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Armin Grande war dabei, als Dynamo Dresden vor 60 Jahren seinen Namen erhielt

Armin Grande war dabei, als Dynamo Dresden vor 60 Jahren seinen Namen erhielt

Zu den Spielen von VP Dresden ging er gern ins Heinz-Steyer-Stadion. Die neue Mannschaft in Weiß und Grün, die 1950 dort zu spielen begann, wo zuvor die aufgelöste SG Friedrichstadt zu Hause war, gefiel dem jungen Armin Grande.

Dem 13-Jährigen machte es deshalb auch nichts aus, als er am 12. April 1953 früh aufstehen musste, um pünktlich kurz vor 8 Uhr an der "Schauburg" auf der Königsbrücker Straße zu sein. Mit dem Jugend- und Pionierchor "Walter Ulbricht" vom Pionierpalast war er bestellt, der Umbenennung von Volkspolizei Dresden in SG Dynamo Dresden beizuwohnen. "Ich war noch Pionier in der Grundschule. In den Chor bin ich gegangen, weil gesellschaftliches Engagement damals sehr wichtig sein konnte. Nur wer da etwas vorweisen konnte, hatte überhaupt eine Chance, mal Schaffner bei der Pioniereisenbahn im Großen Garten zu werden. Die hatte damals - anders als die Parkeisenbahn heute - keine Nachwuchssorgen", erinnert sich der gebürtige Dresdner. Pioniereisenbahner ist Grande nie geworden, aber dafür ein treuer Wegbegleiter der Sportgemeinschaft, deren Namensgebung er als Zeitzeuge miterlebte.

Kurz nach dem Tod Stalins im März 1953 und kurz vor der Umbenennung von Chemnitz in Karl-Marx-Stadt im Mai jenes Jahres wurde auch im bekanntesten Filmtheater der von Kriegszerstörungen weitgehend verschonten Äußeren Neustadt Geschichte geschrieben. Dass Dynamo Dresden später einer der erfolgreichsten DDR-Sportklubs und der heute wohl populärste Fußballverein in Ostdeutschland werden sollte, konnte Grande aber nicht einmal ansatzweise ahnen. Er freute sich, dass er als junger Kerl bei einer festlichen Veranstaltung für die Fußballer eingeladen war. "Ich fand es damals großartig, da war doch was los. Wir haben aus vollem Herzen zwei Lieder geschmettert. Das eine war ,Unsere Heimat', das andere 'Sonne, Sonne scheine'", weiß Grande noch genau. Haften geblieben ist bei ihm aber vor allem etwas anderes: die Prämie für seinen kleinen Auftritt, der keine fünf Minuten gedauert haben mag. "Da kam ein Uniformierter und verteilte an uns solche ,Hundemarken'. Für die bekamen wir draußen eine Limonade und eine Bockwurst", lacht Grande heute. Als er für die DNN noch einmal zum Ortstermin zur "Schauburg" kommt, vermisst er nur den Kiosk links neben den Ausgängen zur lärmenden Königsbrücker. "Das Haus sieht eigentlich fast noch genauso aus wie damals, aber der Kiosk ist nicht mehr da, wo wir die Marken eingelöst haben. Die Limo war übrigens rot, das passte zum Anstrich der Veranstaltung, war aber, so glaube ich, eher Zufall", feixt er.

Dass inmitten vieler Volkspolizisten nur drei Spieler seiner Lieblingsmannschaft im zum Festsaal umfunktionierten Kino auszumachen waren, weiß Grande auch noch: "Von denen war kaum einer da." Nur Kurt Fischer, Rudolf Möbius und Karl-Heinz Duffke hatten einen kurzen Auftritt, sie mussten Oberstleutnant Heinz Tülch, dem ersten Vorsitzenden, eine Fahne übergeben. Der Rest der Mannschaft bereitete sich wahrscheinlich schon auf das erste Spiel unter dem neuen Namen vor, das am Nachmittag im Steyer-Stadion stattfand. Gegen Aktivist Brieske-Ost liefen die frisch gebackenen Dynamos anders als noch im alten Weiß-Grün von VP im neuen weinroten Outfit mit einem silbernen "D" auf der Brust auf. Mehr als ein mageres 0:0-Unentschieden sprang aber nicht dabei heraus. Grandes Sympathie für die Mannschaft von Trainer Paul Döring tat das keinen Abbruch. Spätestens seit dem ersten Meistertitel, den Dynamo am 5. Juli 1953 mit einem 3:2 im Entscheidungsspiel gegen Wismut Aue vor 40000 Zuschauern in Berlin errang, war er ein treuer Anhänger.

Und er sollte mehr als nur ein begeisterter Fan werden. Als Brennmeister beim VEB Bramsch arbeitete er im legendären "Kornkeller" auf der Friedrichstraße. Dort schauten die Funktionäre von Dynamo gern und oft vorbei, auch die Spieler feierten mitunter dort, wenn es etwas zu feiern gab. Ein Freundschaftsdienst für Klaus Sammer, dem er eine Plastiktonne besorgte, brachte ihn unverhofft in Kontakt mit dem späteren Meistertrainer Walter Fritzsch. Als der 1969 aus Riesa nach Dresden gewechselt war, bekam er irgendwie mit, was der "Lange" da nach Hause geschleppt hatte. "So eine Tonne wollte Fritzsch auch haben. Die hatten wir aus Bulgarien, da war ursprünglich Saft drin. Eigentlich sollten die zurückgeschickt werden, aber das haben wir natürlich nicht gemacht, denn die waren praktisch. Fritzsch wollte sie als Regentonne für seinen Garten und fragte mich, ob ich ihm auch eine beschaffen könne. Es sollte nur keiner mitkriegen", erzählt Grande. Schnell sagte er zu und stand wenig später vor Fritzschs Tür in einem der Hochhäuser an der Grunaer Straße. Der kleine Mann, den die Dynamo-Spieler erst nicht haben wollten, dem sie dann aber auch ihre größten Erfolge mitzuverdanken hatten, war nicht da, aber seine Frau empfing den Boten. "Sie hat mir aufgemacht und gesagt: Ich weiß Bescheid, kommen Sie herein. Haben Sie keine Angst, ich nehme die Pille!" Da sei er platt gewesen, schüttelt Armin Grande heute noch den Kopf: "Ja, so war sie, die Käthe."

Es dauerte nicht lange, da saß Grande bei den Fritzschs auch im Garten in Boxdorf. Er wurde ein enger Freund des Paares, lernte Hinz und Kunz bei Dynamo kennen, arbeitete als Schiedsrichterbetreuer, half beim Kartenverkauf, wenn Europacup-Spiele anstanden. Für die Kinder oder gar Enkel prominenter Spieler spielte er auch mal den Weihnachtsmann. Benjamin Kirsten, der heute beim Punktspiel bei Union Berlin zwischen den Pfosten steht, musste schön brav sein, wenn der maskierte Grande seinen Sack mit den Geschenken öffnen sollte.

Schließlich wurde der Mann für alle Fälle Nachlassverwalter von Walter Fritzsch, als der Meistertrainer 1997 nach schwerer Krankheit starb und ihm seine Käthe nur wenig später ins Grab folgte. Es war eine schwere Zeit für den sonst stets fröhlichen Brennmeister, der Späße liebt und sich bis heute für die Dynamo-Traditionself einsetzt. Der in Zschertnitz wohnende Grande hat die vollen 60 Jahre Dynamo Dresden miterlebt, alle Höhen und Tiefen mitgemacht. Dass der Verein im Jubiläumsjahr mal wieder gegen den Abstieg kämpfen muss, tut ihm weh. Noch immer ist der weißhaarige Herr mit den funkelnden Augen oft im Stadion; er hat eine VIP-Karte, die er aber auch gern mal einem ehemaligen Spieler leiht, wenn der auf Dresden-Besuch schnell noch ins Stadion möchte.

Abstiege hat er schon einige mitgemacht, die reichen ihm. Viel bedeutet ihm der Verein auch nach sechs Jahrzehnten noch, obwohl die großen Zeiten längst vergangen sind, der Verein sein Personal so oft wechselt wie Otto Normalverbraucher seine Hemden: "Trotzdem hängt ein Stück Herzblut dran", gibt er zu. Doch er glaubt auch: "Sollte Dynamo absteigen, dann wäre es aber nicht mehr so schlimm für mich, als wenn Dynamo gegen Juventus verloren hätte." Viel habe sich geändert in all den Jahren, beileibe nicht alles zum Besseren. Aber abschließen mit Dynamo wird der 73-jährige Rentner erst, wenn er nicht mehr lebt. Er ist zu eng mit dem verbunden, was einst in der "Schauburg" mit Bockwurst und Limo begann.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.04.2013

Jochen Leimert

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