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Dynamo Dresdens Legenden: Bernd Hofmann erlebt Dynamos irre 60er Jahre mit

Dynamo Dresdens Legenden: Bernd Hofmann erlebt Dynamos irre 60er Jahre mit

Dynamo spielt mal wieder um den Klassenerhalt - und Bernd Hofmann sorgt sich seinen Ex-Verein. Der 71-Jährige, mit einem Jahr Unterbrechung von 1960 bis 1972 bei der Sportgemeinschaft, weiß aus eigener Erfahrung, was Abstiegskampf bedeutet.

Dresden.

Umso verärgerter ist der Sohn von DSC-Legende Richard Hofmann, wenn seine Nachfolger im Saisonendspurt ihre Chancen nicht nutzen. Als Filip Trojan in Aalen einen von mehreren "Riesen" vergab, fragte er sich: "Warum nimmt er nicht den anderen Fuß?" Hofmann, wie Trojan ein Linksbeiner, ist überzeugt: "Wir konnten früher mit beiden Füßen etwas anfangen." Geholfen hat das den Dresdnern aber auch nicht immer, denn nach dem umjubelten Oberliga-Aufstieg 1962 musste Dynamo nach nur einer Saison wieder runter in die DDR-Liga.

"Da hat ein Punkt gefehlt", erinnert sich der Mittelfeldspieler, den Trainer Helmut Petzold 1960 für die letzten vier Saison-Spiele von der Sportschule auf der Marienallee in die Mannschaft geholt hatte. Zuvor kickte Hofmann beim SC Einheit. Dass der zwei Jahre später folgende Aufstieg gleich wieder verspielt wurde, wurmt Hofmann bis heute: "Wir reisten am vorletzten Spieltag zu Vorwärts Berlin, mussten im Fernduell mit Motor Karl-Marx-Stadt hoch gewinnen. Wir hatten Riesenchancen, nutzten sie aber nicht. Da kam der Jürgen Nöldner zu mir und fragte: Wie viele Chancen wollt ihr denn noch haben? Wir fahren nämlich lieber nach Dresden als nach Karl-Marx-Stadt. Wir haben aber nur unentschieden gespielt, doch zum Glück verlor Karl-Marx-Stadt. Deshalb kam es am letzten Spieltag zu einem richtigen Endspiel."

Ohne Auswärtssieg konnte der Aufsteiger froh sein, überhaupt noch einmal eine letzte Chance zu bekommen, aber vor 35000 Zuschauern in Elbflorenz traf Eberhard "Matz" Vogel nach wenigen Minuten mit einem Fernschuss. Dynamo wehrte sich, "Wolfgang Oeser hatte ein großes Ding, scheiterte aber", erinnert sich Hofmann, dem kurz nach der Halbzeit das 1:1 gelang. "Das war ein 20-Meter-Freistoß oben rein. Wir waren freudig gestimmt, es war noch viel Zeit, aber es hat nicht gereicht."

Für den Außenläufer, der in der Liga als halblinker Stürmer begonnen hatte, war der Abstieg 1963 doppelt folgenreich. Weil der 21-Jährige zum erweiterten Kreis der DDR-Auswahl zählte, musste er auf Anweisung "von oben" zur Dynamo-Zentrale nach Berlin wechseln. Eigentlich sollte er erst zum neugebildeten SC Karl-Marx-Stadt, aber Berlin setzte sich durch. Den Karl-Marx-Städtern wurde befohlen, "ihre dreckigen Finger von dem Hofmann zu lassen". Dresdens Sektionsleiter Erich Jahnsmüller musste gleichfalls gehorchen, Hofmann wurde überrumpelt. Doch viel Freude hatte der SC Dynamo Berlin an dem bis dahin aufstrebenden Talent nicht. Nur neun Spiele konnte Hofmann bestreiten: "Bei Chemie Leipzig habe ich mir den rechten Knöchel gebrochen." Die Saison war gelaufen, Berlin verlor das Interesse, aber Hofmann kämpfte sich in der alten Heimat zurück in die Stammelf der Dresdner Dynamos, die inzwischen wieder in die Oberliga zurückgekehrt waren. Unter dem neuen Trainer Manfred Fuchs qualifizierten sie sich 1967 als Vierter der Meisterschaft sogar erstmals für den Europapokal.

Beim Hinspiel gegen die Glasgow Rangers (im Vorjahr im Pokalsieger-Cup erst im Finale mit 0:1 an Bayern München gescheitert) wurde Bernd Hofmann die Ehre zuteil, als Kapitän aufzulaufen, weil Wolfgang Pfeifer gesperrt war. Pfeifer hatte zuvor in Leipzig Rot gesehen, "obwohl er kein Holzer war", wie sich sein damaliger Stellvertreter und späterer Nachfolger bis heute empört: "Die haben gewusst, dass wir am Mittwoch gegen Glasgow spielen, Pfeifer hat uns dann auch gefehlt."

Am 20. September 1967 verkauft sich Dynamo vor 40 000 Fans im Steyer-Stadion trotzdem gut. Alex Ferguson, der später als Meistertrainer von Manchester United geadelt werden sollte, schoss die Schotten in Front, doch der junge Dieter Riedel glich noch aus. Riedel hatte laut Hofmann zwar gegen den bärenstarken John Greig "keinen guten Tag, aber dann bekam er ein Ding auf den Schlappen und haute es rein". Im Rückspiel verlor Dynamo bei typischem Schottenwetter unglücklich: Hans-Jürgen "Hansi" Kreische glich zwar in der 88. Minute zum 1:1 aus, doch Greig ließ die 50000 Fans im Ibrox-Park kurz vor Schluss doch noch jubeln. "Ein bisserl angeschissen haben sie uns zwar, aber wir waren müde. Als Kreische das 1:1 machte, war Wätzlich angeschlagen. Wir hätten die Verlängerung wahrscheinlich nicht überstanden", mutmaßt Hofmann heute. "Es war aber schon viel wert, überhaupt einmal gegen so eine Truppe gespielt zu haben. Wir hätten daheim eins mehr machen müssen", ärgerte sich Hofmann nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal. Von den Briten bekam er beste Kritiken. Kapitän Greig war beeindruckt: "Bei Hofmann imponierten mir seine exakten, auch über 30 Meter genau ankommenden Pässe und seine aus der Drehung halbhoch geschlagenen Hinterhaltsschüsse."

Viel größer als nach dem Aus in Glasgow ist der Frust, als im Sommer 1968 der Klassenerhalt verpasst wird. Eine Tragödie, die auch "Benno", wie Hofmann seit einem Intertoto-Spiel in der CSSR gerufen wird, nicht verhindern kann. Die Offensivkräfte Kreische und Riedel haben ihre besten Zeiten noch vor sich, Siegfried Gumz ist schon alt - und Hofmann mit sieben Saisontoren (sechs davon Elfmeter) bester Torschütze. Selbst als Ex-Trainer Kurt Kresse acht Spiele vor Saisonende wieder übernimmt, reicht es nicht. Bis zuletzt hofft Dynamo, doch der rettende Sieg vor 30000 Zuschauern gegen Chemie Leipzig gelingt nicht. Gumz gleicht zwar noch den 0:1-Rückstand aus, aber bei Punktgleichheit mit den Leipzigern sind die Dresdner zwei Tore schlechter. Das mit 25 Toren angriffsschwächste Team muss absteigen. Ein schlechtes Omen für die Dynamo-Profis anno 2013, denn auch sie sind vorm gegnerischen Tor so harmlos wie keine andere Zweitliga-Truppe und haben - wie die "68er" - nur einmal auswärts gewonnen. "Es wird auch gegen Regensburg kein Selbstläufer. Du kannst nur gewinnen, wenn du Tore schießt", macht sich Hofmann vor dem kommenden Sonntag Sorgen.

Für ihn war der sofortige Wiederaufstieg 1969 unter Kresse noch einmal ein Höhepunkt: Schon in den neuen Vereinsfarben Schwarz-Gelb feierte die SGD nach dem 4:0 über Vorwärts Meiningen die Rückkehr in die Oberliga. Gelegenheiten, nochmals gegen internationale Topteams wie die Rangers zu spielen, sollten sich Hofmann aber nicht mehr bieten, denn im September 1969 brach er sich - wieder gegen Chemie Leipzig - erneut den rechten Knöchel. Und weil er neben Gumz und Uwe Ziegler zu den Rädelsführern bei der Revolte gegen die Verpflichtung des diktatorischen Trainers Walter Fritzsch auserkoren wurde und sich dem für Fritzsch schon kritischen Alter von 30 Jahren näherte, wurde er als Kapitän abgesetzt und kaum noch beachtet. Unter Wolfgang Oeser trainierte Hofmann gegen Fritzschs Willen noch ein Jahr in der "Zweiten" ab, dann holte ihn ein Freund zum VEB Minol. So wurde Hofmann erst Tankwart in Wilsdruff, dann an der Wiener Straße in Dresden. "Ich habe zwar in drei Schichten gearbeitet, aber gut verdient und den Schritt nie bereut."

Mit alten Kameraden wie Frank Ganzera, Gerd Herold oder Eberhard Fischer trifft er sich bis heute, sie alle werden am Dienstag auch ihren verstorbenen Freund Oeser bei dessen Beisetzung in Tolkewitz ein letztes Mal begleiten. Der plötzliche Tod des Ehrenspielführers hat alle mitgenommen, da will sich keiner auch noch über eine Relegation mit Dynamo-Beteiligung aufregen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.05.2013

Jochen Leimert

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