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Bofinger: "Europa braucht eine stärkere Wirtschafts- und Sozialpolitik"

Interview Bofinger: "Europa braucht eine stärkere Wirtschafts- und Sozialpolitik"

Peter Bofinger (57) ist Professor an der Uni Würzburg und einer der fünf Wirtschaftsweisen. Seine Forderung nach dem Brexit: "Europa braucht eine stärkere Wirtschafts- und Sozialpolitik".

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Peter Bofinger (57) ist Professor an der Uni Würzburg und einer der fünf Wirtschaftsweisen.

Quelle: dpa

Hannover. Peter Bofinger (57) ist Professor an der Uni Würzburg und einer der fünf Wirtschaftsweisen. Seine Botschaft nach dem Brexit: "Europa braucht eine stärkere Wirtschafts- und Sozialpolitik".

Herr Bofinger, hatten Sie den Brexit erwartet?

Peter Bofinger: Als am Donnerstag die Börsenkurse stiegen und auf einen Verbleib spekuliert wurde, dachte ich, dass die Briten für den Austritt stimmen. Denn die Börse ist oft nicht sehr klug.

Ist dann auch der Kursverfall am Schwarzen Freitag übertrieben?

Im Gegensatz zum Crash nach der Lehman-Pleite sehe ich keinen Grund für einen globalen Absturz. Die Weltwirtschaft ist nicht überhitzt, sondern eher unterkühlt. Das Bankensystem ist viel stabiler als damals. Ich glaube nicht an langfristig negative Effekte durch den Brexit.

Wie massiv sind denn die wirtschaftlichen Folgen des Brexit?

Ich glaube, dass EU und Großbritannien viel dafür tun werden, dass die Wirtschaftsbeziehungen störungsfrei weiterlaufen können. Der Güterhandel ist nicht das Problem, Großbritannien ist ja nicht mehr das große Industrieland. Fraglich ist allerdings, ob London seinen Finanzplatz halten kann. Der lebte ja bisher davon, dass die angelsächsische Welt Zugang zum europäischen Markt hat.

Wird denn jetzt Frankfurt das neue London?

Die Frage ist, ob die Rest-EU bereit ist, London weiter den Zugang zum kontinentalen Finanzmarkt  zu gewähren. Warum sollte sie das tun und nicht ihre eigenen Finanzplätze stärken? Der Sinn einer Union ist ja, auf wechselseitige Hindernisse zu verzichten. Doch wenn die Union nicht mehr existiert, kann das Spiel mit Hemmnissen aller Art beginnen. 

Die Prognosen der Wirtschaftsforscher für ein Großbritannien nach dem Brexit waren düster. Warum haben die Briten trotzdem für den Austritt gestimmt?

Weil die Reallöhne der Briten seit 2008 um acht bis zehn  Prozent gesunken sind. Das ist doch das Problem. Der Mann und die Frau auf der Straße hatten das Gefühl, ihnen geht's schlecht. Und sie haben Schuldige gesucht. Jeder hat doch seine eigene Wahrnehmung. Die Leute interessieren sich doch nicht für Prognosen zum Bruttoinlandsprodukt. Die vertrauen dem, was sie erleben.

Wie sollte die Rest-EU auf dieses Problem reagieren?

Durch eine stärkere Wirtschafts- und Sozialpolitik. Als erstes müssen Steuerschlupflöcher gestopft werden, damit die Staaten ausreichend Mittel haben, um Soziales und Bildung in Europa zu stärken. Da ist es gar nicht so schlecht, dass Großbritannien nicht mehr dabei ist. Die EU muss daran arbeiten, sich in den nächsten zehn, 20 Jahren als Technologiestandort gegenüber USA und China durchzusetzen. Der britische Ansatz, ausschließlich auf den Markt zu vertrauen, reicht nicht. Der Staat muss dabei helfen.

Gibt es für diese stärkere Wirtschafts- und Sozialunion denn eine Mehrheit in einem Europa, in dem jetzt die Skeptiker Oberwasser haben?

Die Skeptiker werden am Beispiel Großbritanniens sehen, wie verheerend die Folgen eines Austritts sind. Das könnte die Europa-Skeptiker widerlegen. Das wäre die positivste Folge dieses sehr negativen Tages für Europa.

Interview: Jan Sternberg

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