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Zum zweiten Mal Theaterspektakel an den Landesbühnen Sachsen

Wunder und Utopien Zum zweiten Mal Theaterspektakel an den Landesbühnen Sachsen

Auch mit ihrem 2. Theaterspektakel, bei dem der Besucher wiederum auf drei Zeitebenen unter neun Inszenierungen wählen kann, wollen die Landesbühnen Sachsen gängige Irrtümer aufzeigen, diesmal im Zusammenhang mit Utopien.

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"Warten auf Godot" mit Grian Duesberg und Michael Berndt-Cananá.

Quelle: Hagen König

Radebeul. Auch mit ihrem 2. Theaterspektakel, bei dem der Besucher wiederum auf drei Zeitebenen unter neun Inszenierungen wählen kann, wollen die Landesbühnen Sachsen gängige Irrtümer aufzeigen, diesmal im Zusammenhang mit Utopien. Diese Intention von Intendant Manuel Schöbel stellt sich eher als Denkaufgabe dar und als Herausforderung an die Fantasie des Zuschauers - bis hin zur fulminanten Gesamtleistung des gesamten Ensembles. Nachdem im Vorjahr der von jedermann nachvollziehbare allgemeine und spezielle "Familienwahnsinn" im Fokus gestanden hatte, ging es diesmal am Rande um die Allgemeine und Spezielle Relativitätstheorie.

Präziser Rhythmus der Dialoge

Das Spiel auf der großen Bühne beginnt tatsächlich auf einer irritierenden Ebene der Raum-Zeit, wiederum an eine Dresdner Theaterlegende erinnernd, die sich freilich nicht so einhellig positiv im kollektiven Gedächtnis niedergeschlagen hat wie Hacks' wahrhaft göttliche Komödie um "Adam und Eva". Auch in Samuel Becketts "Warten auf Godot", 1987 von Wolfgang Engel zur DDR-Erstaufführung gebracht, geht es um die Vertreibung aus dem Reich der Illusionen - der letzten, wenn man so will. Fast erscheint die Inszenierung als Dé­jà-vu für jene, die damals dabei waren, sogar auf der Bühne gestanden haben wie Matthias Nagatis und Peter Kube, der jetzt die Regie geführt hat - mit dem Wissen darum spielend, als wie trügerisch Erinnerungen sich auf den zweiten Blick erweisen.

Der Prozess des Wartens auf einen möglichen Heilsbringer, den Estragon (Grian Duesberg) und Wladimir (Michael Berndt-Cananá) durchleben, hat hier zugleich etwas Atemloses, was nicht allein auf die knappe Spielzeit im vorgegebenen Raster zurückzuführen ist, sondern auch auf die Lebenserfahrung des Regisseurs: Die Folge der Niederlagen und Katastrophen steigert sich im Laufe des Lebens bis zum Stakkato. Abgesehen davon verweigert Kube jede Anspielung, jede zeitgenössische Anverwandlung. Auf der lichten, kahlen Bühne (Tom Böhm) mit einem blassblauen Himmel als Hintergrund einer schier unendlichen Ebene bietet nur ein kahler Baum, eher ein Busch, dem Auge Halt, aber nicht einmal tauglich, sich daran aufzuhängen, geschweige sich dahinter zu verstecken.

Kube vertraut bei diesem unwirtlichen, auch unbefleckt zeichenlosen Raum ganz auf die Sprache, den präzisen Rhythmus der Dialoge und Pointen, auf das Vermögen der Schauspieler, die die einerseits markanten Charaktere zeigen, andererseits ein zunehmend abstrakter wirkendes, meist leise melancholisches, seltener absurd-schrilles Clownsspiel zelebrieren. Wie soll oder wie kann der Mensch leben? Es ist nicht das größte Übel, sich in fruchtlosen Auseinandersetzungen aufzureiben wie Estragon und Wladimir, besser in alternativloser, aber gleichberechtigter Partnerschaft zu leben als in tiefster gegenseitiger Verachtung aneinander gefesselt zu vegetieren wie der cholerische Selbstdarsteller Pozzo (Marcus Staiger), der seinen scheinbar völlig stumpfsinnigen Sklaven Lucky (Tom Hantschel) ständig übel schikaniert, aber ohne dessen zugleich gefürchtete Talente nicht überleben könnte.

Trotz der deprimierenden Folge verpasster Gelegenheiten, unerfüllter Wünsche und Hoffnungen, der zunehmenden Unfähigkeit, sich auch nur zu kleinsten aktiven Handlungen aufzuraffen, entwickelt sich ein Gegenbild, das auf einer höheren Ebene weise versöhnt. Wir alle sind doch letzten Endes, unabhängig vom Platz auf der sozialen Stufenleiter, ständig damit beschäftigt, die Zeit bis zum nächsten (erhofften) Ereignis auszufüllen. Darüber hinaus gibt es, der Absurdität des Lebens eingedenk, keinen Sinn, und es bleibt sich also beinahe gleich, wie einer seine Zeit hinbringt. Wenn er sich nur dann und wann eine Art Genuss verschaffen, seiner Existenz vergewissern kann, um auch andere mitfühlend wahrzunehmen. In einem Weltbild, das sich scheinbar jeder Utopie verweigert, legt der Knabe, der Godots Kommen immer wieder ankündigt, Zeugnis ab, dass Geschichte weitergeht.

Nette Verwechslungskonstellation

Das gerade wieder geschah mit einer Gnadenlosigkeit, neben der Pozzos Brutalitäten fast als liebevolle Zuwendung erscheinen. Gedacht war vielmehr auch an die Lebensläufe zwischen banal und abenteuerlich, die anschließend in dem (in den DNN bereits besprochenen) Stück "Sehnsucht Kuba" von Freddys Núñez Estenoz erzählt werden. Unter dem Eindruck des Beckett relativieren sich die vermeintlichen Lebensirrtümer, während die verblasste Utopie einer sozialistischen Gesellschaft etwas an Leuchtkraft gewinnt.

"Die Höflichkeit der Genies" im abschließenden Dramolett von Peter Hacks lässt sich dagegen folgenlos ins Reich der Utopien verweisen. Die vom Intendanten (der für jedes Jahr einen weiteren Hacks verspricht) besorgte Inszenierung lebt von kleinen Wundern. So reist der schon ziemlich alterszerstreute Albert Einstein (in der Inszenierung im modernen Düsenjet) von Princeton nach Kalifornien, im Gepäck nichts weiter als den Wunsch, Yehudi Menuhin (Jens Bache) zu dessen Einspielung von Mendelsohn Bartholdys Violinkonzert zu gratulieren und ihn zu bitten, das Werk einmal für ihn persönlich zu spielen.

Matthias Henkel bedient freundlich das optische Klischee des greisen Genies und agiert mit gelassener Wärme und glaubhafter Verlegenheit, wenn er unangemeldet auf Yehudis Schwester Hephzibah (Julia Rani) trifft, die er wohl erst für die Haushälterin, dann für die Ehefrau hält, die aber ihrerseits keine Ahnung hat, um wen es sich bei dem Gast mit dem für sie störend schmuddeligen Äußeren handelt, dem sie am ehesten noch die Reparatur der gerade defekten Hausklingel zutraut. Eine nette Verwechslungskonstellation also, in der rechtzeitig der junge Musiker auftaucht - um sich mit dem Physiker zu streiten, wer für wen die größere Verehrung empfindet. Die Reparatur der Klingel wird zur Gegenleistung für das Konzert, für dessen kurzfristige Realisierung der Musiker unglaubliche Opfer bringt, während der Theoretiker anhand der umwerfend umständlichen Lösung einer simplen praktischen Aufgabe gleichsam einen Blick auf sein ganzes (Formel-)Universum eröffnet.

Spielerisch wirkende Leichtigkeit

Das Beste aber kommt zum Schluss, weil sich dahinter die Elbland Philharmonie unter Leitung von Jan-Michael Horstmann verbirgt, um mit Torsten Janicke eben das besprochen Konzert zur Gänze aufzuführen, und am Premierenabend gelang das mit einem Enthusiasmus und zugleich einer oft fast spielerisch wirkenden Leichtigkeit, die der Fiktion des Dramoletts durchaus standhalten konnten.

Alleine dieses Finale ist schon das gesamte Eintrittsgeld wert. Wer kann, sollte die zwei verbleibenden Komplettaufführungen am kommenden Wochenende nutzen, danach sind nur noch einige Stücke einzeln im Spielplan.

Komplettaufführung nur noch am 21. und 22.11., Landesbühnen Sachsen

www.landesbuehnen-sachsen.de

von Tomas Petzold

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