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Zahl der Tuberkulose-Fälle steigt an, bleibt aber auf niedrigem Niveau

Fachkrankenhaus Coswig Zahl der Tuberkulose-Fälle steigt an, bleibt aber auf niedrigem Niveau

Erstmals seit Mitte des 20. Jahrhunderts steigt in Deutschland die Zahl der Tuberkulosefälle an. Wie die Sächsische Landesärztekammer anlässlich des Welttuberkulosetages am Donnerstag mitteilt, wurden im zuständigen Robert-Koch-Institut (RKI) 2014 deutschlandweit 4533 Fälle von Tuberkulose registriert. 2015 stieg die Zahl der Erkrankten auf 5865.

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Chefarzt Dirk Koschel auf einer der langen Balkone des Coswiger Fachkrankenhauses, die an dessen Ursprung als Tuberkulose-Heilanstalt erinnern. Heute ist die Einrichtung die modernste Lungenfachklinik Sachsens.

Quelle: Uwe Hofmann

Coswig. Erstmals seit Mitte des 20. Jahrhunderts steigt in Deutschland die Zahl der Tuberkulosefälle an. Wie die Sächsische Landesärztekammer anlässlich des Welttuberkulosetages am Donnerstag mitteilt, wurden im zuständigen Robert-Koch-Institut (RKI) 2014 deutschlandweit 4533 Fälle von Tuberkulose registriert. Das seien 278 Fälle mehr gewesen als noch 2012, als man die niedrigste Fallzahl registrierte. Für 2015 habe das RKI mit 5865 Tuberkulose-Erkrankte noch einmal einen deutlichen Anstieg um fast 30 Prozent verzeichnet.

„Es gibt keinen Grund für eine Panik“, sagt Privatdozent Dr. Dirk Koschel. Er ist Chefarzt für Pneumologie im Fachkrankenhaus Coswig, einer von drei Einrichtungen in Sachsen, die auf die Behandlung von Lungenerkrankungen spezialisiert ist. Tuberkulose hat man dort schon immer behandelt, 1920 wurde die Klinik eigens als Lungenheilstätte für die Behandlung von TBC gegründet. 30, vielleicht 40 Fälle waren es noch jährlich, bis vor ein paar Jahren erstmals wieder mehr Patienten kamen. 2015 habe man knapp 50 Erkrankte behandelt, wohlgemerkt bei einem Einzugsgebiet, das sich von Görlitz bis weit nach Mittelsachsen zieht. „Ja, es gibt einen spürbaren Anstieg“, sagt Koschel deswegen. Gemessen an den etwa 8000 Patienten, die im Jahr im Fachkrankenhaus behandelt werden, sei ihre Zahl aber immer noch gering.

Das sieht man im Sozialministerium ganz ähnlich. Nach seiner Statistik wurden in Sachsen im vergangenen Jahr 174 Erkrankungen an behandlungsbedürftiger Lungentuberkulose gemeldet. Mit drei bis fünf Erkrankungen pro 100 000 Einwohner liege man unter dem Bundesdurchschnitt. Zum Vergleich: In den 50er und 60er Jahren, als Tuberkulose in Folge des Weltkrieges, der schlechten Wohnverhältnisse und von Unterversorgung häufiger auftrat, kamen 350 bis 550 TBC-Diagnosen auf 100 000 Menschen. Jede Rede von einer Epidemie, wie sie im Gefolge der Flüchtlingsdebatte aufgekommen ist, scheint übertrieben.

„Gleichwohl handelt es sich um eine ernstzunehmende Erkrankung“, sagt Chefarzt Koschel. Was zum einen mit der teils schwierigen Diagnose zu tun hat, zum anderen mit resistenten Erregern, die in jüngster Zeit häufiger, wenn auch in geringer Zahl auftreten. An ihnen erkrankten Patienten lassen sich mit einem der zwei oder gleich mit den beiden wichtigsten Tuberkulose-Medikamenten nicht mehr behandeln. Die Mediziner müssen auf Reserve-Antibiotika zurückgreifen und bei der Therapie umdenken. Das bedeutet zumeist, dass sich auch die Behandlungszeit deutlich verlängert. Muss ein Patient in der Regel zunächst über zwei Monate vier Antibiotika und dann davon zwei Medikamente nochmals über vier Monate nehmen, wobei er zumeist zwei bis vier Wochen in stationärer Behandlung ist, weitet sich die Behandlungszeit bei multiresistenten Keimen auf zum Teil über 18 Monate aus. In Coswig hat es schon einen Patienten gegeben, der über ein Jahr auf der Station bleiben musste. Geheilt wurde er wie alle anderen nichtsdestotrotz, auch dank der Expertise im Lungenkrankenhaus. „Tuberkulose ist in der Regel heilbar“, betont Koschel, um jeglicher Angstmacherei vorzubeugen.

Und was ist nun mit den Flüchtlingen, von denen viele angeblich TBC einschleppen? „Es stimmt, es wurden im vergangen Jahr mehrere Flüchtlinge mit einem Verdacht auf Tuberkulose eingeliefert“, sagt Koschel. In Coswig musste deswegen die Station erweitert werden, um alle Patienten in der üblichen Isolierung zu behandeln. Auch wenn die Krankheit nicht so ansteckend ist, wie viele meinen, könne man kein Risiko eingehen. Letztlich bestätigte sich der Verdacht oftmals nicht. „Zwar hat auch die aktuelle Migration zum leichten Anstieg der Erkrankungen beigetragen, doch die überwiegende Zahl der TBC-Fälle betrifft Patienten, die in Deutschland geboren sind“, sagt die sächsische Gesundheitsministerin Barbara Klepsch (CDU) entsprechend.

Auch die deutschlandweiten Zahlen, die Chefarzt Koschel vorlegen, entkräften die Befürchtung. Demnach waren vor etwa zehn Jahren noch 60 Prozent der Erkrankten in Deutschland geboren und 40 Prozent im Ausland. Aktuell hat sich das Verhältnis umgekehrt, seien 60 Prozent der TBC-Patienten im Ausland geboren. Dennoch ist der Anteil deutscher Patienten weiterhin hoch. Er verteilt sich vor allem auf Risikogruppen wie Obdachlose, Alkohol- und Drogensüchtige, HIV-Infizierte oder andere immungeschwächte Patienten sowie Menschen hohen Alters, die vielleicht seit Jahren infiziert sind, bei denen die Krankheit aber erst durch ein Nachlassen des Immunsystems ausbricht. „Und diese Gruppen wird es immer geben“, sagt Chefarzt Koschel, der ein Ausrotten der Tuberkulose derzeit für nicht möglich hält. Einen Impfstoff, der dafür Voraussetzung sei, habe man vor Jahren für unzulässig erklärt, weil er nicht effektiv gewesen sei. An einem neuen wird in der Forschung gearbeitet.

Von Uwe Hofmann

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