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Jan Hoffmann: Silber mit Goldwert

Jan Hoffmann: Silber mit Goldwert

In Nizza kämpfen in dieser Woche seine Nachfolger um weltmeisterliche Ehren, in Dresden schaut ein interessierter zweimaliger Titelträger zu.

In Nizza kämpfen in dieser Woche seine Nachfolger um weltmeisterliche Ehren, in Dresden schaut ein interessierter zweimaliger Titelträger zu. 1974 und noch einmal 1980 war Jan Hoffmann Eiskunstlauf-Weltmeister. Zweiter war er bei den Olympischen Winterspielen 1980 in Lake Placid - eine Silbermedaille mit goldenem Glanz.

Von Jochen Frank

Dresden (DNN). Blaue Flecken gehören dazu. Stürze und blaue Flecken. Aber vor allem Beharrlichkeit, Fleiß, Disziplin, Willensstärke. Eigenschaften, die man im Leben braucht. Als Sportler und überhaupt. Auch später. Jan Hoffmann spricht über den Trainingsalltag eines Eiskunstläufers. "Ein Außenstehender kann nicht ermessen, was dahinter steckt", sagt er. Der Zuschauer in der Arena oder am Bildschirm sieht nur das Resultat. Die Kür zum Beispiel. Viereinhalb Minuten - solange dauert sie bei den Herren - als Ergebnis für die Arbeit eines Jahres. Für Stunden auf dem Eis, in der Gymnastikhalle, im Kraftraum. Täglich. Für Entbehrungen und Momente zwischen Zweifel und Zuversicht.

Wir sind mitten im Thema. Wir haben gefragt, wie lange ein Eiskunstläufer braucht, um einen Dreifachsprung zu beherrschen. "Grundvoraussetzung ist", so der Dresdner, "dass man einfache und Doppelsprünge sicher stehen kann. Technik, Sprungkraft und Koordination müssen erarbeitet werden. Erst dann kann man sich an Dreifache heranwagen." Jan Hoffmann war 15, als er seinen ersten Sprung, den Salchow, mit dreifacher Drehung aufs Eis brachte. Erste Bekanntschaft mit dieser gleichermaßen attraktiven wie trainingsintensiven Sportart hatte er im sechsten Lebensjahr geschlossen. Lang ist der Weg. Mit Toe-Loop, Lutz und Rittberger komplettierte er in den folgenden Jahren das Repertoire seiner Höchstschwierigkeiten. Als er 1980 "mit der besten Kür meines Lebens" olympisches Silber gewann, zeigte er eben jene vier verschiedenen Dreifachsprünge, sechs insgesamt. Trotz höherer Punktzahl entschied die Platzziffer zu Gunsten seines britischen Kontrahenten Robin Cousins. Drei Wochen später revanchierte sich Hoffmann in Dortmund bei den Weltmeisterschaften und siegte vor Cousins. Abschluss einer großartigen Laufbahn. Mit 24 Jahren, von denen 19 "seinem" Sport gehörten.

Nur auf ausdrücklichen Wunsch des Besuchers holt Jan Hoffmann das mit Samt ausgelegte Kästchen mit der silbernen Olympia-Medaille aus der Vitrine. "Lange her", bemerkt er lakonisch und freut sich doch im Stillen. Silber ist ihm Gold wert. Aber über seine Glanztaten auf dem Eis redet er nicht gern. Dass er zweimal Welt- und viermal Europameister war und mit insgesamt 15 Medaillen, die er bei internationalen Titelkämpfen zusammengetragen hat, erfolgreichster deutscher Eiskunstläufer aller Zeiten ist, kommentiert er mit dem schlichten Hinweis auf Manfred Schnelldorfer. "Der war sogar mal Olympiasieger-" (1964).

Die olympischen Vier-Jahres-Perioden haben die sportliche Karriere des heute 56-Jährigen geprägt. Viermal hat er das größte Fest des Wintersports als Aktiver erlebt. Vor Lake Placid bereits 1968 in Grenoble (Platz 26), 1972 in Sapporo (Sechster) und 1976 in Innsbruck (Vierter). Dieser vierte Platz hat ihn gewurmt. Vier Hundertstel eines Pünktchens, knapper geht's nicht, fehlten zum Sprung aufs Podium.

"Eigentlich sollte '76 Schluss sein", kommt er auf das Jahr einer schwierigen Entscheidung zu sprechen. Studienbeginn und Berufsziel als Arzt hatte er bereits ins Auge gefasst. Doch die Sportführung der DDR umwarb ihn, den zuverlässigen Medaillenaspiranten. Noch einmal vier Jahre? Mit Sonderstudienplan für die Humboldt-Universität und mit Trainingsverlagerung von Karl-Marx-Stadt nach Berlin willigte Hoffmann ein. Die sportliche Ernte ist bekannt. Den Hinweis, dass er bei seiner vierten Olympiateilnahme zur Eröffnungsfeier die Fahne der DDR-Mannschaft in die Arena trug, bestätigt er mit einem Kopfnicken und dem Dresdner "Nu". Kein weiterführender Satz über Ehre und Stolz oder ähnliches. Das ist nicht seine Art.

Mit gleicher Konsequenz wie auf dem Eis verfolgte er sein berufliches Ziel: Medizinstudium (ab 1978), Approbation (1986), Ausbildung zum Facharzt für Orthopädie (bis 1992). Ein Meniskusschaden, der ihn für die komplette Saison 1974/75 außer Gefecht gesetzt hatte und an der Berliner Charité behoben wurde, war ein "Schlüsselerlebnis". Er wollte mehr wissen über alles, was mit Haltungs- und Bewegungsorganen des menschlichen Körpers zusammenhängt. Heute teilt sich der Diplom-Mediziner mit einer Kollegin die Arbeit in einer orthopädischen Gemeinschaftspraxis im Dresdner Umland. "Läuft gut", sagt er und erzählt von "kurzen und von langen Tagen" und von "dem Schreibkram" - Gutachten, Berichte, Kuranträge, der oft zu Hause noch erledigt werden muss.

Nur nicht, wenn zur gleichen Zeit im Fernsehen "aktueller Sport" gesendet wird. Da möchte er nicht gestört werden. Und schließlich muss - je nach Jahreszeit - der Garten in Schuss gehalten werden. Hin und wieder widmet er sich der Münzsammlung. Numismatik betreibt er ernsthaft. Er hat sich auf die Geschichte Sachsens spezialisiert und durchforstet entsprechende Literatur zu Details über Anlass und Prägedatum. Gestresst ist er nicht. "Ich kann abschalten. Bis auf einzelne Fälle natürlich, die einen mehr beschäftigen als andere." Aber das sei normal. Und lachend verweist er auf "meine liebe Familie", die für Ablenkung sorgt. Jan Hoffmann ist zum zweiten Mal verheiratet. Ehefrau Aline ist Physiotherapeutin. Tochter Marie-Sophie (7) könnte sich kaum einen besseren Ratgeber wünschen, seitdem sie selbst auf dem Eis steht. Nach einem Abstecher mit den Eltern in die Dresdner Eishalle zum Pokal der Blauen Schwerter im Oktober 2010 verkündete sie "Papa, das möchte ich auch machen."

Die Verbindung zum Eiskunstlauf hat sich Jan Hoffmann immer erhalten. Als international erfahrener ISU-Preisrichter war er erst in diesem Winter beim Grand-Prix-Finale in Quebec im Einsatz, erlebte hinter der Bande den Erfolg des Weltmeisterpaares Aljona Savchenko und Robin Szolkowy.

In den Einzelkonkurrenzen sieht Hoffmann Deutschland momentan als "Entwicklungsland". Zu den eigenen sportlichen Aktivitäten gibt er zu, dass es "ein bissel mehr sein könnte". Dabei stehen Eislauf, Ski alpin und Radfahren je nach Jahreszeit auf dem Familienprogramm. "Alles, was wir zu dritt machen können." Und zur Bekräftigung setzt er mit einem Lächeln noch einmal ein "Nu" hinten dran.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.03.2012

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