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Kurios, komisch, ätzend: Erinnerungen an das erste deutsche Geisterspiel

Kurios, komisch, ätzend: Erinnerungen an das erste deutsche Geisterspiel

Es war ein Novum im deutschen Fußball, als am 26. Januar 2004 Alemannia Aachen und der 1. FC Nürnberg eine Zweitliga-Partie vor leeren Rängen wiederholen mussten.

Dresden .

Von Jochen Leimert

Dresden (DNN). Es war ein Novum im deutschen Fußball, als am 26. Januar 2004 Alemannia Aachen und der 1. FC Nürnberg eine Zweitliga-Partie vor leeren Rängen wiederholen mussten. Beide Klubs schrieben mit dem ersten Geisterspiel in Deutschland Geschichte, nachdem Aachen der 1:0-Sieg im ersten Spiel am 24. November 2003 wegen eines Becherwurfs auf Nürnbergs damaligen Coach Wolfgang Wolf aberkannt worden war. Der heutige Trainer von Hansa Rostock hatte in der 71. Minute einen Plastikbecher von einem Zuschauer an den Kopf bekommen.

Frank Paulus erinnert sich gut an beide Spiele. Der vor der Saison 2003/04 von Dynamo Dresden an den Tivoli gewechselte Rechtsverteidiger kickte damals mit und feierte im zweiten Anlauf einen 3:2-Erfolg mit den Alemannen, die offenbar gut mit der ungewohnten Atmosphäre am totenstillen Tivoli zurechtkamen: "Die Mannschaft war motiviert genug, weil wir das erste Spiel gewonnen hatten." Die Punkte wollte man nicht mehr hergeben, nur weil ein umnachteter Zuschauer ausgetickt war. Auch auf Wolf war man nicht so gut zu sprechen: "Ich will dem Trainer nichts unterstellen, aber er hat keine Platzwunde gehabt - nichts", erinnert sich Paulus, "er hat gesagt, ihm sei schwummerig."

Paulus fand es "okay, dass bei uns dann die Tribüne vernetzt wurde, weil es nicht passieren darf, dass Sachen aufs Spielfeld geworfen werden". Aber dass das Spiel komplett annulliert wurde, habe man nicht verstanden: "Wir fanden das ungerecht. Das hätte man mit etwas mehr Auge auch anders lösen können." Immerhin habe Nürnbergs Klage auf Wiederholung und das Einlenken des DFB-Sportgerichts eine Trotzreaktion bei den Aachenern bewirkt: "Wir haben uns gesagt: Wenn die Nürnberger unbedingt noch einmal eine Klatsche von uns bekommen wollen, sollen sie sie kriegen." Da habe man die Stadionatmosphäre nicht unbedingt gebraucht, so Paulus.

Schön sei es trotzdem nicht gewesen: "Sonst stehen 23 000 Leute auf und feiern dich schon, wenn du ins Stadion kommst - und damals haben zwei Ordner geklatscht und ein Gespenst auf der Tribüne hat La Ola gemacht. Das war eine kuriose Situation."

Außer 40 abgezählten Vertretern pro Verein, den Schiedsrichtern, Sicherheits- und Sanitätsdienst sowie Presseleuten, Technikern, Würstchenverkäufern und Toilettenpersonal durfte niemand in den inzwischen abgerissenen alten Tivoli, den Aachens damaliger Geschäftsführer Bernd Maas (später auch bei Dynamo) mit 500 Ordnern abriegeln ließ. "Wir können es uns nicht leisten, dass noch einmal etwas passiert", sagte er vor dem Spiel "Spiegel Online". Der einzige Fan im Stadion war DFB-Ehrenpräsident Egidius Braun (Jahrgang 1925), ein Aachener Original mit festem Sitzplatz rechts unten am Spielertunnel.

Cristian Fiel hat die Partie nicht vergessen. Der heutige Dynamo-Kapitän war damals gerade von Bochum nach Aachen gewechselt. "Es war das erste Spiel, das ich in Aachen erlebt habe - und dann gleich ein Geisterspiel. Ich war verletzt, durfte aber mit ins Stadion. Ich habe schon im Training gemerkt, dass die Mannschaft heiß drauf war, aber die Atmosphäre war keine. Das kann man vergleichen mit einem Trainingsspiel. Man hört alles. Das was Fußball ausmacht, das hast du alles nicht."

Erik Meijer, damals Stürmer, heute Manager in Aachen, sagte der "Hamburger Morgenpost": "Das ist das Schlimmste, was einem Fußballer passieren kann. Du machst diesen Sport ja auch, damit die Leute dir zuschauen können. Aber dann stehst du da unten als Gladiator auf dem Platz und keiner kann dich sehen." Martin Driller, damals bei Nürnberg auf der Bank, findet: "Ein Geisterspiel ist ätzend. Als Spieler kriegst du durch die Fans immer wieder einen Adrenalin-Schub. Das fehlt dann."

Wolfgang Wolf hat die Geisterkulisse als "komisch" in Erinnerung. Auf sein zweites Geisterspiel am Sonntag zwischen Hansa Rostock und Dynamo Dresden hätte er gern verzichtet: "Eigentlich muss man das nicht haben. Das braucht kein Mensch." Er will seine akut vom Abstieg bedrohten Rostocker am Sonntag gut vorbereitet wissen: "Wenn die Platzverhältnisse es zulassen, werden wir im Stadion trainieren, damit sich die Spieler an die Atmosphäre gewöhnen", erklärte der Trainer am Donnerstag der dpa.

Außer ihm haben noch zwei Rostocker haben Erfahrung mit Geisterspielen. Marek Mintal war 2004 in Aachen dabei, traf zur 1:0-Führung für den "Club", Tino Semmer erlebte am 30. August 2008 beim 3:1 von Rot-Weiß Erfurt gegen Werder Bremen II eine Geisterkulisse mit. Zuvor hatten Erfurter "Fans" im Spiel gegen Jena antisemitische Rufe gegen Jenaer Fans skandiert. Die Strafe folgte prompt und deftig.

Frank Paulus glaubt, dass Hansa am Sonntag der Ausschluss der Zuschauer nicht nur finanziell härter trifft als die 2004 sehr erfolgreich von Jörg Berger betreuten Aachener. "Gerade wenn man wie Rostock nicht auf einer Erfolgswelle schwimmt und um jedes Pünktchen kämpfen muss, sind die Zuschauer schon ein wichtiger Faktor. Sie können einen aufbauen - ohne sie wird es noch schwieriger." Der IT-Systemkaufmann, der in Dresden wohnt und mit dem Zusammenbruch des SC Borea zu Chemie Leipzig wechselte, wird das Spiel am Sonntag am Fernseher verfolgen. Seinen früheren Mitspieler Fiel kann er dann leider nicht sehen. Der Spanier fehlt auch bei seinem zweiten Geisterspiel wegen Verletzung. Fiel hofft aber wieder auf einen Sieg seiner Elf: "Wir wollen diese Punkte - mit oder ohne Zuschauer."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.12.2011

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