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Klaus Sammer krönte Dynamo Dresdens Meistersaison 70/71

Klaus Sammer krönte Dynamo Dresdens Meistersaison 70/71

Sein Sohn Matthias hat gerade als Sportdirektor mit dem FC Bayern das Triple geholt, doch auch Klaus Sammer hat viele Titel gesammelt. Als Spieler und als Trainer von Dynamo Dresden.

Dresden.

Er war auch dabei, als die Schwarz-Gelben das erste Double in der Geschichte der DDR-Oberliga gewannen. "Das war eine gute Zeit", blickt der heute 70-Jährige gern zurück. Die Saison 1970/71 brachte den Durchbruch für die Mannschaft von Walter Fritzsch, der nun endlich den Ehrentitel Meistertrainer erwarb, nachdem er zuvor bei Empor Rostock zwischen 1959 und 1965 dreimal "nur" Vizemeister geworden war. Eine seiner größten Stützen war der lange Sammer, am Ende jener fantastischen Saison 28 Jahre alt. Der Gröditzer, seit 1965 bei Dynamo, räumte hinten ab und schoss vorn wichtige Tore - oft per Kopf nach Standardsituationen.

Seine Qualitäten zeigte Klaus Sammer besonders, als seine Elf daheim den als Meister angereisten FC Carl Zeiss Jena mit 3:0 abfertigte. Die von Auswahlcoach Georg Buschner trainierten Thüringer hatten die Saison gut begonnen, doch der blonde Sammer schoss sie in Dresden fast im Alleingang ab. "Da habe ich Libero gespielt. Der Fritzsch hatte mir verboten, offensiv zu spielen, aber ich habe mich natürlich nie an die Worte des Trainers gehalten", scherzt Sammer. "In der zweiten Halbzeit habe ich drei Tore gemacht. Da kam der Buschner, bei dem ich dann auch Auswahlspieler gewesen bin, und hat gesagt: Da hast du ja drei schöne Dinger rein gestolpert."

Wie der Vorjahresdritte den amtierenden Meister demütigte, das verfolgten weit über 30 000 Fans: "Die Zäune haben nicht gehalten, die Zuschauer standen sogar auf der Laufbahn, der Andrang vor Spielbeginn war riesengroß. Aber die Leute waren diszipliniert ohne Ende, es gab keine Randale", erinnert sich Sammer, der mit seinen Kameraden in diesem Spiel jede Menge Selbstvertrauen tankte. "Das war ein sensatio-nelles Ding, denn Jena war eine Spitzenmannschaft. Wir haben noch zu denen aufgeschaut, selbst die ersten Schritte zum ganz großen Erfolg gemacht. Dieser Sieg ist die Grundlage dafür gewesen, dass die anderen Mannschaften dann unheimlich Angst vor uns hatten, wenn wir zu Hause gespielt haben."

In jenem Jahr kam die Tormaschine der Schwarz-Gelben so richtig auf Touren. Gegenüber der Vorsaison schossen die Fritzsch-Schützlinge 20 Tore mehr, trafen gleich 56 Mal. Hans-Jürgen "Hansi" Kreische wurde mit 17 Treffern erstmals Oberliga-Torschützenkönig und stellte den Vorjahresbesten Otto Skrowny (Chemie Leipzig/12 Saisontore) in den Schatten. Die Jenaer mit Peter Ducke (14 Tore), Eberhard "Matz" Vogel (11) und Helmut Stein (11) kamen in der Saison-Endabrechnung zwar auf zwei Tore mehr (bei gleicher Anzahl der Gegentreffer: 39), doch mit sechs Punkten Rückstand auf Dresden wurden sie abgeschlagen Zweiter. Wie Dynamo verloren sie zu Hause zwar kein Spiel, leisteten sich wie die SGD dort auch nur ein Unentschieden, aber sie waren auswärts deutlich schwächer als Sammer, Kreische, Riedel, Sachse, Ganzera, Heidler, Wätzlich & Co.

Nach der ersten Meisterschaft seit 1953 setzten Fritzschs Männer noch einen obendrauf. Am 2. Juni 1971 gewannen sie mit letzter Kraft vor 10 000 Zuschauern im Kurt-Wabbel-Stadion von Halle auch das Finale um den FDGB-Pokal. Mit 2:1 (1:1, 0:0) nach Verlängerung wurde Erzrivale BFC Dynamo niedergerungen. Und der 1,91 Meter große Sammer schoss sich einmal mehr berühmt: "Das 1:0 habe ich mit dem Fuß gemacht. Da wollte gerade der Kreische Hans das Ding reinhauen, doch ich habe vorher schnell eingeschoben. Das zweite Tor war ein Kopfball, den der Torwart vielleicht hätte halten können." Egal, die Pille war drin - in der 119. Minute! Der Berliner Norbert Johannsen hatte zuvor mit einem Foulstrafstoß in der 70. Minute die Verlängerung erzwungen.

Gefeiert wurde damals noch ohne Bierdusche, vorgedruckte Helden-T-Shirts und feucht-fröhliche Gesangseinlagen auf dem Rathausbalkon. "Nix war vorbereitet. Auf der Fahrt nach Hause haben wir in Dresden angerufen und dann in einer Gaststätte in der Südvorstadt gefeiert", weiß Sammer noch. Schön sei es allemal gewesen,

Heute räumt der Pokalheld von damals - seit dem 14. April 2013 SGD-Ehrenspielführer - offen ein, dass der Sieg von Halle ein glücklicher war. "Das ist ein bisschen ähnlich gewesen wie jetzt bei den Bayern: Du hast einen Titel geholt, doch es ist nicht leicht, da gleich nachzulegen. In unserer Mannschaft waren nur noch drei, vier Spieler, die einigermaßen fit waren. Fast alle waren praktisch schon runter, das Training unter Fritzsch war hart. Ich hatte das Glück, dass ich noch halbwegs fit war, auch Manfred Kallenbach im Tor war in diesem Spiel noch sehr gut."

Das erste Doppel war der Auftakt zu den "goldenen Siebzigern", in denen Dynamo noch vier Meistertitel (1973, 1976, 1977, 1978) und einen Pokalsieg (1977) holen und große Schlachten im Europapokal schlagen sollte. Dass es auf internationaler Bühne nicht zum großen Triumph reichte, das ärgert Klaus Sammer noch. Zum eigenwilligen Walter Fritzsch hat er eine klare Meinung: "Er war ein verdienstvoller Trainer. Ohne ihn wäre ich oder manch anderer nie Nationalspieler und Dynamo nicht Meister geworden. Er war trainingsmethodisch hervorragend, sehr fleißig, sehr akribisch. In dieser Richtung konnte man ihm nichts vormachen. Er war immer da, hat so gut wie nie gefehlt. Charakterlich war es etwas anders: Er hat viel zu früh, Köpfe abgesägt. Ich hatte schon Glück, dass ich noch bis 32 spielen durfte. Ich glaube, wenn er etwas kommunikativer gewesen wäre, hätte er viel mehr herausholen können."

Noch heute denken Mitspieler von damals, dass Dynamo 1973 gegen die Bayern besser abgeschnitten hätte, wenn Fritzsch auf sie gehört und Sammer aufgestellt hätte. Doch der Verteidiger, der nicht in der Partei war und oft seine Meinung sagte, hatte nicht nur Freunde. Ob seine Erfahrung gegen Beckenbauer & Co. geholfen hätte, wird man nie erfahren. 1970 scheiterte Dynamo im Messecup auch in der 2. Runde, obwohl Sammer gegen Leeds United mitspielte. Nach dem 0:1 in England reichte das 2:1 in Dresden (Tore: Kreische, Hemp) wegen der Auswärtstorregel nicht. "Da hat aber auch nicht viel zum Weiterkommen gefehlt", runzelt Sammer die Stirn. Ob es gar zu einem dritten Titel in dieser Saison gereicht hätte, darf aber bezweifelt werden. Der Reifeprozess in der jungen Mannschaft hatte erst begonnen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.06.2013

Jochen Leimert

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