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"Religion Dynamo" - Dresden ist eine Hochburg der Fankultur

"Religion Dynamo" - Dresden ist eine Hochburg der Fankultur

Einige wenige Unbelehrbare halten Verein und Polizei in Alarmbereitschaft, doch die große Mehrheit feiert friedlich, laut und kreativ ihre Mannschaft: Die Fans von Dynamo Dresden setzen auch in der 2. Bundesliga Maßstäbe.

Dresden .

Von Jochen Leimert

Die Mitgliederzahlen sind seit dem Aufstieg auf über 11 000 explodiert, den geplanten Zuschauerschnitt von 17 000 pro Heimspiel hat Dynamo längst überboten (aktuell 27 000), frei empfangbare Fernsehsender wie Sport1 oder das ZDF haben den Klub als Quotenbringer für Live-Spiele entdeckt. Wenn am Sonntag Alemannia Aachen zu Gast im Glücksgas-Stadion ist, dann zeigt sich die bunte Fankultur der Dresdner Fußballanhänger einmal mehr in ihren vielen Facetten. Nach dem 4:2-Sieg in München werden selbst zum Spiel gegen das noch sieglose Tabellenschlusslicht fast alle Blöcke voller Leben, voller Emotionen sein.

Während im Prachtbau Semperoper Mitsingen verpönt ist, wird im Fußball-Tempel an der Lennéstraße auf den Rängen mit Inbrunst der "Zwölfte Mann" gesungen - mit allem, was die Kehlen hergeben. Mit Leib und Seele Dynamo 90 Minuten anzufeuern, das belastet die Stimmbänder eines eingefleischten Fans nicht weniger als eine Siegfried-Partie im "Ring" den bestbezahlten Opernstar. Derlei Unterstützung möchte SGD-Trainer Ralf Loose nicht missen: "Diese Fans muss man pflegen." Sie sind ein Pfund.

Das Spektakel auf den Rängen ist bei Spielen an der Lennéstraße interessanter als in vielen anderen Arenen. "Das ist das, was das Erlebnis Dynamo mit ausmacht", ist Jens Genschmar überzeugt, "denn so schönen Fußball spielen wir in Dresden ja nun auch nicht mehr." Der Inhaber des Dresdner Fußball-Museums, das demnächst wieder im Stadion-Inneren ausstellt, ist seit den späten Siebzigern mit dem Dynamo-Virus infiziert und hat den legendären Kreisel als Kind noch wirbeln sehen. Doch auch die Tiefen des Klubs in den Neunzigern und den Absturz in die Viertklassigkeit im Mai 2000 hat seine Liebe zum Klub überdauert. Das Erleben einer großen Gemeinschaft von Gleichgesinnten, die aus allen Schichten stammen und über Jahrzehnte Rituale herausbilden, fasziniert den FDP-Stadtrat immer wieder. "Dynamo verbindet. Es passiert, dass dir heute einer beim Frisör über den Weg läuft, mit dem du in den 80ern im Europacup in Bukarest warst", schmunzelt der 42-Jährige. Er sammelt nicht nur Devotionalien früherer und aktueller Kicker-Heroen, Fanartikel und alte Stadionansichten, sondern auch alte Zaunfahnen, Fankutten, Sondertrikots, Trommeln und Fanzines.

Die Palette an Utensilien, mit denen Anhänger ihre Leidenschaft für den Verein Dynamo ausdrückten und ausdrücken, ist breit. "Da sind der Kreativität kaum Grenzen gesetzt", weiß Torsten Rudolph, Leiter des Fanprojekts Dresden. Selbst lebendige Vierbeiner mussten schon als inoffizielle Botschafter der Schwarz-Gelben herhalten: Glücksschwein "Eschi" und Ziegenbock "Sigi" überlebten ihre unfreiwillige Berufung allerdings nicht lange. Für ihre Besitzer galt und gilt: Dynamo ist Lebensinhalt, für manche gar "eine Ersatzreligion", wie der Sozialarbeiter Rudolph tagtäglich beobachtet. Beim harten Kern der Fanszene, mit dem Rudolph zusammenarbeitet, bestimme Dynamo das gesamte Freizeitverhalten: "Der Urlaubsplan wird nach dem Spielplan ausgerichtet. Es gibt die sogenannten Allesfahrer, die kein Spiel verpassen wollen." Er glaubt: "Die extreme Treue zum Verein, die extreme Identifikation mit ihm ist schon außergewöhnlich. Das hat man vor allem in den Phasen erlebt, als es darum ging, das neue Stadion an dem Ort zu halten, wo das alte einmal hingebaut worden ist. Oder als diskutiert wurde, den alten Namen SGD statt 1. FC wiederzubeleben. Da haben sich Fans aktiv ins Vereinsleben eingebracht, das tun sie immer noch."

Sich mit Demos, Handzetteln und Choreographien einmischen, mitunter auch Vereinsoberen, Geschäftemachern und Politikern heftig die Stirn bieten, das haben Dynamo-Fans gelernt. MDR-Hörfunkreporter Gert Zimmermann, kurz vor und nach der Wende Stadionsprecher an der Lennéstraße, glaubt: "Diese Fankultur hat ihre Wurzeln darin, dass die Fans irgendwann mitgekriegt haben, dass ihr Verein zugeschlossen werden soll." Auf der Kippe stand Dynamo oft, weil jahrelang die Gier einiger Funktionäre nach sportlichem Erfolg und persönlichem Prestige größer war als die Einsicht, dass es auch eines soliden wirtschaftlichen Fundaments und sportlicher Kompetenz bedarf. Das Versagen des Managements bestärkte die Fans, selbst anzupacken. Und ohne sie und ihre Vertreter im Stadtrat, die dort für den Verein mehrfach die Kohle(n) aus dem Feuer holten, wäre der achtfache DDR-Meister längst untergegangen.

Im Moment müssen die Fans kein Geld wie für die Aktion "Brustsponsor", die Nachwuchsinitiative "Zukunft Dynamo" oder Fanbürgschaften sammeln, dafür finanzierten sie Deutschlands größte Fanfahne. Ein 70 x 35 Meter großes und 500 Kilogramm schweres Banner, das Ultras für 15 000 Euro in Polen fertigen ließen und beim Spiel gegen Eintracht Frankfurt öffentlich im K-Block entrollten. Choreographien wie diese kommen beim Rest der Fans gut an, dienen aber auch dem Wettstreit mit Fans anderer Vereine. "Sie sind das Maß der Dinge", sagt Fanbetreuer Rudolph, "da wird immens Arbeit, Zeit und Geld reingesteckt."

Beileibe nicht alle Aktionen der Ultras finden positives Echo beim Verein und dem übergroßen Rest der Stadiongänger. So randalieren Chaoten aus dem Ultra-Dunstkreis auch meist auswärts, zündeln, pöbeln, prügeln dort und schaden dem Ansehen des mit dem Aufstieg Ende Mai auf die große Bühne zurückgekehrten Klubs gewaltig. Vergangene Saison musste er 45 500 Euro an Geldstrafen an den Deutschen Fußball-Bund überweisen. Gift fürs Image.

Um die Vorfälle zu verringern, Konflikte frühzeitig zu erkennen und zu entschärfen, suchen Verein, Fanprojekt und Polizei das Gespräch mit den Fans, von denen viele die zunehmende Kommerzialisierung des Fußballs ablehnen. Gehör finden sie bei Dynamos Fanbeauftragtem Jan Männig, aber auch bei Geschäftsführer Volker Oppitz. Der Ex-Profi sagt: "Wir sind für den Dialog." Ein Vorgehen, das der Hannoveraner Fanforscher Gunter A. Pilz nur gutheißen kann: "Man muss mündige Fans ernst nehmen. Ultras und Supporter stellen häufig Forderungen, die nachvollziehbar, aber aufgrund der Zwänge im Profi-Fußball nicht immer umzusetzen sind. Hier ist ein Dialog zwischen Vereinen und Fans gefordert", sagte er in einem ZDF-Interview. Vereine dürften aber nicht von kleinen Gruppen erpressbar werden, so Pilz: "Hier muss man den Fans Grenzen aufzeigen."

Wo die in Dresden gezogen sind, das haben Dynamo und die aktive Fanszene 2008 in einer Fancharta formuliert. In ihr sind nicht nur Grundsätze wie Gewaltfreiheit und Anti-Rassismus festgehalten, sondern auch Freiräume für eine bunte Fankultur definiert. Leuchtraketen, aber auch plumpe PR-Maskottchen und kichernde Cheerleader haben keine Chance, Zaunfahnen, Doppelhalter und "Choreos" dagegen schon. "Das ist ein Geben und Nehmen", weiß Rudolph, der seit Jahren weniger Probleme registriert. Der Zuschauerboom trotz höherer TV-Präsenz scheint das zu bestätigen. Und Reporter Zimmermann (Jahrgang 1951) hat beobachtet: "Das Schöne ist: Es trauen sich auch wieder mehr Ältere und Familien ins Stadion. Der Verein gehört allen, - nicht nur den Ultras."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.10.2011

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