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60 Jahre Dynamo Dresden: "Wo ist denn der Lippmann hin?"

60 Jahre Dynamo Dresden: "Wo ist denn der Lippmann hin?"

Seit fast fünf Jahren leitet er die Geschäftsstelle beim Landesligisten Bischofswerdaer FV, nebenbei trainierte er zeitweise den SV Pirna-Süd und betreut seit dieser Saison die 2. Männermannschaft des BFV: Frank Lippmann (52) hat sich eingerichtet in der Fußball-Provinz.

Dresden.

Der gebürtige Dresdner fühlt sich wohl in der Heimat, er ist zufrieden. Das war nicht immer so. Als er in den frühen Morgenstunden des 20. März 1986 langgehegte Fluchtgedanken in die Tat umsetzt und nach Dynamos denkwürdiger 3:7-Europacup-Pleite bei Bayer Uerdingen im Westen bleibt, träumt er von der Bundesliga und einem Leben ohne die Gängelei durch die Stasi.

Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) bedrängte ihn, seine Mitspieler zu bespitzeln. Mit einem unter Alkoholeinfluss verschuldeten Verkehrsunfall - sein Wagen war nach der Jahresabschlussfeier 1985 im Hotel Astoria mit einem Gefangenentransport aus Bautzen zusammengestoßen - hatte er sich angreifbar gemacht. Lippmann, der Verwandte im Westen hatte, stank das. Er wartete nur auf eine Gelegenheit abzuhauen. Nach dem Debakel in der Grotenburg, verließ er das Krefelder Hansa-Hotel durch die Tiefgarage. Sein Zimmergenosse Hans-Jürgen Dörner ahnte nichts, nicht einmal Lippmans Freundin Annett daheim in Dresden, die erst vor wenigen Monaten die gemeinsame Tochter zur Welt gebracht hatte. Lippmanns Flucht löste nach dem sportlichen Desaster am Abend ein zweites Erdbeben bei Dynamo aus.

"Beides war aus Sicht der DDR-Oberen politisch untragbar", erinnert sich Lippmann Jahre später, "viele Leute haben sich lange nicht davon erholt." Für Klaus Sammer war die Nacht von Krefeld, fast genau ein Jahr nach dem 0:5 bei Rapid Wien, der Anfang vom Ende als Cheftrainer. Die noch im Mai vom MfS eingeleitete "Operative Personen-Kontrolle" (OPK) "Latte" hatte nur ein Ziel: Sammer zu diskreditieren und abzuservieren. Der "Lange" weiß sofort, was die Stunde geschlagen hat, als er von Lippmanns Flucht erfährt: "Am besten ist, wir bleiben auch hier. Die schießen uns doch ab, wenn wir nach Dresden kommen", sagt er noch in Krefeld zu Co-Trainer Dieter Riedel. Am Saisonende ist Sammer tatsächlich entmachtet, als Dynamo im Pokal-Halbfinale gegen Union 3:4 verliert und in der Meisterschaft auch noch den Uefa-Cup-Platz verspielt. Sammer kitzelt den Abtrünnigen heute noch: "Jedes Mal, wenn wir uns sehen, sagt er zu mir: Du heute nicht flüchten! Ein kleiner, spaßiger Seitenhieb, den ich mir gefallen lasse", erzählt Lippmann. Dessen Flucht und Sammers Entlassung hatte n aber noch für andere Folgen: Sammer-Nachfolger Eduard Geyer sortierte den 35-jährigen Kapitän Dörner sofort aus, obwohl der im Vorjahr noch DDR-Fußballer des Jahres war.

Lippmanns Flucht konnte wenigstens einer seiner Kameraden etwas Gutes abgewinnen, "denn dadurch verteilte sich der Ärger auf zwei Personen", erinnert sich Jens Ramme. Der bislang lediglich in der DDR-Liga erprobte Torwart musste in Uerdingen ran, nachdem Wolfgang Funkel Bernd Jakubowski kurz vor der Halbzeitpause mit einem Foul das Schultergelenk zertrümmert und ihn so zum Sportinvaliden gemacht hatte. Ramme sollte sich aber auch nicht mehr davon erholen, dass er noch sechs Tore kassierte. Die 3:1-Führung und das 2:0 im Hinspiel waren plötzlich für Dynamo nichts mehr wert. Lippmann, der im Hin- und Rückspiel traf, kreidet dem damals jungen Halberstädter höchstens ein Gegentor als Torwartfehler an: "Die Schuld auf ihn abzuladen, ist völlig verfehlt. Da gab es noch genügend ältere Spieler, die versagt haben."

Der beispiellose Einbruch in der zweiten Halbzeit gab schnell Anlass zu Spekulationen. Für einige DDR-Medien war der Sündenbock klar. Das Spiel sei gekauft worden, hieß es. "Für eine hohe Geldsumme, die ihm sportfeindliche Kreise boten, hat er seine Kameraden verraten", wurde die DDR-Nachrichtenagentur ADN am 20. März im Kölner "Express" zitiert. Lippmann wehrt sich bis heute: "Keiner kann behaupten, ich wäre eine blanke Enttäuschung gewesen." Es sei kein Geld geflossen: "Ich kann mir das auch nicht von den anderen vorstellen." Dem Schiedsrichter traut er weniger, der Ungar Lajos Nemeth pfiff ab der 58. Minute nur noch nach dem Geschmack der Gastgeber. Dass er in dieser Nacht noch flüchten würde, wusste Lippmann da noch nicht. Erst als ihn ein Freund aus dem Westen ihn im Hotel fragte, ob er es wagen wolle, sagte er spontan zu und verließ Andreas Trautmann und Hans-Uwe Pilz, die auf einem Zimmer mit ausgereisten Ex-Dresdnern noch ein Bier tranken. Warum Dynamo die Chance auf das Halbfinale im Cup der Pokalsieger noch vergab, erklärt er sich so: "Wir hatten bis zur Pause ein Gefühl entwickelt, dass uns nichts mehr passieren kann."

Die Bayer-Elf glaubte auch nicht mehr an ein Weiterkommen. Der dreifache Torschütze Wolfgang Funkel: "Wir sind aus der Kabine, wollten nur im eigenen Stadion nicht verlieren." Beim ZDF riefen um 21 Uhr hunderte Zuschauer an: "Schaltet ab, sendet lieber Anderlecht gegen Bayern!" Wenig später bedankten sich viele Zuschauer, 16,27 Millionen sahen die zweite Halbzeit. Im Osten waren es noch ein paar Millionen mehr, aber gefeiert wurde in Dresden nicht. Tagelang wurden die zurückgekehrten Spieler verhört, nach Hause kamen sie erst gar nicht. Das nächste Punktspiel beim FC Karl-Marx-Stadt ging mit 1:3 in die Hose. Von den Rängen der "Fischerwiese" schallte es hämisch: "Wo ist denn der Lippmann hin?"

Der war längst in Nürnberg aufgetaucht: "Dort kam der Bekannte her, der mir geholfen hatte." Beim 1. FC Nürnberg fand Lippmann rasch einen neuen Klub. Provokante Auftritte vermied er auf Anraten des Bundesnachrichtendienstes weitgehend. Der mysteriöse Tod von BFC-Flüchtling Lutz Eigendorf war ihm Warnung. Der Sachse musste auch Freundin Annett und Tochter Sylvi in Dresden schützen, die von der Stasi massiv bearbeitet wurden. Ihr Ausreiseantrag wurde abgelehnt, erst im Sommer '89 konnten sie bei Sopron durch ein Loch im Eisernen Vorhang kriechen. Die 1990 in der Schweiz geschlossene Ehe hält bis heute.

Sportlich hatte Lippmann aber kein Glück, Verletzungen stoppten seine Karriere früh. Heute ist er froh, dass er noch ab und an mit der Dynamo-Traditionself spielen kann. Angesprochen wird er auf die Nacht von Krefeld immer noch: "Es lässt zwar etwas nach, aber die Geschichte bleibt bis zum Lebensende an mir hängen." Seine riskante Flucht bereut er nicht: "Das kann ich gar nicht, denn ich weiß nicht, was gewesen wäre, wenn ich es nicht getan hätte."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.08.2013

Jochen Leimert

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