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Dynamo Dresden: Ein Original geht in den Ruhestand

Dynamo Dresden: Ein Original geht in den Ruhestand

Es gibt nicht viele, die es lange bei Dynamo Dresden ausgehalten haben - richtig lange, mehrere Jahrzehnte. Und wohl kaum noch einen, der 35 Berufsjahre am Stück beim wohl schillerndsten ostdeutschen Traditionsklub verbracht, die ganz großen Erfolge und die tiefsten Abstürze hautnah miterlebt, mitgefeiert und mitgelitten hat.

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Peter Pacult begrüßte Rainer Nikol (r.) bei seinem Comeback im Dezember herzlich. Jetzt geht Nikol in Rente.

Quelle: Frank Dehlis

Selbst für Rainer Nikol, ein Stück Inventar, ist nun aber Schluss. Am Mittwoch hatte der ehemalige Busfahrer, spätere Zeug- und Platzwart seinen letzten Arbeitstag im Stadion.

Zum Dienstende verabschiedeten ihn die Kollegen von der Stadion-Projektgesellschaft, bei der er die letzten drei Jahre formal angestellt war, bei einem Bier. Sein Präsent wird nachgereicht, die Schlüssel hat der 63-Jährige ja auch noch nicht abgegeben: "Wir haben noch ein kleines Geschenk für ihn. Was es ist, verraten wir aber nicht", sagt Hans-Jörg Otto. Der Stadionmanager bedauert, dass Nikol künftig nicht mehr durch die Arena schlurft: "Er war zwar ein knorriger Typ, aber ein Original. Es hat Spaß gemacht, mit ihm zu arbeiten. Er kann Geschichten erzählen."

An die große Glocke hängt Nikol die vielen selbst erlebten Anekdoten aber nicht gern. Er will nicht mit Insiderwissen prahlen, niemanden brüskieren. Und so ganz im Reinen mit seinem Verein verlässt er Dynamo auch nicht- zu oft vergaß man ihn in den vergangenen Jahren, wenn beispielsweise zur Weihnachtsfeier geladen wurde. "Ich will jetzt meine Ruhe haben, meinen Ruhestand genießen", grummelt Nikol. An seinem ersten Tag als Rentner schlief er gestern zwar nicht länger als sonst, frühstückte aber mal etwas ausgiebiger und ging mit dem Hund raus.

Als etwas eigenbrötlerisch haben ihn auch viele Weggefährten kennen gelernt. "Ja, so ist er", lacht Hans-Jürgen Dörner. Doch Dynamos Rekordspieler erinnert sich trotzdem gern an die gemeinsame Zeit mit Nikol, den er erstmals 1977 als Fahrer des Mannschaftsbusses traf. "Er war immer sehr zuverlässig. Dass er so lange beim Verein ist, ist der beste Beweis. Er hat uns immer gut chauffiert, obwohl es damals keine Navis gab und wir meistens erst am Spieltag losgefahren sind", erzählt "Dixie". Selbst wenn es etwas zu feiern gab, sei auf Nikol stets Verlass gewesen: "Wenn wir es nach den Pokal-Endspielen in Berlin richtig krachen ließen, war er immer die ärmste Sau, trank nichts, weil er uns ja noch nach Hause fahren musste. Erst wenn wir da waren, hat er mitgefeiert."

Besonders gern erinnert sich Nikol an die ersten Jahre nach der Wende: "Spannend war die gesamte Bundesligazeit, vor allem die Saison 1993/94, als wir trotz des Vier-Punkte-Abzugs den Klassenerhalt schafften." Jene sensationelle Saison unter Trainer Sigi Held, als die Spieler noch Hans-Uwe Pilz, Olaf Marschall, Uwe Rösler, Detlef Schößler oder Sven Kmetsch hießen, wird der damalige Zeugwart nie vergessen. Auf dem Mannschaftsfoto hatte auch Nikol damals seinen Platz.

Im alten Harbig-Stadion verbrachte der Mann mit dem inzwischen lichten Haar und dem typischen Schnauzbart ein halbes Leben, ab 1998 kümmerte er sich um den Rasen. Im Jahr 2002 hatte er Schwerstarbeit zu verrichten: "Als nach der Flut das Gras total verkommen war, sind wir mit dem Rechen über den Boden gekrochen und haben die Einzelteile zusammengesetzt." Als das alte Stadion abgerissen wurde, nahm er ein Stück Grün mit nach Hause und gab ihm einen Ehrenplatz in seinem Garten in Ottendorf-Okrilla. "Ein wenig blutete das Herz schon", blickte er 2009 bei der Eröffnung der neuen Arena wehmütig zurück.

Auch wenn Nikol nicht gut auf manchen Dynamo-Funktionär zu sprechen und er nun kein Angestellter mehr ist, blutet ihm das Herz jetzt wieder. Dass der achtfache DDR-Meister, EC-Serienteilnehmer und Ex-Bundesligist im Jubiläumsjahr 2013 wieder am Abgrund steht, kann ihn bei seiner Vita nicht kalt lassen. Da packt selbst einen, der Rolf-Jürgen Ottos Betrügereien und den Abstieg in die Viertklassigkeit mitgemacht hat, eisiges Grausen.

Jochen Leimert

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.02.2013

Leimert, Jochen

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