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Training mit rostigen Geräten - DSC-Sperrwerfer klagen über Geldnot

Training mit rostigen Geräten - DSC-Sperrwerfer klagen über Geldnot

Wenn DSC-Speerwerfer Lars Hamann vor dem Training über sein Arbeitsgerät streicht, müsste er sich eigentlich sofort die Hände waschen gehen. Nicht selten bleiben an seinen Fingern Rostpartikel kleben.

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Lars Hamann zeigt die verrosteten "Methusalem-Speere", die meisten der Trainingsgeräte stammen noch aus DDR-Zeiten.

Quelle: Astrid Hofmann

"Im Training werfe ich mit Speeren, die schon einige Jährchen auf dem Buckel haben. Viele sind Baujahr 1986, also noch aus Zeiten des damaligen Weltrekordlers Uwe Hohn, wo der Speer noch einen anderen Schwerpunkt hatte als heute", berichtet der neue Stern am DSC-Leichtathletik-Himmel schmunzelnd.

Wirklich zum Lachen aber ist dem 24-Jährigen, der vor wenigen Tagen mit seinem Traumwurf über 84,20 Meter das Ticket für die WM in Moskau buchte und damit der einzige Dresdner Starter bei diesen Titelkämpfen sein wird, aber keinesfalls. So lustig sich die Geschichte mit den "Methusalem-Speeren" auch anhört, sie ist eher ein Trauerspiel. Optimale Bedingungen, unter denen Top-Leistungen möglich werden, sehen anders aus.

Bisher fristen die Werfer beim DSC eher ein Schattendasein, weil am hiesigen Stützpunkt nur Sprint (einschließlich Hürdenlauf) und Sprung gefördert werden. So sollte Hamann nach dem Willen des sächsischen Verbandes schon 2009 ins Erzgebirge nach Thum wechseln, wo die Werfer zu Hause seien. "Doch ich wollte mein Umfeld und auch den DSC nicht verlassen, denn ich hänge am Verein", bekennt Lars Hamann, der vom Club eine kleine Aufwandsentschädigung bekommt, aber trotzdem noch kräftig zuzahlt. "Ein moderner Speer kostet zwischen 700 und 1000 Euro. Zuletzt hatte der DSC vor zwei Jahren drei neue Geräte angeschafft. Um aber die guten Wettkampf-Speere zu schonen, benutze ich im Training die alten rostigen, bei denen zum Teil auch schon die Spitze völlig krumm ist. Ich habe auch selbst schon in die Tasche gegriffen, um mir einen guten Speer zu leisten. Da ich noch bei der sächsischen Polizei lerne, geht da fast ein Monatsgehalt drauf", erzählt der ehrgeizige Athlet, von dem seine Trainerin Katharina Wünsche sagt: "Er ordnet sein gesamtes Leben dem Sport unter."

So kämpfte sich der gebürtige Meißner in den letzten Jahren trotz vieler Widrigkeiten (es gab sogar ein kurzzeitiges Verbot, im Steyer-Stadion zu werfen) durch und denkt dabei nicht nur an sich. In den letzten Wochen und Monaten setzte sich Hamann hin und schrieb Briefe an mehr als 60 Firmen in Dresden und Umgebung, um auf seine Trainingsgruppe aufmerksam zu machen und um Unterstützung durch Sponsoring zu bitten. "Wir sind ein Hammerwerfer und fünf Speerwerfer im Alter von 16 bis 24 Jahren, unser Ziel sind die Olympischen Spiele in Rio 2016. Wir bräuchten SIE als Unterstützer", heißt es darin. "Die Antworten, wenn überhaupt welche kamen, waren fast alle negativ", berichtet Hamann frustriert und desillusioniert. Einzig der Laufsportladen Melzer, dessen Inhaber schon immer ein Herz für die Dresdner Leichtathletik haben, luden den Speerwerfer zu Gesprächen ein und signalisierten Hilfe.

Dabei ist mit Johannes Vetter ein weiteres Talent in Sicht. Der 20-jährige Gymnasiast warf in diesem Jahr mit 76,58 Metern ebenfalls eine neue Bestleistung, hatte als einziger DSC-Athlet auch die Norm für die U23-EM, wurde allerdings nicht nominiert, da noch drei andere deutsche Werfer besser waren. "Auch er hat zuletzt 1000 Euro aus eigener Tasche für Trainingslager und Trainingsmittel gezahlt", weiß Hamann, der für das einzige Camp, das er im Frühjahr in Zypern absolvierte, auch 700 Euro beisteuern musste. Selbst die 50 Euro Nachmeldegebühr für die kurzfristige Teilnahme an den Norddeutschen Meisterschaften in Berlin, wo er nach seiner DM-Bronzemedaille und dem ersten Wurf über die 80-Meter-Marke auf Jagd nach der WM-Norm ging, "durfte" er allein berappen.

Auch die Trainer Katharina Wünsche und Steffen Krüger, die Hamann und die anderen Werfer seit elf Jahren betreuen, sind ehrenamtlich im Einsatz. Wünsche arbeitet als Lehrerin am Sportgymnasium und Krüger, der im August 70 wird, ist längst Rentner. Wenn sie ihre Sportler zu Wettkämpfen oder gar ins Trainingslager begleiten, dann bezahlen sie diese "Freizeitbeschäftigung" meist aus dem eigenen Portemonnaie. "Wir sind schon bissel verrückt", grinst Steffen Krüger und Katharina Wünsche fügt an: "Dass der Knoten bei Lars jetzt geplatzt ist, entschädigt uns für viele Mühen. Ich freue mich, dass er jetzt ein wenig aus dem Schatten treten konnte."

An diesem Wochenende haben die beiden Trainer bei den Deutschen Jugendmeisterschaften in Rostock mit Til Kowalsky (16/Speer) und Richard Rost (17/Hammerwurf) die nächsten beiden hoffnungsvollen Athleten am Start. Lars Hamann bereitet sich inzwischen in Dresden akribisch auf die Weltmeisterschaften vor. "Rostige" Hände nimmt er dabei in Kauf.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.07.2013

Astrid Hofmann

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