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Bei den Special Olympics trumpfen die etwas anderen Sportler auf

Bei den Special Olympics trumpfen die etwas anderen Sportler auf

Die Special Olympics sind mehr als Sport. Bei den Wettkämpfen messen geistig Behinderte ihre Kräfte - mit viel Einsatz und einer schier unbändigen Lust an Bewegung. Sport wird so zum Balsam für die Seele.

Quelle: Arno Burgi/dpa

Radebeul. Radebeul. Benjamin Elias Kordesee kam vor 15 Jahren mit einem Down-Syndrom zur Welt. Heute steht er mit seinem Deutschland- Trikot regelmäßig in der Sporthalle des Radebeuler Handballvereins. Benjamin gehört zu einer Mannschaft, deren Spieler mit diversen Handicaps zurechtkommen müssen. Sie sind in unterschiedlichem Maße geistig behindert. Eines haben sie aber gemeinsam - die Freude am Sport. Schon beim Training kann man sich ein Bild davon machen. Manchmal wird der eine oder andere sogar von einem Lachanfall geschüttelt. Die etwas anderen Sportler gehen liebevoll miteinander um. In punkto Fairness sind sie wohl unschlagbar.

Da sind zum Beispiel Peter und Patrick Galiestel. Mit gut zwei Meter Größe und massigem Körper wirken die Zwillinge auf dem Feld und im Tor fast unüberwindlich. Peter steht im Kasten wie ein Fels in der Brandung. Kein Geschrei, wenn die Vorderleute nicht aufgepasst haben. Kein Geschimpfe, wenn der Ball hinter ihm im Netz liegt. Wer Benjamin Elias Kordesee nach Handball-Vorbildern fragt und auf Namen wie Stefan Kretzschmar hofft, wird enttäuscht: „Meine Vorbilder sind Peter und Patrick“, sagt der 15-Jährige. Für ihn kommen die Idole aus dem selben Club. Vor jedem Match bilden die Teams einen Kreis. Er ist zugleich das Logo der Organisation Special Olympics Deutschland. 

Special Olympics ist eine weltweit tätige Organisation, die sich mit der sportlichen Betätigung geistig behinderter Menschen befasst.

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Während Sportler mit körperlichen Behinderungen in Stadien inzwischen keine Exoten mehr sind, besitzen geistig Behinderte im Sport noch immer diesen Status. Bei den nach den Olympischen Spielen stattfindenden Paralympics können sie nicht ohne weiteres starten. Die Dresdner Physiotherapeutin Annett Lösche verweist auf Koordinationsprobleme Betroffener, zum Beispiel bei der Auge-Hand-Koordination. „Manche sehen beim Handball den Ball zwar heranfliegen, können aber nicht schnell genug die Hand zum Fangen heben.“ Auf jeden Fall verbessere der Sport ihre Koordinationsfähigkeit, weshalb er wie eine Therapie sei. 

Special Olympics Deutschland (SOD) richtet alle zwei Jahre nationale  Wettkämpfe aus. Für Schlagzeilen sorgen sie kaum, obwohl sie als große Party inszeniert werden. International finden die Spiele alle vier Jahre als World Games statt. Im Sommer dieses Jahres kehrte das deutsche Team erfolgreich aus Los Angeles zurück - mit 46 Gold-, 25 Silber- und 39 Bronzemedaillen. Die USA sind auch das Ursprungsland der Special Olympics. Eunice Kennedy-Shriver, eine Schwester von US-Präsident John F. Kennedy, rief sie 1968 ins Leben. Ihre ältere Schwester Rosemary war selbst behindert. Laut SOD sind bundesweit 40 000 Menschen mit geistiger Behinderung in über 1100 Organisationen sportlich aktiv. Die größten Landesverbände gibt es in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Beliebt sind vor allem Sportarten wie Fußball, Leichtathletik und Schwimmen. Bei den letzten nationalen Spielen in Düsseldorf 2014 nahmen insgesamt 4800 Athleten teil. Davon gingen 1005 im Fußball, 706 in der Leichtathletik und 531 im Schwimmen an den Start. Bei den World Games gehört Deutschland regelmäßig zu den fünf größten Delegationen, in Los Angeles waren es 138 Akteure in 25 Disziplinen.  

Schon Monate vor den nächsten deutschen Special Olympics im Juni 2016 in Hannover ist die Vorfreude groß. „Es gibt für geistig Behinderte sonst keine großen Wettkämpfe. Die wollen aber auch ihre Kräfte mit Gleichgesinnten messen“, sagt Katrin Sprechert. Die Lehrerin an der Anne-Frank-Förderschule in Radebeul betreut Bowling-Teams. Im Alter ab 12 darf man bei SOD-Spielen mitmachen. Jeder kann in der für ihn angemessenen Leistungsgruppe starten. Weil es immer mehr Bewerber gibt, ist die Anzahl der Sportler limitiert. Sprechert muss auswählen - der schwierigste Teil ihres Trainerjobs. Denn alle wollen mit.  

Bei den Handballern betreut unter anderem Ansgar Wodak das mit Frauen und Männer gemischte Team. Hier sind Behinderte ganz normale Vereinsmitglieder. „Für mich ist das die beste Form der Integration“, sagt der 50-Jährige. Seine Spieler hätten sonst kaum Herausforderungen, würden den Alltag in geschützten Werkstätten verbringen. Dort könnten sie ihren Bewegungsdrang aber nicht ausleben. Die Zugehörigkeit zum Handballverein sei für Behinderte ein großer Anreiz. „Das ist aber keine Einbahnstraße“, berichtet Trainerkollege Bernd Hartmann. Es gebe im Verein ein gegenseitiges Interesse: „Unsere Leute gehen auch zu den Spielen der anderen.“ „Es ist wunderbar, dass sich Sportorganisationen für Menschen mit Behinderung öffnen“, sagt Christiane Krajewski, Präsidentin von Special Olympics Deutschland. Ziel müsse es sein, das Sportangebot für Menschen mit geistiger Behinderung immer mehr zu erweitern. Die Präsidentin verweist darauf, dass die Special Olympics weit über den Sport hinausreichen. „SOD setzt sich nicht nur auf dem Gebiet des Sports intensiv für Inklusion ein, sondern auch in den Bereichen Gesundheit, Familie, Bildung und Freizeit. Dieser ganzheitliche Ansatz ist wichtig, wenn wir in den kommenden Jahren auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft weiter vorankommen wollen.“ Das sieht man auch in Radebeul nicht anders. Wodak und Hartmann verzichten beim Training auf ein Leistungsprinzip. Vielmehr lassen sie rotieren und alle Spieler mal auflaufen. Für die sei es wichtig, zum Team zu gehören. Wodak erzählt von einer Frau, der das Talent eigentlich fehlt. Dennoch mache sie mit und habe Spaß dabei. Die Trainer versuchen auch, taktische Vorgaben zu machen: „Es gibt Dinge, die man vermitteln kann. Beim Anpfiff sind viele aber so aufgeregt, dass sie das meiste wieder vergessen.“ Sieg oder Niederlage seien aber nicht ausschlaggebend: „Spaß ist das entscheidende Wort. Es gibt Spieler, die treffen kein Tor, haben aber unglaublichen Spaß.“ 

Wie Wodak haben auch Lösche und Sprechert Schüler der Radebeuler Anne-Frank-Schule bei den Special Olympics betreut. Ein enger Kontakt ist notwendig. Die Betroffenen brauchen ihre Bezugspersonen, sind häufig auf die präzise Einnahme von Medikamenten angewiesen. Lösche beschreibt die Special Olympics als Fest großer Emotionen. „Da herrscht kollektive Freude, schon zur Eröffnungsfeier. Das ist einfach der Hammer.“ Sprechert nennt einen Unterschied zu Wettkämpfen Nichtbehinderter. „Dort sind manche selbst über eine Bronzemedaille enttäuscht. Bei uns wird auch Platz 8 noch frenetisch gefeiert.“ „Die Wettkämpfe sind die Highlights. Aber das Entscheidende ist das, was jede Woche in der Halle passiert“, sagt Wodak. Denn das wöchentliche Training bringe einen Rhythmus in das Leben der Behinderten. „Sie lernen dabei Regeln kennen, Fairness und auch das Gefühl, dass man verlieren kann“, ergänzt Sprechert. Sport bringe ihnen Akzeptanz und erhöhe das Selbstbewusstsein. Bedauerlich findet sie nur, dass geistig behinderte Sportler fast immer durch das Raster öffentlicher Förderung fallen. Für die Vorbereitung auf die Special Olympics gebe es kein Geld. Dass gerade die Radebeuler dort schon viele Medaillen holten, sei in Sachsen leider weitgehend unbekannt. 

Andreas Sperling ist einer von denen, die schon ganz oben auf dem Treppchen standen. Der 34-Jährige hat Deutschland als Torwart bei internationalen Wettkämpfen vertreten. 2007 gewann sein Team bei den World Games Bronze, vier Jahre später in Athen stand Sperling im Endspiel gegen Kenia zwischen den Pfosten und gewann. Jetzt ist er bei SOD Mentor für den Handballsport, im nächsten Jahr will er sogar einen Trainerschein machen. „Sport bedeutet für mich ganz viel. Man trifft viele Leute und ist in einer großen Gemeinschaft.“ Die letzten Minuten des Finales von Athen vergesse er nie: „Es waren nur fünf Minuten, aber die haben sich wie Stunden angefühlt.“

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