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Das Daten-Ich

Digitale Selbstkontrolle Das Daten-Ich

Nichts entgeht ihnen, keine körperliche Regung bleibt Sportuhren, Fitnessarmbändern und Apps noch verborgen. Schon jetzt führt jeder dritte Freizeitsportler ein permanentes digitales Protokoll seiner Körper- und Leistungsdaten. Sind wir wirklich so grausam zu uns selbst?

Alles unter Kontrolle: Die "Quantified Self"-Bewegung hat viele Anhänger. Doch lebt wirklich gesünder, wer seine Körperdaten kennt?

Quelle: Shutterstock

Turnschuhe an und los: So einfach war das, früher, als das Laufen noch ein eher unbekümmerter Zeitvertreib war. Ein paar Faustregeln dienten als Richtschnur für richtiges Training: feste Schuhe, weicher Untergrund und ein Lauftempo, das einen Plausch mit dem Trainingspartner ohne Hecheln erlaubt. Kein Gedanke an den Trainingspuls, an Rundenzeiten, an verbrannte Kalorien – und erst recht kein Kräftemessen mit den virtuellen Trainingspartnern aus der "Runtastic"-Community im Internet.

Längst ist die einstige Lässigkeit des Laufens emsigem Vermessungsstreben gewichen, einer Entwicklung, die unter Schlagworten wie Selftracking oder Quantified Self kontrovers diskutiert wird. Wer heute die Laufschuhe schnürt, hat zuvor meist schon den Brustgurt angelegt und den Trainingscomputer am Handgelenk gestartet.

Wachstumsmarkt Selbstvermessung

Rund 29 Millionen Sportleruhren und -armbänder, sogenannte Wearables, wurden allein 2015 weltweit verkauft – in diesem Jahr sollen es nach Schätzungen des Marktforschungsinstituts IDC gar 76 Millionen werden. Hinzu kommen Tausende Smartphone-Anwendungen. Allein die Laufapp "Runtastic" hat inzwischen rund 50 Millionen Nutzer, die 2014, wie das Unternehmen kürzlich stolz verkündete, joggend rund 1,65 Millionen Kilometer zurücklegten und dabei mehr als 45 Milliarden Kalorien verbrannt haben.

Hierzulande verlässt sich inzwischen jeder dritte Freizeitsportler auf Gadgets und Apps, die körper- und leistungsbezogene Daten erfassen, die Pulsfrequenz, den Hautwiderstand, das Streckenprofil oder die zurückgelegte Distanz.

Immer mehr dieser Geräte wollen zugleich Helfer in allen erdenklichen – auch außersportlichen – Lebenslagen sein: Sie fungieren als Schrittzähler, machen uns auf Stress am Arbeitsplatz aufmerksam, ermitteln die Tiefe unseres Schlafs, berücksichtigen unsere Essgewohnheiten in der höchstpersönlichen Leistungsbilanz und geben detaillierte Protokolle aus, die uns unsere körperlichen Fort- oder Rückschritte in opulenten Grafiken vor Augen führen. Angesichts der rasanten technischen Entwicklung scheint so viel (Selbst-)Kontrolle beinahe schon eine Selbstverständlichkeit.

Diagnose wie im Spitzensport

Der kalifornische IT-Gigant Apple, in Sachen Selbstvermessung mit der Ende 2014 lancierten Apple Watch ausnahmsweise einmal eher Spätzünder als Vorreiter, soll Gerüchten zufolge bereits an smarten Armbändern arbeiten, die auch Parameter wie den Blutdruck, die Atemfrequenz, die Körpertemperatur oder die Sauerstoffsättigung im Blut erfassen können. In naher Zukunft wird den Datenbändern kaum noch eine körperliche Regung entgehen.

Amateursportler werden auf ausgefeilte diagnostische Werkzeuge Zugriff haben, die bislang allenfalls auf Intensivstationen oder im Spitzensport zur Anwendung kommen – dort also, wo eine umfassende Überwachung der Körperfunktionen medizinisch geboten ist oder es auf der Jagd nach Meistertiteln und Medaillen tatsächlich auf jedes Quäntchen mehr an Leistungsfähigkeit ankommt.

Würde die Debatte um die körperliche Selbstvermessung nicht beständig und vehement von ihren Anhängern wie Kritikern befeuert, wären die Trainingscomputer am Handgelenk womöglich kaum mehr als ein weiteres übertriebenes, aber harmloses Erwachsenenspielzeug. Eines immerhin, das manchem notorischen Stubenhocker vielleicht tatsächlich auf die Sprünge hilft – allein schon, um die vielen Funktionen seines Selbstvermessungslabors am Handgelenk zu testen.

Selbsterkenntnis im Datenspiegel

Doch in einer von Leistungsdruck, Effizienzdenken und Technikgläubigkeit geprägten Zeit lässt sich ein Gerät, das Schwachstellen aufdecken und Selbstoptimierungspotenziale aufzeigen will, kaum wertneutral betrachten.

Die Schriftstellerin Julie Zeh etwa deutet den Boom des Selftrackings als Ausdruck von blindem Perfektionismus und der Angst, das Leben als spontanes, letztlich nicht in allen Einzelheiten steuerbares Geschehen zu begreifen: "Der Selbstvermesser hofft, sich im Datenspiegel zu erkennen, Fehler auszubügeln und zu einem besseren Leben zu gelangen. Es geht (ihm) nicht um das Erreichen eines bestimmten Ergebnisses, sondern um die Illusion, mit totaler Selbstkontrolle Herr über das eigene Schicksal werden zu können."

Die treibende Kraft der Quantified-Self-Bewegung macht Zeh denn auch in einem jahrhundertealten religiösen Motiv aus: der Befreiung des Geistes durch die Überwindung des Fleisches. "Nur dass die Sünde des 21. Jahrhunderts nicht mehr in sexueller Aktivität, sondern in zu fettem Essen und zu wenig Bewegung besteht", meint die Autorin.

Bonus von der Krankenkasse

Während viele Gegner dieser permanenten Selbstbeobachtung hinter dem gestiegenen Bedürfnis nach Körperdatenerfassung Kontrollsucht und Leibfeindlichkeit wittern, preisen die Protagonisten des "Quantified Self" das Erkenntnispotenzial, das in den Körperdaten schlummere. "Knowledge through Numbers" lautet das Motto der Selbstvermessungsjünger, Wissen durch Zahlen – wohinter der Gedanke steht, dass nur jene, die über ihren physischen Zustand hinreichend Bescheid wissen, angemessen Sorge für ihr Wohlbefinden tragen können.

Einige Krankenversicherungen sehen das ähnlich: So bezuschusst die Techniker Krankenkasse neuerdings die Anschaffung einer Apple Watch – und sortiert die smarte Uhr damit in den Katalog etablierter Gesundheitsleistungen wie Brillengläser und Zahnreinigung ein. Die Generali Versicherungen gewähren sogar jenen Versicherten einen Bonus, die anhand ihrer Körperdaten einen untadeligen Lebensstil nachweisen können.

Obgleich das Selftracking-Phänomen bereits derart handfeste Konsequenzen nach sich zieht, gibt es kaum belastbare Erkenntnisse über dessen Effekte. Erste Studien lassen lediglich folgende Annahmen über die Körperdatensammler und ihre Motive zu.

Die Faszination verpufft schnell

Erstens: Die Faszination des Selftrackings verpufft offenbar schnell. Eine US-Befragung brachte ans Licht, dass rund die Hälfte der Selftracker ihre Wearables oder Fitness-Apps nach spätestens sechs Monaten nicht mehr nutzt.

Zweitens: Die Mehrheit der Selftracker protokolliert ihre Körperdaten weder konsequent noch umfassend. Einer französischen Studie zufolge sind es zumeist nur ein oder zwei Werte, die regelmäßig erfasst werden – der Blutzuckerspiegel und der Blutdruck. Parameter also, die weniger im Hinblick auf die Fitness als auf die Gesundheit relevant sind. Auch ergab die Studie, dass die Befragten bevorzugt jene Werte im Auge behalten, bei denen eine positive Entwicklung wahrscheinlich ist, sie ungünstige Ergebnisse hingegen eher ausblenden.

Drittens: Der Wunsch nach Selbstoptimierung scheint unter den Nutzern von Wearables keineswegs die hauptsächliche Antriebsfeder zu sein. Eine Umfrage unter Frankfurter Sportstudenten ergab, dass der Wunsch, bedeutsame Leistungen zu dokumentieren, einem flüchtigen sportlichen Erfolg auf diese Weise gleichsam ein Denkmal zu setzen, größer war als bloßes Leistungsstreben.

Negatives wird ausgeblendet

Der durchschnittliche Selftracker fällt also weder durch übertriebenen sportlichen Ehrgeiz noch durch besondere Akribie und Ausdauer bei der Erfassung seiner Vitalzeichen auf. Neue Bestzeiten möchte er zwar angemessen dokumentiert wissen, über unvorteilhafte Essgewohnheiten und seinen für ein angebliches Sportass zu hohen Ruhepuls sieht er hingegen gnädig hinweg.

Ein Mensch wie du und ich also. Einer, dem der innere Frieden wichtiger ist als Perfektionismus und permanente Selbstkontrolle. Man kann ihn bequem, ein bisschen faul nennen – oder aber weise.

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