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60 Jahre Dynamo Dresden: Günter "Moppel" Schröter erzählt von seinem bewegten Fußball-Intermezzo

60 Jahre Dynamo Dresden: Günter "Moppel" Schröter erzählt von seinem bewegten Fußball-Intermezzo

Wenn sich der Club der Nationalspieler trifft, dann ist Günter Schröter stets eingeladen. Eine Einladung zum Festakt "60 Jahre Dynamo Dresden" erhielt der frühere Kapitän der DDR-Nationalmannschaft (39 Länderspiele/13 Tore) dagegen nicht.

Berlin/Dresden.

Dabei ist der heute 85-Jährige in der wechselvollen Vereinsgeschichte ein Mann der ersten Stunde. Der gebürtige Brandenburger, der auch unter seinem aus Kindertagen stammenden Spitznamen "Moppel" bekannt wurde, gehörte zu jener Truppe, welche die Trainer Fritz Sack und Paul Döring im Sommer 1950 in Forst aus verschiedenen Volkspolizei-Mannschaften auswählten, um sie als Volkspolizei Dresden in der DDR-Oberliga zu etablieren. In der Saison 1951/52 wurde der Stürmer mit VP Dresden Vizemeister und Pokalsieger, ein Jahr später - die Mannschaft hieß erst wenige Wochen Dynamo Dresden - feierte er am 5. Juli in Berlin seinen ersten und einzigen Meistertitel.

Von solchen Glücksmomenten wagte der dribbelstarke Torjäger wenige Jahre zuvor nicht einmal ansatzweise zu träumen. "Wir waren die letzte Kompanie, die sie noch in den Krieg geschickt haben", erzählt der Rentner und sein Blick wird nachdenklich. An der Ostfront wurde der bei Kriegsende gerade 18 Jahre alte Schröter gefangen genommen und musste fortan in einer polnischen Kohlegrube bei Sosnowitz in 1000 Metern unter der Erde schuften. "Die Polen waren damals nicht gut auf uns zu sprechen. Wir mussten jeden Morgen antreten, sind durch die Stadt zur Grube marschiert und wurden dabei angespuckt. Es gab kaum etwas zu essen, und wenn du abends deine Jacke ausgezogen hast, dann fandest du sie am nächsten Morgen fünf Meter weiter weg wieder, weil die Ratten daran herumgenagt hatten." An Fußball sei damals nicht zu denken gewesen.

Seiner Leidenschaft konnte er erst nach seiner Entlassung und der Rückkehr nach Brandenburg wieder frönen. Beim Brandenburger Ballspiel-Club hatte er einst angefangen, nun spielte er bei Konsum Nord Brandenburg. "Weil da aber mit Fußball nicht viel los war und ich in Potsdam bei der Polizei etwas Geld verdienen konnte, bin ich 1949 da hingegangen", erinnert sich Schröter. Für VP Potsdam spielte der Angreifer aber nur kurze Zeit, denn dann kam schon der Ruf aus Dresden, "weil die Friedrichstädter Mannschaft abgehauen war und sie dort eine neue Mannschaft aufbauen wollten".

Anfangs war es nicht leicht für die Zugereisten, denn die Dresdner trauerten ihrem alten DSC nach, dessen Nachfolger SG Friedrichstadt auch gerade aufgelöst worden war. Zudem hatten viele Fußballfans Be-rührungsängste mit den Volkspolizisten. Wenn die in Uniform auftraten, zogen sich die Leute zurück. "Wir haben sie durch unsere Spielweise aber immer mehr für uns einnehmen können. Wir hatten eine gute Truppe beisammen, die Spieler konnten was", ist Schröter noch heute überzeugt. Gleich vier Dresdner VP-Spieler standen am 21. September 1952 beim ersten Länderspiel der DDR im Aufgebot. Neben Schröter gehörten Herbert Schoen, Johannes Matzen und Günter Thorbauer zu der Mannschaft, die vor 35 000 Zuschauern in Warschau den Polen mit 0:3 unterlag.

Mit den sich aber in Dresden einstellenden Erfolgen wuchs die Akzeptanz der Spieler in der Bevölkerung rasch, das Heinz-Steyer-Stadion war wieder gut gefüllt. Eine völlig neue Erfahrung für den jungen Mann von der Havel: "Diese Fußballbegeisterung kannte ich vorher gar nicht, die gab es in Brandenburg nicht. Wir hatten in Dresden ein hervorragendes Publikum." Damit sich die Leute in der Stadt auch nicht beschwerten, dass die VP- und späteren Dynamo-Fußballer ein zu leichtes Leben hätten, gingen sie morgens auch demonstrativ ins Büro zum Dienst. "Das war von 8 bis 12 Uhr, nach dem Mittagessen wurde trainiert - erst dreimal die Woche, später jeden Tag. Im Büro gab es allerdings für uns nicht viel zu tun, den Schreibkram haben uns ein paar junge Mädchen abgenommen. Dass wir dahin mussten, war mehr dazu da, um die Leute zu beruhigen. Neider gab es auch damals schon", stellt Schröter klar.

Als Dynamo am 5. Juli 1953 das erste Mal Meister wurde, war die Begeisterung der Leute nach Rückkehr der Mannschaft aus Berlin groß - zumindest bei jenen, die mitbekommen hatten, dass im Casino des Steyer-Stadions gefeiert wurde. Ein Autokorso oder eine öffentliche Feier auf dem Altmarkt waren damals nicht üblich, abgesehen davon, dass es kaum Autos gab. Im Casino herrschte jedenfalls beste Stimmung: "Da war die Kneipe voll, jeder hat dir auf die Schulter geklopft", weiß "Moppel" Schröter noch. Mittlerweile war der 1,68 Meter kleine Stürmer von den Gegnern gefürchtet, weil er trickreich war und viele Tore schoss - mit 32 Treffern im ersten Jahr bei VP Dresden war er schon zweitbester Oberliga-Torjäger geworden. Auch als Dynamo in Berlin im Entscheidungsspiel gegen Wismut Aue den ersten Meistertitel errang, ging Schröter nicht leer aus. Linksverteidiger Manfred Michael hatte Dynamo zwar früh in Führung gebracht, doch Willy Tröger und Armin Günther kurz vor und nach der Pause das Spiel gedreht. In der 88. Minute aber erzwang Schröter mit dem 2:2 die Verlängerung. Der Siegtreffer fiel in der 113. Minute durch den aus Greifswald stammenden Karl-Heinz Holze. Der zweifache Torschütze vom Pokalfinale ein Jahr zuvor (3:0 in Berlin gegen Einheit Pankow) besiegelte mit einem 18-Meter-Drop-Kick-Schuss das Schicksal der Auer und machte aus Paul Döring Dynamos ersten Meistertrainer.

Unter Dörings Nachfolger, dem Ungarn Janos Gyarmati, erkämpfte Dynamo in der folgenden Saison 1953/54 Bronze in der Meisterschaft. Abwehrchef Schoen und Torjäger Schröter spielten die dritte Saison in Folge durch. "Ich war selten verletzt", erinnert sich Schröter heute, "ich war auf Draht, kannte meine Gegenspieler genau. Ich wusste, wenn der haut, dann musst du springen." Seine gute Gesundheit ermöglichte es ihm, noch lange nach dem Karriereende bei den Alten Herren zu kicken. Noch mit weit über 70 trat Schröter gegen den Ball, heute hält er sich vor allem mit Fahrradfahren in Bewegung.

Seit Jahrzehnten lebt er in Berlin, wohin er im November 1954 abkommandiert wurde - mit fast der gesamten Dynamo-Mannschaft. Nachdem Empor Lauter Anfang des Monats auf Wunsch des Rostocker Parteichefs Harry Tisch an die Küste beordert worden war, traf es wenige Tage später auch Dynamo Dresden. Die Spieler von Trainer Helmut Petzold, in der Tabelle wieder weit vorn, mussten nach dem Stadtderby gegen Rotation ihre Sachen packen. Den 2:1-Erfolg (Tore: Matzen 2, Legler) sahen noch einmal gut 40 000 Zuschauer im Steyer-Stadion, vom Marschbefehl der Dynamo-Elf ahnten sie nichts.

Weil in Ostberlin eine schlagkräftige Mannschaft fehlte und die Leute der Westberliner Hertha die Daumen drückten, hatte sich die Sportführung entschieden, den neuen SC Dynamo Berlin (ab 1966 BFC Dynamo) als Gegengewicht zu installieren. Die Dresdner Spieler und ihre Familien fragte niemand. Fast alle zogen um: "Wir waren ja Polizisten, da gab es keine Widerrede. Wir waren verpflichtet zu gehen", sagt Schröter heute. Gern wären seine Frau Edith, die er einst in Brandenburg auf einem Fußballplatz kennen gelernt hatte, und er in Dresden geblieben. Auf der Grunaer Straße hatten sie sich in einer Neubauwohnung eingerichtet, sportlich lief es auch gut.

In Berlin verdiente Schröter später zwar besser, doch die Zuschauer strömten nicht mehr so ins Stadion, wenn er und die anderen Dynamos spielten. Tore schoss er trotzdem weiter, wurde 1959 erneut Pokalsieger. Im Wiederholungsspiel gegen Wismut Karl-Marx-Stadt siegten die Berliner in Leipzig 3:2, Schröter traf vom Punkt zum 2:1. In der DDR-Torjäger-Rangliste rangiert Schröter mit 142 Oberliga-Treffern hinter Joachim Streich (229), Eberhard Vogel (188), Peter Ducke (153) und Henning Frenzel (152) auf Rang fünf, noch vor Hans-Jürgen Kreische (131). 1989 wurde er in die "Super-Elf 40 Jahre DDR" gewählt, dabei hatte er schon 1963 aufgehört und seitdem größtenteils als Nachwuchstrainer gearbeitet. Die Urkunde hängt noch in seiner kleinen Wohnung in Berlin-Tegel. "Autogrammwünsche erhalte ich noch oft, auch aus Dresden", erzählt der 85-Jährige. Nur sehr selten erfüllt er sie, "denn oft wollen die Leute stapelweise Autogramme, um damit Geschäfte zu machen".

Mit dem Profifußball von heute kann sich Schröter nicht wirklich anfreunden. "Da sitzen welche nur auf der Bank und verdienen ein Schweinegeld - wofür?", fragt er. Ins Stadion geht er kaum noch, weil ihm das Drumherum nicht behagt: "Ich war zwei-, dreimal bei Hertha. Da kamen die Fans die Treppe hoch und waren besoffen. Das war ekelhaft." Vielen gehe es nicht mehr um das Spiel, "sondern darum, Krawall zu machen". Lieber schaut er in Ruhe zu Hause auf Sky zu, leider ohne die ebenso fußballbegeisterte Edith, die vor drei Jahren gestorben ist. Aus dem Fernsehen kennt er auch das neue Dresdner Stadion: "Das ist toll geworden - und die Bude ist immer noch voll." Dass Dynamo um den Klassenerhalt kämpfen muss, bedauert er, "aber noch ist ja zum Glück nichts verloren".

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.04.2013

Jochen Leimert

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