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Ulf Kirsten und Dynamos Meistersaison '88/89: Ein Traum wird wahr, ein anderer platzt

Ulf Kirsten und Dynamos Meistersaison '88/89: Ein Traum wird wahr, ein anderer platzt

"Wir haben es erst geglaubt, als rechnerisch nichts anderes mehr möglich war." Am 10. Mai 1989 konnten Ulf Kirsten und seine Mitspieler den ersten Meistertitel für Dynamo Dresden seit zehn Jahren bejubeln.

Dresden.

Mit einem 2:2 bei Hansa Rostock beendete die Mannschaft von Trainer Eduard Geyer endgültig die Vorherrschaft des Erzrivalen BFC und krönte eine fantastische Saison, die zweifellos zu den erfolgreichsten der Vereinsgeschichte gehört. Vom ersten bis zum letzten Spieltag standen die Schwarz-Gelben in der Tabelle ganz oben, zudem verpassten sie am 19. April 1989 nur knapp den Sprung ins Finale des UEFA-Cups.

Was im Frühling des Wendejahres in der DDR-Oberliga seinen glorreichen Abschluss fand, das begann im Sommer 1988 mit einem 2:0-Auftaktsieg gegen Erfurt. Während Titelverteidiger BFC beim 2:2 in Halle patzte, tankten die Dresdner soviel Selbstvertrauen, dass sie gleich ein 2:0 in Magdeburg nachlegten. Das überraschende 3:4 gegen den FC Karl-Marx-Stadt, bei dem Kirsten seine Saisontore zwei und drei schoss, brachte die Geyer-Elf nicht aus der Fassung, sondern spornte sie erst richtig an. Zehn Siege zwischen dem 4. und dem 13. Spieltag untermauerten schnell den Anspruch der Dresdner, es dem Schiebermeister aus Berlin nicht nur im FDGB-Pokal mal so richtig zu zeigen. Eine ihrer schärfsten Waffen war ein Sturmduo, das in dieser Saison selbst die begnadeten BFC-Torjäger Andreas Thom und Thomas Doll (je 13 Saisontreffer) in den Schatten stellte: Ulf Kirsten und Torsten Gütschow. Während es der Riesaer Kirsten in 24 Spielen auf 14 Tore brachte, schaffte der Görlitzer Gütschow in allen 26 Punktspielen gar 17 Treffer. ",Horscht´l' durfte ja die Elfmeter schießen", lacht Kirsten heute noch und versichert, dass ihm die später in der Bundesliga mit Bayer Leverkusen dreimal eroberte Torjägerkanone 1989 nicht so wichtig gewesen sei. "Und alleine haben wir die Tore sowieso nicht gemacht. Wir hatten eine Truppe, die uns sehr gut zugearbeitet hat. Jungs wie Hans-Uwe Pilz hatten das Auge für den freien Mann."

Beim Polizeiverein Dynamo zählte noch mehr als anderswo das Kollektiv, für persönliche Eitelkeiten war unter dem gestrengen Coach Geyer auch gar kein Platz. "Wir waren eine Mannschaft, die immer einen guten Zusammenhalt hatte, die an sich geglaubt hat. Ede hat uns wenig Spielraum für Überheblichkeit gelassen. Bei ihm ist keiner abgehoben, er hat sehr darauf geachtet, dass wir das große Ziel auch schaffen", erinnert sich Kirsten, der schon 1983 mit 17 Lenzen noch unter Geyers Vorgänger Klaus Sammer den Sprung in die 1. Mannschaft geschafft hatte.

Geyers Methoden waren erfolgreich, beliebt indes nicht immer. Der Trainer ließ schon mal einen Schlüsselbund durch die Kabine fliegen, wenn ihm seine Pappenheimer nicht gut genug zuhörten. Kirsten hat er damit nicht getroffen, aber auch der Schwarzschopf bekam bei ihm durchaus sein Fett weg: "Mir ist er mal mit einer Eckfahne hinterher gerannt. Da habe ich irgendwas Flapsiges gesagt, da kam er - und er war richtig schnell. Da bin ich quer durch den Großen Garten gelaufen, er mir immer hinterher."

Einholen konnte der Meistercoach den nur 1,72 Meter großen Torjäger aber nicht. Der hatte einen eingebauten Turbo, mit dem er auch international seine Gegenspieler abhängte. Im UEFA-Cup hatte Kirsten großen Anteil daran, dass Dynamo zum ersten und einzigen Male bis ins Halbfinale eines Europapokal-Wettbewerbs vordrang. In der ersten Runde erhöhte er im Rückspiel gegen Aberdeen nach Gütschows Führung zum 2:0-Endstand. Beim 4:1-Heimsieg gegen den KSV Waregem glückten Kirsten nach Uwe Kirchners 1:0 sogar drei Treffer. Auch gegen den AS Rom war auf ihn Verlass, beim 2:0 im Rückspiel schoss er aus Nahdistanz das zweite Tor gegen die mit Rudi Völler und Bruno Conti angetretenen Italiener.

Beim 1:1 bei Victoria Bukarest hatte Kirsten aber Pech, denn er flog in der 2. Minute nach einer Rangelei mit Rot vom Feld und bekam vier Spiele Sperre aufgebrummt. So verpasste er das Halbfinale gegen Stuttgart, in dem nach einem 0:1 auswärts und einem 1:1 daheim das Aus kam. "Das war bitter, denn ich bin bis heute überzeugt, dass die Rote Karte nicht gerechtfertigt war", ärgert sich der heute 47-Jährige immer noch. Auch Eduard Geyer wurmt die Geschichte noch, wie er in Jens Genschmars Buch "Mit Dynamo durch Europa" beschreibt: "Gerade die Sperre von Ulf Kirsten war entscheidend. Er war in dieser Zeit in einer sehr, sehr guten Verfassung. Gerade in den Spielen gegen den AS Rom konnte er dies beeindruckend zeigen." Die Rote Karte in Bukarest sei sehr hart gewesen: "Ulf war auf dem Weg zum Tor, dabei wurde er gehalten und riss sich los." Diese Lücke sei gegen den VfB für Dynamo nicht zu schließen gewesen. "Ich denke, dass es mit Ulf Kirsten für das Finale gegen den SSC Neapel mit Maradona gereicht hätte. Was auch unser Ziel war."

Groß gefeiert wurde aber trotzdem noch. Nach einem 5:0 über Union Berlin stieg am 3. Juni 1989 im eigenen Stadion die Meisterfete. Auf einem Feuerwehr-Oldtimer fuhren Kirsten und die Kameraden durch das Rund. Acht Punkte Vorsprung hatten sie am Ende auf den Erzrivalen von der Spree angehäuft. Den BFC endlich entthront zu haben, das war für die Fans weit mehr als nur ein schwacher Trost für den geplatzten Finaltraum. Wie sich die Zeiten ändern - heute wären sie schon mit dem Klassenerhalt in der Zweiten Liga glücklich. Einen Kirsten feiern können sie aber immer noch: Ulfs Sohn Benjamin steht im Tor und ist wie sein Vater einer der Leistungsträger.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.09.2013

Jochen Leimert

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