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Harting quält sich für Rio: "Das Wort heißt Leidenschaft"

Leichtathletik Harting quält sich für Rio: "Das Wort heißt Leidenschaft"

Ring frei für Robert Harting! Nach langer Leidenszeit kommt der Diskus-Riese endlich wieder zurück. Beim Heimspiel in Berlin gibt der Olympiasieger sein Comeback. Zwar unterm Hallendach, aber zum "Durchschütteln" kommt der Wettkampf genau richtig.

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Diskus-Olympiasieger Robert Harting beantwortet im Interview mit der dpa Fragen zum Comeback und Olympia in Rio.

Quelle: Rainer Jensen

Berlin. Im Olympiastadion bestritt er Ende August 2014 seinen letzten Wettkampf vor den heimischen Fans - in Berlin gibt Robert Harting am Samstag auch sein Comeback. Eine lange Leidenszeit geht zu Ende.

Im dpa-Interview spricht der Diskus-Olympiasieger über die Zwangspause und seine Zukunft, über Olympia in Rio und die Krise der Leichtathletik.

Sagt Ihnen die Zahl 531 was?

Robert Harting: Die Tage von meinem letzten Wettkampf bis zum Comeback? Ja. Das ist lange her. Die Zahl sagt an sich wenig aus, aber da stecken genau so viele Denkwelten drin, wie sie beziffert. Ich bin froh, dass ich das langsam aussortiert habe.

Kam Ihnen diese Zeit nicht wie eine Unendlichkeit vor?

Harting: Schon. Das war so ein bisschen gesichtslos, so luftleer, das ist schon komisch. Man genießt die Zeit natürlich erst mal, dass man nicht jeden Tag früh aufstehen und an die Leistung denken muss und sich jedes Mal durch den Schmerz durchquält. Jetzt wird es langsam Zeit, dass ich auch einen Wettkampf mache - und dass ich mich mal durchschüttel. Man darf nicht vergessen, wer man ist. Und dafür ist dieses Comeback am Sonnabend ungemein wichtig.

Wollten Sie mal aufgeben? Sie haben viele andere Hobbies...

Harting: ... das ist aber auch das Problem. Ich wollte nie aufgeben, ich wollte immer wieder zurück! Und deshalb freue ich mich jetzt auch auf die Aufgabe.

Aber man sagt doch so oft zu Sportgrößen: Du hast doch alles erreicht... Sie auch? Wofür schinden Sie sich noch, was motiviert noch mit 31 Jahren?

Harting: Das Wort heißt Leidenschaft. Die Deutschen haben ja eine Leidenschaft für Erfolg, aber weniger die Leidenschaft, sich auch mal durchzuquälen. Es ist immer noch das Gefühl, dass das einfach noch nicht genug ist. Ich fühle mich aber gerade nicht wie ein Olympiassieger, sondern eher wie ein Anfänger. Ich fühle mich jetzt gerade wieder herausgefordert.

Das ist doch nicht neu?

Harting: Aber es ist auch nicht leicht. Egal ob im Berufsleben oder im Sport, es zählt immer: Einordnen, Unterordnen, Durchsetzen. Und ich hatte mich jahrelang nur noch mit dem Durchsetzen beschäftigen müssen. Und jetzt muss ich mich erst wieder einordnen, unterordnen.

Sie haben gesagt: In Rio muss ich kein Gold mehr holen. Nur: Wie motiviert man sich als ehrgeiziger Siegertyp dann?

Harting: 2012 in London, da hatte ich mich über Gold definiert. Danach fiel viel von mir ab, ich war total erleichtert. Wenn ich das jetzt noch mal schaffe, wäre das geil! Das würde mich freuen. Ich könnte das viel mehr genießen. Damals war es ein Zwang, jetzt ist es ein "kann". Das ist eigentlich viel positiver, weil man sich selber irgendwie nicht geißelt dabei.

Also Olympia ohne Druck, aber doch nicht im Schongang?

Harting: Ich muss mich jetzt zwar auch wieder zwingen und kämpfen. Aber ich hab' das ja schon mal geschafft. Es wird dieses Jahr einen Olympiasieger geben. Und wenn ich der bin, freue ich mich tierisch. Und wenn nicht, dann macht's ein anderer.

Pardon aber haben Sie abgespeckt. Es waren doch mal 130 Kilo, oder? Und jetzt lockt die Diätbranche?

Harting: Es sind immer noch 125 Kilo. Weniger ist es leider auch nicht. Aber ich fühle mich einfach wohler ohne Fett und Zucker. Ernährung wird immer wichtiger. Man lernt da ein bisschen weiter zu denken als nur bis zum nächsten Wettkampf.

Sie arbeiten jetzt mit einem Mentaltrainer zusammen. Warum?

Harting: Es hat sich alles verändert. Ich muss jetzt doppelt so viel investieren, um wieder einzutauchen in die Sache. Ich muss mich irgendwie wieder Robert-Harting-mäßig fühlen. Es geht um den Kopf, und das ist Software. Und meine Software ist momentan irgendwie noch nicht effektiv genug. Deshalb der Mentaltrainer, aber wir haben gerade erst begonnen, es ist relativ frisch.

Auf welchen Harting sollten wir im Sommer nun besonders achten - auf den kleinen Christoph oder den großen Robert?

Harting: Leistungsmäßig auf beide. Mal sehen, wie Christoph das macht. Er ist in allem besser als ich. Von der Weite her sollte er da sein, wo er im vergangenen Jahr auch schon war: so bei 68 Metern und ein bisschen mehr.

Wird das "Comeback" der Welt-Leichtathletik auch gelingen? Nach den Dopingskandalen einfach alles auf Null - geht das?

Harting: Das wäre toll und einfach mal konsequent. Aber ich tue mich halt schwer zu sagen, die FIFA versaut den Fußball, und die Leichtathletik toppt das noch. Einmal beschreibe ich eine Organisation, das andere Mal eine Sportart. Konsequent wäre es, wenn man die Rekorde auf null stellt. Man sollte transparent sein, denn die Konsumenten des Sports in aller Welt werden immer klüger. Da muss der Leichtathletik-Weltverband deutlich nachlegen. Die Messbarkeit von Leistungen unterscheidet unsere Sportart ja von anderen. Damit ist sie ein historischer Zeitzeuge von Betrug - und das wird der Leichtathletik zum Verhängnis.

Gelingt die Imagewende mit Sebastian Coe an der Spitze?

Harting: Die Chancen stehen so gut wie nie zuvor. Coe kann der Leichtathletik jetzt als Präsident einen Denkzettel verpassen. Er hat eine Riesenchance, und ich hoffe, er nimmt sie wahr.

Sollen die Russen in Rio starten? Das wäre doch eine Kollektivstrafe - dann droht eine Klagenflut der sauberen Athleten?

Harting: Das ist eine Patt-Situation. Die Sanktion für den russischen Verband war das richtige Signal, denn das war ja Betrug auf höchster Ebene. Ich verstehe nur nicht, warum das Kollektiv der unschuldigen russischen Athleten sich noch nicht gemeldet hat und nicht auf die Barrikaden geht. Dann sollen sie doch unter der IOC-Flagge starten. Solche Ausnahmeregelungen sind doch bei Olympia möglich.

Trainer, Manager, Funktionär - wäre das später mal was?

Harting: Ich bin kein Freund von Konsens. Ich finde, das bremst und lähmt. Für ein sportpolitisches Amt bin ich sicher nicht geeignet. Ich bin für Veränderungen, da hab' ich Bock drauf. Aber was meine berufliche Zukunft betrifft, da bin ich selber noch ratlos.

Wann ist endgültig Schluss mit dem Sport? Wird das eine Harting'sche Vernunft- oder Bauchentscheidung?

Harting: Sowohl als auch. Der Kopf weiß, dass das Leben auch noch weitergeht und man seinen Körper noch mal braucht. Und vom Bauch her, weil man sich alle Ecken des Bildes schon mal angeschaut hat. 2018 ist definitiv Schluss! Bei meiner Heim-EM in Berlin - ich freu' mich drauf. Ich versuche, dieses Jahr so gut wie möglich zu sein, damit ich mich dann zwei Jahre entspannen kann.

ZUR PERSON: Robert Harting ist Deutschlands prominentester und einer der erfolgreichsten Leichtathleten. Der 31-Jährige war jahrelang der Herr im Ring: In London erkämpfte der gebürtige Cottbusser 2012 Olympia-Gold. Der Schützling der Trainer Werner Goldmann und Torsten Schmidt (seit 2013) wurde dreimal Weltmeister (2009, 2011 und 2013) und zweimal Europameister (2012, 2014). Am 9. September 2014 riss sich der dreimalige "Sportler des Jahres" das Kreuzband im linken Knie und bestritt seitdem keinen Wettkampf mehr.

dpa

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