85. Geburtstag. Dort gewann Kortschnoi gegen den fast 90-jährigen Russen Mark Taimanow 2,5:1,5.

Von Jochen Leimert

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