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Thomas Baron: "Viele haben uns paar Verrückte ausgelacht"

Thomas Baron: "Viele haben uns paar Verrückte ausgelacht"

Bekanntlich hat der SC Borea seine erste Männermannschaft aus dem Spielbetrieb der Oberliga Süd nach 15 Jahren Zugehörigkeit wegen finanzieller Probleme abgemeldet.

Dresden .

Den vormaligen FV Dresden Nord hat Thomas Baron über zwei Jahrzehnte als Sportdirektor und Cheftrainer (mit kurzen Unterbrechungen), unterstützt von engagierten Mitstreitern, geführt. Im Sommer heuerte der 53-Jährige beim Liga-Konkurrenten Budissa Bautzen an. DNN sprach mit dem Profilsportlehrer am Dresdner Sportgymnasium.

Frage: Tränen Ihnen die Augen, wenn sie sehen, was mit Ihrem Lebenswerk passiert ist?

Thomas Baron: Das ist nicht mein Lebenswerk, sondern das Ergebnis des Einsatzes vieler Leute, um im Dresdner Fußball was zu bewegen. Wir haben uns nie als Konkurrenz zu Dynamo betrachtet, wollten die Palette beleben und eine Nische besetzen. Dann kamen kluge - aus heutiger Sicht dumme - Leute, die größenwahnsinnige Veränderungen schaffen wollten. Ich habe es über 20 Jahre erlebt und wollte es selbst nicht glauben, wie das passiert ist. Für unsere Leidenschaft und das riesige Engagement aller Angestellten und Ehrenamtlichen haben wir null Anerkennung geerntet. Die anderen haben uns ausgelacht. Die Jungs und der Verein tun mir leid. Es ist tragisch für die Spieler, die bis zuletzt mitgezogen haben.

Mit Ihrer Philosophie der Nachwuchsentwicklung haben Sie großartige Erfolge erzielt. Zahlreiche Ihrer ehemaligen Schützlinge haben es bis in die Bundesliga geschafft und sich auch in Auswahlmannschaften sowie international einen Namen gemacht.

Unser Schwerpunkt war immer die Nachwuchsarbeit. Immerhin sind unsere A-Junioren als erste in die Bundesliga aufgestiegen

. Wir haben eine Ausbildungsrichtlinie geschaffen. Dresden ist Eliteschule des Fußballs geworden, weil es Borea gibt. Das erfordert jedoch ein Zusammenwirken von Kommune, Verband, Wirtschaft und Kultus.

Die Kooperation mit Dynamo lief nicht immer reibungslos?

In den letzten Jahren haben wir rund 30 Spieler abgegeben. Sie brauchen sich ja nur mal die Aufstellung der SGD anzusehen. Allerdings hat Dynamo den jungen Leuten eine Perspektive eröffnet.

Wie uns der amtierende Geschäftsführer Frank Gaunitz berichtete, existiert die pekuniäre Schieflage schon seit geraumer Zeit.

Sicher habe ich es gewusst, dass es uns schwer fällt, die finanziellen Dinge zu regeln. Da habe ich auch Verantwortung getragen, habe mich aber auch zu wenig damit beschäftigt-

- weil Sie genug mit der sportlichen Seite zu tun hatten.

Wir haben keine üppigen Gehälter gezahlt. Andere Trainer konnten sich ein neues Auto, eine Yacht oder ein Einfamilienhaus leisten. Bei uns haben ein paar Verrückte aus eigener Kraft etwas geschaffen. Im Jägerpark haben wir einen völlig neuen Komplex errichtet, den Kunstrasenplatz und die Ballspielhalle, die auch von Schulen genutzt wird, gebaut. Dazu wurden uns Millionen schwere Kredite aufgebürdet, die uns erdrücken. Dann werden wir wie ein Wirtschaftsunternehmen behandelt; das ist eine Frechheit. Ich bin erzürnt, die Sparkasse trägt eine Mitverantwortung. Außerdem fielen viele Fördermittel weg, und, wie Sie selbst wissen, mit 150 Zuschauern im Schnitt ist es schwer, Kredite zu bedienen. Unser Etat betrug schlanke 150 000 Euro.

Haben Sie immer Ihr Geld bekommen?

Nicht immer. Die letzten drei Monate gab's kein Gehalt. Schließlich muss ich Miete zahlen und mir mal ein Stück trocken Brot kaufen. Darüber hinaus habe ich Borea zig Tausend Euro Kredit gegeben. Ob ich das jemals zurückbekomme, weiß ich nicht.

Was hat Sie bewogen, nach Bautzen zu gehen?

Ich bin weggelaufen, weil ein paar Leute aus dem Umland mit einem IQ gegen null gekommen sind, die sich überschätzt haben. Und ich muss gucken, dass ich nicht von Hartz IV lebe.

Sie haben gleich noch mehrere Spieler mitgenommen. Haben Sie denen etwas Gutes getan, weil die jetzt ihr Geld bekommen?

Sie wollten mitgehen. Es wurde eine bescheidene Ablöse gezahlt. Insofern hat die FSV Budissa dem SC Borea geholfen.

Fühlen Sie sich wohl in Bautzen?

Was heißt, ich fühle mich wohl. Ich erfülle meinen Job, betreue die Männer und die C-Jugend. Zudem bin ich ja noch an der Sportschule tätig, obwohl viele dagegen waren. Aber der Verband hat sich für mich eingesetzt und mir bestätigt, dass ich ein guter Nachwuchstrainer bin. Insgesamt kenne ich 34 Jahre lang das Geschäft - vor dem FV Nord als Übungsleiter bei Dynamo Heide; dazu stehe ich auch heute.

Die Borea-Junioren sind weiterhin erfolgreich.

Die Substanz ist gut, das war schon vorher so.

Letzte Frage: Wohnen Sie jetzt in Bautzen?

Nein, ich fahre mit dem Zug nach Dresden, das ist gemütlich. Es wird Kaffee serviert - und Brötchen, wenn du Geld hast-

15. August 1991 Fusion von Motor TuR Übigau und Dynamo Heide zum SV Siemens-Elektronik-Meßtechnik Dresden

Juli 1992 Umbenennung in FV Dresden Nord

1993 Aufstieg in die Landesliga

1996 Aufstieg mit Trainer Thomas Baron in die Amateur-Oberliga Süd und Erreichen des fünften Tabellenplatzes

Saison 2006/07 Tino Gaunitz wird Cheftrainer

November 2007 Umbenennung in SC Borea Dresden

2007/08 Tabellenführer nach der Hinrunde, Absturz auf Rang elf zum Saisonende

Sommer 2008 Bernd Fröhlich wird Cheftrainer

14. April 2009 Fröhlich wirft hin, Baron übernimmt wieder

Saison 2009/10 Tabellen-13.

15. Dezember 2010 Auf der Jahreshauptversammlung wird der 63-jährige Kaufmann Peter Deutscher einstimmig zum Vorsitzenden des fünfköpfigen Vorstandes gewählt.

24. März 2011 Ignjac Kresic wird Cheftrainer, Thomas Baron bleibt Sportdirektor

29. April 2011 Heimspiel gegen Sachsen Leipzig (1:1): Der erkrankte, auf dem Wege der Genesung befindliche Vorgänger Andreas Rosse wird zum Ehrenpräsidenten ernannt

29. Mai 2011 Das letzte Punktspiel beim FSV Zwickau wird nach 30 Minuten wegen Zuschauerrandale abgebrochen und für Borea gewertet.

12. Juni 2011 Borea schafft den Klassenerhalt nach zwei Siegen in der Relegation gegen Tennis Borussia Berlin (1:0 zu Hause und 2:1 n.V. dort).

Sommer 2011 Thomas Baron wechselt als Cheftrainer zum Liga-konkurrnten Budissa Bautzen und nimmt mehrere Oberliga-Spieler und Junioren mit.

August 2011 Borea startet mit drei Niederlagen und einem Remis in die Saison

26. August 2011 Die Sperrung der Konten durch die Bank wegen fehlender Unterlagen wird bekannt. Vizepräsident Frank Gaunitz wird kommissarischer Geschäftsführer für den beurlaubten Sebastian Rosse.

31. August 2011 Acht Oberliga-Spieler verlassen zum Ablauf der Wechselfrist den Verein.

8. September 2011 Die Verträge mit allen verbliebenen Kickern der 1. Mannschaft werden aufgelöst.

9. September 2011 Der Club meldet die Oberliga-Mannschaft beim Nordostdeutschen Fußballverband ab. Das für den 10. September angesetzte Heimspiel gegen Wacker Gotha wird abgesagt. Alle bisherigen Saisonspiele werden annulliert.

güfra

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.09.2011

(2003 für drei Spielzeiten/d. Red.)Interview: Günther Frank

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