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Wolf-Dietrich Poralla restauriert in Radebeul geschichtsträchtige Harfen

Wolf-Dietrich Poralla restauriert in Radebeul geschichtsträchtige Harfen

In diesen Wochen schauen Musikliebhaber und Opernfans gespannt nach Bayreuth, wo bereits zum 103. Mal die Richard-Wagner-Festspiele stattfinden. Bei deren Geburtsstunde im Jahr 1876 waren noch große Künstler wie Peter Tschaikowski und Edvard Grieg höchstpersönlich zugegen.

Damals lauschten sie auch den zarten Klängen einer Harfe, die heute - 138 Jahre später - in einer Werkstatt in Radebeul restauriert wird.

Das historische Instrument trägt das Signum J.A. Stumpff - der Name eines 1769 in Thüringen geborenen Harfenbauers. "Stumpff war der zweitgeborene Sohn des Klavier- und Instrumentenbauers Johann Heinrich Stumpff. Er wanderte schließlich nach London aus, wo er eine eigene Werkstatt gründete", erzählt Harfenmeister Wolf-Dietrich Poralla. Schnell wurde er in der Weltstadt an der Themse ein bekannter, beliebter und berühmter Künstler. In der Herstellung kostbarer Pedalharfen kam ihm keiner gleich. Vom König erhielt Stumpff sogar das Prädikat "Harpmaker to His Majesty". Er pflegte mit Johann Wolfgang von Goethe und Ludwig van Beethoven eine enge Freundschaft. "Heute gibt es weltweit nur noch sechs Harfen, die er angefertigt hat. Die eine, die auch bei den ersten Bayreuther Festspielen zu hören war, darf ich nun restaurieren", berichtet der Radebeuler Harfenspezialist stolz.

Erste Werkstatt im Hühnerstall

Seinem Handwerk geht Wolf-Dietrich Poralla seit 1978 nach, als er im Hühnerstall seines Vaters eine eigene Werkstatt eröffnete. Die Liebe zu Instrumenten trägt er wegen seiner musikalischen Familie seit Kindheitstagen in sich. "Meine Mutter, Annemarie Helmert-Poralla, war Soloharfenistin an der Staatskapelle in Dresden. Außerdem bildete sie an der Hochschule für Musik zahlreiche Schüler aus", erklärt der 73-Jährige. Sein Vater, Franz Poralla, war als Paukist ebenfalls bei der Sächsischen Staatskapelle tätig. Sein Großvater schließlich machte sich einen Namen als Solooboist in Hannover und Bayreuth. "Auch ich sollte Musiker werden, interessierte mich aber viel mehr für den Bau von Harfen", sagt Wolf-Dietrich Poralla.

1956 begann er deshalb eine Ausbildung zum Harfenbauer in Berlin und Saarbrücken. In den Jahren 1958 bis 1961 kümmerte sich Poralla im Dresdner Apparatebau "Spenke & Metzl" um die Herstellung von Pauken, Trommeln, Xylophonen und Röhrenglocken. Von 1966 bis 1968 war er als Technischer Leiter, anschließend als Betriebsleiter tätig. Im Jahre 1972 erfolgte die Verstaatlichung des Betriebes und Wolf-Dietrich Poralla wurde Betriebsdirektor des VEB Schlaginstrumentenbau Dresden. Im Jahr 1977 schied er aus dem Betrieb aus, um sich sein eigenes Lebenswerk aufzubauen.

Und das hat er geschafft: Heute ist Poralla ein weltweit angesehener Restaurator, verkauft als offizieller Vertreter für die US-amerikanische Marke "Lyon & Healy" in ganz Europa Harfen. "Es gibt nur sehr wenige Fabrikate, die qualitativ hochwertige Harfen herstellen. Eines davon ist Lyon & Healy", betont der gebürtige Schlesier stolz. Das in Chicago ansässige Unternehmen hat den Radebeuler aber nicht nur mit dem Verkauf neuer Harfen beauftragt, sondern auch mit der Restauration kaputt gegangener Instrumente. "Bei den Bayreuther Festspielen im vergangenen Jahr ist eine Harfe umgekippt und der Hals gebrochen. Sie stammte ebenfalls aus dem Hause 'Lyon & Healy'. Weil ich der Meinung war, dass auf eine amerikanische Harfe auch ein amerikanischer Hals gehört, reiste ich nach Chicago", berichtet der Restaurator. Dort angekommen staunte das Unternehmen über die feine Handarbeit und die gute Qualität von Poralla. "Seitdem bekomme ich aus Chicago Harfen zum Restaurieren", sagt er.

Alte Instrumente bei Künstlern beliebt

Seine Kenntnisse eignete er sich vor allem zu Zeiten der DDR an. "Damals war alles Mangelware. Man konnte dem Kunden nicht sagen, er solle sich eine neue Harfe kaufen. Wir waren zum reparieren und restaurieren gezwungen", erinnert sich der 73-Jährige. Mit seinem Blick für Qualität brachte Poralla die Amerikaner aber nicht nur zum Staunen. Auch Kritik müssen die Mitarbeiter bei "Lyon & Healy" einstecken können. "Das letzte Mal als ich in Chicago war, um einige Harfen zu suchen, die ich verkaufen kann, habe ich von 120 verschiedenen Anfertigungen gerade mal vier genommen", sagt Poralla.

Die alten Modelle seien einfach besser, hätten einen schöneren Klang. Ein Beispiel: Früher wurden die Klanghölzer, die die Tonqualität einer Harfe wesentlich bestimmen, 15 Jahre lang trocken gelagert und speziell sortiert. In den großen Manufakturen geschieht dies nun im Eilverfahren in Trocknungsmaschinen. Die damit gebauten Harfen klingen zunächst meist gut. Nach wenigen Jahren aber, wenn sich das Holz an die Luftfeuchtigkeit am Einsatzort angepasst hat, kommt es zu Misstönen. "Das ist, als würde man heute versuchen, eine Stradivari nachzubauen. Es gelingt einfach nicht. Deswegen ist es mir ein großes Anliegen, die alten Instrumente zu erhalten", erklärt Poralla. Diese sind auch bei den Künstlern selbst sehr beliebt. "Momentan restauriere ich beispielsweise eine Harfe für die Schwedin Clara Heinemann. Ursprünglich wollte sie sich eine neue kaufen, war dann aber vom Klang einer aus dem Jahr 1889 stammenden Harfe aus dem Hause 'Lyon & Healy' so begeistert, dass sie sich für das alte Modell entschieden hat", berichtet Poralla.

Der Harfenbaumeister macht aber nur noch die wichtigsten, qualitätsentscheidenden Arbeitsschritte selbst. Viele Arbeiten wie Vergoldung oder mechanische Arbeiten vergibt er an Partnerfirmen aus der Region. Bei der Restaurierung der Harfen achten Poralla und seine Teams darauf, dass die Spuren der Jahrzehnte nicht komplett verschwinden, schließlich haben "viele Harfen eine Geschichte zu erzählen."

Mitarbeiter hat der Harfenspezialist keine, schließlich sei er oft auf Reisen und nur selten in seiner Werkstatt anzutreffen. "Wenn ich für Musiker eine Harfe suche, reise ich um den Erdball", meint der Restaurator. Er erkenne bereits in der Manufaktur, ob ein Instrument das Zeug zur Spitzenqualität hat. Vor einer Woche erst war er in Bonn, bald geht es nach Essen, Schweden und Wien. Und natürlich war er bei der Eröffnung der Bayreuther Festspiele dabei.

Weitere Informationen im Internet unter www.harfen-centrum-poralla.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.08.2014

Nadine Steinmann

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