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Olympia 2016
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Balsam für Brasiliens Seele

Olympia Balsam für Brasiliens Seele

In Rio ist so langsam etwas Olympia-Stimmung zu spüren. Vor allem das Lob für die Eröffnungsfeier tut gut: "Das wahre Brasilien hat sich gezeigt." Aber einer bekommt den ganzen Frust über die Politik ab.

Rio de Janeiro. Die Pudel-Damen Sophia und Emmanuela werden liebevoll getätschelt, sonntags ist in Copacabana Hunde-Ausführtag.

"Plötzlich ist alles viel sicherer hier", meint Teresa Follador, Carioca, wie sich die Bewohner Rios nennen, durch und durch. Viel mehr Polizei. Sie sitzt an der berühmten Strandpromenade im Schatten, mit Freundinnen, die auch Hunde mindestens im Doppelpack dabei haben. Dackel, Pudel, ein Kleinspitz sitzt in einem pinken Hundewagen. Hier feiern sie im Februar ja sogar einen Karneval mit kostümierten Hunden - bei einer Hunde-Olympiade wären die älteren Damen hier sicher dabei.

Sie nehmen Olympia wie viele hier eher so nebenbei wahr. Aber sie sind stolz, die Welt begrüßen zu dürfen - und bisher gibt es keine größeren Zwischenfälle. "Die Stadt ist endlich mal wieder fröhlich", meint Follador. "Bei der Eröffnungsfeier haben wir uns von der allerbesten Seite gezeigt." Am Ticketschalter für das Beachvolleyballstadion gibt es am Sonntag lange Schlangen, bisher wurden erst rund 80 Prozent der 6,1 Millionen Olympia-Tickets verkauft, es gibt überall oft noch leere Plätze. Die Brasilianer sind halt spontane Menschen, das gilt auch für die Entscheidung, sich bei Olympia etwas anzuschauen. In der Beachvolleyballarena mit Blick auf Strand und Atlantik geht die Post ab - gerade wenn Brasilianer spielen. Und im Land wird plötzlich jemand gefeiert, der den meisten der über 200 Millionen Brasilianer bisher unbekannt gewesen war.

Felipe Almeida Wu hat Geschichte geschrieben. Er holte mit der Luftpistole olympisches Silber. Die erste Medaille im Schießen für Brasilien seit 96 Jahren. Was auffällt zum Olympia-Start in Rio: Viele Brasilianer haben die Nationaltrikots aus dem Schrank geholt. Gelb-Grün, überall zu sehen. Das Ziel lautet: unter die ersten Zehn im Medaillenspiegel kommen. Rio soll auch der Startschuss sein für eine bessere Sportförderung, auch in bisher hier kaum bekannten Sportarten, der Olympiapark im Stadtteil Barra wird nach Olympia zum riesigen nationalen Leistungssportzentrum umgebaut.

Für die tief verunsicherte Nation ist vor allem die Eröffnungsfeier Balsam. Das Fest wurde gelobt. Vielerorts wurde beim Public Viewing mächtig gefeiert. Dort wurde all die kreative Kraft, die in dieser Nation steckt, gezeigt. Ihnen ist vor allem wichtig, wie auf ihr Land geschaut wird. Im Fernsehen werden ausländische Kommentare seziert. Viele ärgern sich über eine oft klischeehafte Berichterstattung. Bürgermeister Eduardo Paes klagte - nicht ganz zu Unrecht - es würden immer nur die negativen Nachrichten gebracht. Dass es ein enormer Kraftakt war, in einer der tiefsten Rezessionen der Geschichte diese Spiele punktgenau an den Start zu bringen, wird kaum honoriert.

"Es war eine Botschaft an die Welt", schreibt der bekannte Kolumnist Arnaldo Jabor über die Eröffnungsfeier. "Das wahre Brasilien, das auch historische Fehler nicht verschweigt, hat sich gezeigt." Ein wichtiger Tag auch für die Politik, meint er. "Dieses wunderbare Land muss sich aus dem Griff befreien, der es in eine bedauernswerte Sache verwandelt hat." Ein klarer Seitenhieb auf die völlig diskreditierte politische Klasse. Nachdem Präsidentin Dilma Rousseff 2014 bei der Fußball-WM ausgepfiffen wurde, erwischte es nun Interimspräsident Michel Temer noch schlimmer. Er wurde im Maracanã so ausgepfiffen, dass seine Worte zur Eröffnung der Spiele nicht zu verstehen waren.

Sein Appell, Olympia mögen die Nation wieder einen: verhallt. Kann jemand, den niemand gewählt hat, bis Ende 2018 das fünftgrößte Land der Welt führen? Es gärt mächtig. Temer hatte sich als Vizepräsident mit der Opposition verbündet, es gab plötzlich Mehrheiten für eine Amtsenthebung von Rousseff, die sagt, sie sei von 54 Millionen Bürgern legal gewählt worden. Nach der Suspendierung im Mai soll sie Ende August vom Senat endgültig abgesetzt werden. Aber Temers Partei der Demokratischen Bewegung (PMDB) steht wie Rousseffs Arbeiterpartei im Fokus eines milliardenschweren Korruptionsskandals um Provisionszahlungen bei Auftragsvergaben. Auch bei Untersuchungen zu den Olympia-Bauten könnte noch so einiges ans Licht kommen.

Der Start ist zwar Balsam nach der dem Zeichnen eines Rio als Hort von Zika, Mord und Totschlag - aber der politische Kampf wird auch während Olympia nicht ruhen und kann für Turbulenzen sorgen. Es gibt Aufrufe, die Spiele als Plattform für "Temer raus"-Proteste nutzen.

dpa

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