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Dresdner Posaunenchor: „Wir können überall sofort loslegen“

Martin-Luther-Kirchgemeinde in der Neustadt Dresdner Posaunenchor: „Wir können überall sofort loslegen“

Ein Posaunenchor wie der von der Martin-Luther-Kirchgemeinde in der Dresdner Neustadt bringt Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten und Berufen zusammen.

Der Posaunenchor der Martin-Luther-Kirche in der Dresdner Neustadt mit seinem Leiter Michael Käppler bei der Probe im Gemeindehaus.
 

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden.  Beim Choralvorspiel zu „Nun danket all und bringet Ehr“ läuft es schon ganz gut. Nur beim Schlussakkord hätte Michael Käppler noch ein schöneres F. Der 29-jährige Kirchenmusiker, vor sich das Notenpult, setzt mit ausholenden Armbewegungen den Takt, gibt mit Händen und Blicken den Einsatz für die einzelnen Stimmen. Im Halbkreis vor ihm sitzen dreizehn Männer und vier Frauen. Eine Tuba, fünf Posaunen, Tenorhorn und zehn Trompeten. Jeden Donnerstag Abend trifft sich der Posaunenchor der evangelischen Martin-Luther-Kirche im Gemeindesaal zu anderthalb Stunden Probe.

Bis zum Gemeindefest des Kirchspiels Dresden-Neustadt am 12. Juni muss der Choral perfekt sitzen. Michael Käppler lässt einzelne Stimmgruppen ausgewählte Takte wiederholen. „Daam-ba-ba-ba-ba. Und bitte vor Takt 15 nicht so ein Riesenloch“, sagt er. Beim St. Louis Blues brauchen sie eine Weile, ehe sich das Stück mit schaukelndem Gang in Bewegung setzt. Das proben sie auch erst zum zweiten Mal. Der Anfang sei stets mühsam, sagt Käppler. In kleinen Schritten wird jedes Stück zusammengesetzt. „Doch über das gute Ergebnis freuen sich dann alle.“

Christoph Rößler mit seiner Trompete, zwölf Jahre alt, ist der Jüngste. Seit Weihnachten 2015 ist er dabei, noch etwas unsicher. „Aber ich kann ein bisschen bei meinem Nachbarn mit hören.“ Hier mit zu spielen verstand sich für ihn fast von selbst. „Fast die ganze Familie spielt Blech“, sagt seine Schwester Johanna, 14 Jahre alt, die Trompete bläst. Vater Thomas und Mutter Erika Rößler, beide an der Posaune, greifen im Wechsel hinter sich und schaukeln den Kinderwagen. In dem liegt Henriette, die jüngste Tochter, vier Monate alt. Den massiven Blechklängen, die ihr da in die Wiege gelegt werden, lauscht sie ruhig-vergnügt.

Thomas Rößler hat als Malermeister gut zu tun, aber für den Posaunenchor nimmt er sich regelmäßig Zeit, schon seit den 1980er Jahren. „Das ist ein guter Ausgleich zur Arbeit“, meint er. Auch Stefan Dietsch an der Trompete sieht das so, sein Schwager. Er ist Software-Entwickler. Blech sei kein Blasinstrument für Solisten im stillen Kämmerlein, sagt er. „Das spielt man am besten in der Gruppe. Deshalb findet man als Blechbläser auch relativ schnell Anschluss - das ist das Gute.“ Die Instrumente sind transportabel, ein Ensemble äußerst mobil. „Wir können uns überall hinstellen und sofort loslegen.“ Zu überhören sind sie nie - auch ohne Mikrofonanlage. Beim Posaunentag sowieso nicht. Als gesamtes Ensemble werden sie bei dem Großereignis zwar nicht dabei sein, aber einzelne Bläser wie die Rößlers haben sich angemeldet. Leiter Michael Käppler wird den Abschlussgottesdienst im Fußballstadion mit gestalten.

Das Repertoire kirchlicher Posaunenchöre geht weit über Choräle hinaus. In der Probe ist dieser hier inzwischen bei „New York, New York“ angelangt. Dann „Summertime“. Das ist noch anspruchsvoller, weil fünfstimmig. „Das klang zu gerade“, moniert Käppler. „Es kann ruhig ein bisschen mehr geswingt sein.“

Diese Stücke sind für den Höhepunkt des Jahres vorgesehen, das Konzert am 28. August in der Martin-Luther-Kirche, gemeinsam mit einer Band. Das ist ganz dem Swing gewidmet, selbst die Choralbearbeitungen sind jazzig. Heiße Probenphase dafür ist die Rüstzeit in Grillenburg. Da sind dann auch die Familien der Bläser dabei. „Die intensivste Zeit für die Gruppe“, sagt Käppler. Er weiß, dass er ihnen einiges abverlangen kann. Dieser Posaunenchor zählt zu den anspruchsvollsten in der Stadt. „Es braucht solche Projekte, wo man auch mal an die Grenze der Leistungsfähigkeit gelangt.“ Umso beglückender ist das Erfolgserlebnis.

Der Posaunenchorleiter muss es nur schaffen, alle mitzuziehen - die Anfänger, die Hobbyspieler und jene, die noch zusätzlich Unterricht nehmen. Laien sind sie alle - „aber sehr ambitionierte“. Einen Chirurgen gebe es unter ihnen. Der übt zwischen den Operationen.

Auch das ermögliche ein Posaunenchor: „Dass der Arzt, der Computerspezialist und der Malermeister sich zusammenfinden, um miteinander zu musizieren.“ Fast überall sortiere sich die Gesellschaft in soziale Schichten und Gruppen, von denen jede ihre eigenen Orte habe. Zwischen ihnen gebe es kaum Kontakte. „Hier aber können Menschen miteinander musizieren, die sonst nicht zueinander kommen würden.“

Von Tomas Gärtner

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