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"Mit dummen Sprüchen muss man leben" - Rund 300 Schiedsrichter pfeifen im Stadtverband Dresden

"Mit dummen Sprüchen muss man leben" - Rund 300 Schiedsrichter pfeifen im Stadtverband Dresden

Schiedsrichter sein - keine einfache Sache. Vor allem nicht, wenn man Wochenende für Wochenende neu angemeckert wird von wild aufgebrachten Eltern und Fans.

Dresden .

Wer will denn da noch Schiedsrichter werden? In Dresden anscheinend sehr viele junge Leute. Anders könnten die vielen Spiele, die jede Woche in der Stadt angesetzt sind, kaum durchgeführt werden.

Der Weixdorfer Christoph Pfeifer ist einer der Männer (und Frauen) an der Pfeife. In der C-Jugend - als er selbst noch Spieler war - wurde er gefragt, ob er nicht Lust hätte, einen Schiedsrichterlehrgang mitzumachen. Er sagte zu, um sein Taschengeld aufzubessern. Aber genau das, so erzählt er, sei der Fehler von neuen Anwärtern, die Pfeifer heute als Vorsitzender des Lehrstabes der Schiedsrichterkommission betreut: "Einige sehen nur die Vorteile; dass Geld zu verdienenen ist, aber nicht den Druck, der beim Pfeifen auf ihnen lastet. Wenn sie dann ihr erstes Spiel leiten, merken sie die Belastung, die auf einem Schiedsrichter liegt. Einige hören dann wieder auf."

Der Druck auf den kleinen Sportplätzen ist natürlich bei weitem nicht so groß wie in einem Bundesligastadion. "Aber es kommt schon immer mal ein dummer Spruch von außen. Damit muss man leben", weiß Pfeifer, "aber dem Großteil der Anwärter ist der Belastung gewachsen. Und es macht ja auch Spaß." Der mittlerweile 25-Jährige war selbst einer von denen, die das Schiedsrichter-Leben einst vor allem als Nebenverdienst ansahen. Dabei bekommt man für ein Juniorenspiel gerade einmal 12 Euro. Pfeift man bei den Erwachsenen, gibt es 20 Euro pro Spiel. Je höher man steigt, desto mehr bekommt man: 60 Euro in der Oberliga, 750 Euro in der 3. Liga, 2000 Euro in der 2. Bundesliga, 4000 Euro im deutschen Oberhaus. Die Assistenten erhalten die Hälfte, die 4. Offiziellen ein Viertel davon. Reich wird man als Schiedsrichter nicht, bei einer WM zu pfeifen, lohnt sich aber durchaus. Da gibt es 32500 Euro als Prämie.

Pfeifer pfeift nicht mehr wegen des Geldes, er hat Gefallen daran gefun-den. Seit der B-Jugend spielt er selbst nicht mehr aktiv, ist nur noch Schiedsrichter. Mittlerweile ist er bis in die höchste Spielklasse des Stadtverbandes, die Stadtoberliga aufgestiegen. Zudem kümmert er sich um die neuen Schiedsrichteranwärter. "30 Anwärter haben den letzten Schiedsrichtertest bestanden, nur zwei sind durchgefallen. Das ist eine sehr gute Quote. In anderen Verbänden hat man stark mit Schiedsrichtermangel zu kämpfen", erzählt er. Ein Problem, das der Stadtverband Dresden nicht hat. Pfeifer berichtet: "Pro Jahr verlieren wir rund 60 Schiedsrichter, aber genauso viele bekommen wir durch die Anwärterlehrgänge wieder hinzu." Zurzeit pfeifen im Stadtverband rund 300 Schiedsrichter. Dennoch wünscht sich der Informatikstudent, dass noch mehr Jugendliche den Weg zum Schiedsrichterwesen finden, dabei hofft er auf Unterstützung durch den Verband: "Der DFB kümmert sich zu wenig um die unteren Ligen, dabei könnte er Verbänden und Vereinen finanziell helfen. Doch das tut er nicht." Und: Die Vereine selbst könnten mehr Reklame machen: "Wenn die Vereine ihr Soll an Schiedsrichtern nicht voll bekommen, dann müssen sie Strafe zahlen. Und das will, glaube ich, keiner. Deswegen sollten sie versuchen, mehr Werbung für das Schiedsrichterwesen zu machen." Das sogenannte Soll hängt davon ab, wie viele Männer- und Großfeldmannschaften die Vereine haben und in welcher Liga sie spielen. Je mehr Mannschaften und je höher die Liga, desto mehr Schiedsrichter sind zu stellen.

Die Leistungsentwicklung der Schiedsrichter sieht Christoph Pfeifer dafür sehr positiv: "Ich habe von einer Studie gehört, nach der 90 Prozent der Entscheidungen, die ein Schiedsrichter im Spiel trifft, richtig sind und nur zehn Prozent falsch. Bei über 300 Entscheidungen in einem Spiel sind also 270 richtig und nur 30 falsch." Man kann die Zahl der Irrtümer aber noch weiter senken, indem technische Hilfsmittel eingesetzt werden, findet auch Pfeifer: "In den oberen Ligen werden Headsets und Funkfahnen verwendet, helfen würde dem Schiedsrichter auch ein Chip im Ball. Das aber ist für die unteren Ligen schlicht nicht finanzierbar." Christoph Pfeifers nächstes Ziel ist es, bald eine Liga höher zu pfeifen, in der Bezirksliga. Mit 25 längst noch nicht das Ende der Fahnenstange.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.04.2012

Timotheus Eimert

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