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Holger Treutmann: Unseren Zusammenhalt auch über Differenzen hinweg stabilisieren

Das ist mir helig Holger Treutmann: Unseren Zusammenhalt auch über Differenzen hinweg stabilisieren

Lasset uns nun gehen und die Geschichte sehen, die das geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.  Lk. 2 15, Wie nach einem guten Feuerwerk muss man sich die Hirten wohl vorstellen. Mit offenem Mund noch stehen sie da. Den Kopf in den Nacken gelegt.

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Holger Treutmann
, Pfarrer der
Dresdner Frauenkirche

Dresden. Lasset uns nun gehen und die Geschichte sehen, die das geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.  Lk. 2 15
Wie nach einem guten Feuerwerk muss man sich die Hirten wohl vorstellen. Mit offenem Mund noch stehen sie da. Den Kopf in den Nacken gelegt.

Das Gesicht zum Himmel gewendet. Ungewohnte Haltung für die, die sonst eher auf das blicken, was vor den Füßen liegt und zu tun ist. Ihr Interesse für die große Welt reicht in der Regel nur bis zum Ende der Herde. Und da kommt eine himmlische Botschaft auf das Feld nahe bei Bethlehem wie ein UFO auf die Erde. Von einem Kind ist die Rede. Der Retter, oder ein Heiland, wie später übersetzt wird. Geboren in einem Stall ganz in der Nähe. Irres Licht. Eine einzelne Stimme zunächst und dann ein Rauschen und Strahlen aller Resonanzen aus Licht und Klang. Die Menge der himmlischen Heerscharen. Machtvolle Sprache für eine Himmel und Erde umfassende, kollektive Freude. Und dann wird es still.

Und einer, der zuerst seine Fassung wieder findet, schlägt vor: Lasset uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die uns der Herr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. Lk. 2, 16

Es gibt nicht viele Szenen, die noch so sehr Allgemeingut biblischen Wissens sind, wie diese Szene im Stall von Bethlehem. Viele der großen biblischen Erzählungen haben ihre Bindekraft für unsere Gesellschaft verloren, weil sie nicht mehr Allgemeingut des Weitererzählens sind. Die Szene vom Stall und von der Krippen machen hier eine Ausnahme so ähnlich wie die von Adam und Eva im Paradies.

So säkular unsere Gesellschaft auch sein mag; so sehr sie sich entschieden hat, die Welt ohne Gott verstehen und beleben zu wollen, drängt es doch Gläubige und Ungläubige, bewusste Atheisten und religiös Distanzierte am Heiligen Abend in die Kirche oder zumindest zu Orten, wo in Krippenspiel oder Konzert Hirten zu erwarten sind, Engel, Maria und Josef und möglichst auch Ochs, Esel, Stroh, und so ein wenig abendländischer Stallgeruch trotz aller morgenländischen Wurzeln des Ursprungsmythos. Wirtschaft und Weihnachtsmärkte haben ihre Krippe. Die Advents- und Weihnachtszeit ist eines der wenigen Feste neben der Fußballweltmeisterschaft, die kollektiv gefeiert werden, und zwar in allen sozialen Bezügen. Familie, Arbeit, Politik, Verkehr, Wirtschaft. Nichts und niemand bleibt vom Weihnachtsfest gänzlich unberührt.

Das kann man beklagen. Die Kirchen tun das gern. Der ganze Trubel und so. Die Frage ist aber, ob wir nicht dringender denn je Feste brauchen, die unseren Zusammenhalt auch über Differenzen hinweg stabilisieren, und Geschichten, die unsere Gesellschaft als kollektive Geschichten orientieren. "Keine Gesellschaft funktioniert nur, weil sie gut organisiert ist. .. Funktionell betrachtet dürfte feststehen, dass keine Gesellschaft ohne große Erzählung über das Woher und Wohin auskommt, weil dies identitätsstiftend ist." (Udo di Fabio, Schwankender Westen, München 2015, S. 55)

Ob die Weihnachtsgeschichte solche Kraft hat, oder ob es die Geschichte des Humanismus und der Aufklärung sei, die uns abhandengekommen ist, kann hier nicht entschieden werden. Blickt man aber auf das zurückliegende Jahr, so ist eines wohl besonders deutlich: Der Hunger nach Identität. Wer bin ich? Wer sind wir?

Gerade die Zuwanderung so vieler Flüchtender, Vertriebener und Perspektivsucher stellt unsere Gesellschaft vor diese Frage. Weit davon entfernt zu verstehen, was sich hinter "Pegida" verbirgt, ahnt mancher aber doch, dass es um die Angst vor dem Verlust der eigenen Identität geht. In Ab- und Ausgrenzung zu den Fremden bis hin zur verbalen und faktischen Brandstiftung findet sich die eigene Identität leichter. Auch Menschen pauschal zu Nazis zu erklären, stabilisiert den eigenen Standort in der linken Szene. Ein starker Putin als Leitfigur gegen westliche Alternativlosigkeit. Vokabeln der friedlichen Revolution sollen einen gesellschaftlichen Zusammenhalt revitalisieren. Und gerade die Montagsdemonstration als Männertreff zur Selbstbestätigung zeigt die Desillusionierung gerade in der Männerwelt, nachdem die großen Symbole des Erfolgs FIFA, DFB, VW und BND durch ihre Sündenfälle die eigene Glaubwürdigkeit untergraben haben. Verlässlich ist nur noch, dass Bayern gewinnt.

Aber auch konservative, liberale und progressive Demokraten fragen sich, wer sie denn sind. Der gerade noch abgewendete Grexit war ein Ringen um die identitätsstiftende Kraft der Währung. Freiheitsliebe in Europa, die sich nach den menschenverachtenden Terroranschlägen in Frankreich mit dem Satz "Je suis Charlie" artikulierte, und trikolorierte europäische Gebäude erzählen etwas von dieser Sehnsucht nach Identität. Und noch vor Weihnachten eine weltweite Einigung auf Klimaziele drückt auch hartgesottenen Politikern im Blitzlichtgewitter auf dem Verhandlungsfeld eine Träne in die Augen, die uns bis ins Wohnzimmer berührt. Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird: Sollte die Welt doch noch zu retten sein?

Die Hirten auf dem Feld von Bethlehem und auch wir am Heiligen Abend gehen nicht in erster Linie deshalb zum Stall, um zu prüfen, ob das stimmt, was der Engel gesagt hat. - Was sie im Stall sehen, ist jedenfalls sehr viel unspektakulärer als das, was sie im Leuchten auf dem Feld erlebt haben. - Wenn der eine Hirte die anderen auffordert "Lasset uns nun gehen und die Geschichte sehen, die da geschehen ist", dann geht es um Selbstvergewisserung. Wer bin ich in den Augen Gottes? Wer bin ich mir selbst. Wer bin ich für andere? Das Unspektakuläre ist das Wunder. Ein Kind wird geboren. Mehr nicht? Weniger nicht! In der Geburt eines Kindes dem Höchsten in die Karten sehen. Gottes machtvolle Bedürftigkeit in Stroh und Windeln erkennen und spüren: Das Leben lohnt. Du bist nicht vergessen. Du wirst gebraucht. Dein Leben soll gut, und dein Leben soll heil sein. Frieden für dich und Frieden für den, der auch geboren wurde wie du in aller Armut letztlich. Darin liegt Heil und Heilung für alles Zusammenleben.

Ob solche Erzählung die Kraft hat, Identität zu stiften für das Zusammenleben auch in moderner Zeit? Für die Identität des frühen Christentums jedenfalls war es wichtig, nach der Osterbotschaft, die eigene Identität zu profilieren. Heiland aller Menschen konnte Gott nur sein, wenn er das teilt, was uns allen gemeinsam ist. Geboren werden und sterben müssen.

Holger Treutmann
Pfarrer der Dresdner Frauenkirche

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