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Weinkellerei Ulrich vernichtet Giftwein

„Auffällige Werte“ bei weiterem Betrieb Weinkellerei Ulrich vernichtet Giftwein

Am Dienstag hat die Weinkellerei Jan Ulrich unter amtlicher Aufsicht von Weinkontrolleur Bernd Langefeld die mit dem im Weinbau verbotenen Insektizid-Wirkstoff Dimethoat belasteten Weine über eine Kläranlage in Meißen entsorgt.

Winzer Jan Ulrich hat den Tank geöffnet, der Wein wurde über eine Pumpe in einen Gülle-Wagen gepumpt und in eine Klärgrube gebraucht.
 

Quelle: Lars Müller

Diesbar-Seußlitz/Meißen.  Aufgeschraubte und ausgeleerte Müller-Thurgau-Flaschen stapeln sich in einer Gitterbox auf dem Hof der Weinkellerei Jan Ulrich, als ein Traktor einen Anhänger für Gülle-Transporte vor das Tor rangiert. Schnell sind Schläuche montiert, eine Pumpe angeworfen und sächsischer Wein fließt in das Güllefass. Am Dienstag hat die Weinkellerei Jan Ulrich unter amtlicher Aufsicht von Weinkontrolleur Bernd Langefeld die mit dem im Weinbau verbotenen Insektizid-Wirkstoff Dimethoat belasteten Weine über eine Kläranlage in Meißen entsorgt. Weinkontrolleur Langefeld sagte, es sei der erste belastete Wein, der offiziell entsorgt werde. 6342 Liter Müller-Thurgau – ein Teil davon musste wieder aus den Flaschen geholt werden - und 4125 Liter Goldriesling waren in der Weinkellerei Jan Ulrich nicht verkehrsfähig, weil ein Traubenlieferant im vergangenen September belastetes Lesegut brachte. Winzer Ulrich ist noch immer bedient, aber auch glücklich, die „Gift-Weine“ - wie sagt - endlich aus dem Keller zu haben. Sein Schaden liege bei etwa 100 000 Euro, ein Teil sei von der Versicherung des Lieferanten bereits beglichen worden. Eine Mitschuld gibt er den Behörden, hätten diese schneller reagiert, wäre weniger Müller-Thurgau verschnitten und damit unbrauchbar geworden. Statt mit dem Müller-Thurgau und dem Goldriesling Geld zu verdienen, muss Ulrich nach eigenen Angaben noch 10 Euro pro Kubikmeter für die Entsorgung zahlen, also einen guten Tausender. Zudem hat er Sachsenwein zugekauft, um seinen Traubenlieferanten Deputatwein abfüllen und liefern zu können.

Nachdem der belastete Wein nun aus dem Keller ist, will Ulrich zu diesem Thema „kein Wort mehr“ sagen, kündigte er an. Er schaue nur noch nach vorn. Vom Lieferanten, dem er das ganze Schlamassel zu verdanken hat, will er sich aber nicht trennen. Dieser könne nicht dafür, weil er seine Rebflächen von einem Genossenschaftswinzer hat spritzen lassen. Diese milde Haltung Ulrichs sorgt für einiges Kopfschütteln in der Branche. Klar ist nämlich auch, sowohl Verarbeiter und auch Lieferant sind für einwandfreie Produkte verantwortlich. Jan Ulrich will fortan seine Traubenlieferanten strenger kontrollieren. Er räumt aber zugleich ein, bei insgesamt 80 sei das lückenlos kaum möglich. Trotzdem ist sich der Winzer sicher, dass eine solche Panne nicht mehr passieren werde. Die Winzer seien nun sensibilisiert.

Ob mit Entsorgung der belasteten Weine bei Jan Ulrich im Weindörfchen Diesbar-Seußlitz wieder Ruhe einkehrt, bleibt abzuwarten. Noch immer hat sich ein dritter Betrieb nicht zu erkennen gegeben, der nach Angaben der Lebensmittelüberwachung des Landkreises rund 2500 Flaschen mit Dimethoat-Rückständen belasten Weins im Keller hat. Und Jan Ulrich betreibt nicht die einzige Kellerei in der Region. Namen kursieren einige in der Branche.

Fast schon gebetsmühlenartig betont der Weinbauverband Sachsen, wichtig sei, „dass die betreffende Rotling-Charge des dritten Betriebes nach Auskunft der zuständigen Behörde nicht in den Verkehr gelangt ist“. Ein Generalverdacht sei völlig unbegründet und eine Gefährdung des Verbrauchers habe zu keinem Zeitpunkt bestanden. Dennoch, so Vorstand Christoph Reiner, spreche sich der Weinbauverband „im Interesse der sächsischen Weinfreunde und der überwältigenden Mehrheit der rechtschaffenen sächsischen Weinbaubetriebe ausdrücklich dafür aus, dass sich der betroffene Winzer selbst erklärt und an der Aufklärung der Hintergründe beteiligt“.

Interessant ist dabei die Frage, woher kommen die dortigen Trauben? Der bisher bekannte mutmaßliche Anwender ist ein Genossenschaftswinzer, der nur an die Genossenschaft liefern darf - und eben eine Nachbarsfläche offenbar im Auftrag gespritzt hat – möglicherweise aus Furcht vor der Kirschessigfliege. Von dort landeten die Trauben bei Jan Ulrich. Im dritten Betrieb gebe es 27 Lieferanten, teilte das Landesumweltamt mit. Einen konkreten Verdacht habe man bisher nicht, die Prüfungen dauerten an.

Sichtlich genervt reagiert bei diesem Thema auch Winzer Matthias Schuh, der seit Anfang an für lückenlose Aufklärung plädiert. Ständig muss er Fragen beantworten, ob er als Kellermeister auch belastete Weine in den Tanks im Weingut in Sörnewitz habe. „Ich habe nicht jahrelang meinen Beruf erlernt, um dann ein Mittel einzusetzen, dass erstens im Weinbau verboten und zweitens im Weinbau gegen den besagten Schädling auch nicht sehr wirksam ist“, stellt der 28-Jährige klar. „Wir haben mit der Sache absolut nichts zu tun, werden aber nach Fehlern verantwortungsloser Weinbauern gefragt.“ Es sei nun das Mindeste, dass sich die dritte betroffene Kellerei sofort öffentlich zur Panne bekennt. Andernfalls schade das den Betrieben, die verantwortungsbewusst mit Pflanzenschutz umgehen. Schuh versteht auch die Ämter nicht, dass die Kellerei mit unsauberen Weinen im Interesse des Verbraucherschutzes und der gesamten sächsischen Winzerschaft nicht endlich öffentlich genannt werde.

Die Landesdirektion Sachsen bleibt in dieser Frage aber bei ihrer bisherigen Haltung. „Der betreffende Wein aus diesem Betrieb ist nicht in Verkehr gelangt. Folglich besteht für die Verbraucher keine Gefahr und eine behördliche Nennung des Betriebes ist nicht angezeigt“, erklärte ein Behördensprecher.

Laut Landratsamt Meißen werde „wegen Auffälligkeiten“ bei ersten Laborwerten inzwischen gegen einen vierten Betrieb ermittelt. Die Winzergenossenschaft Meißen, der zweite betroffene Betrieb, reagiert auf eine Anfrage zu einen Zwischenstand nicht. Bei Sachsens größtem Weinerzeuger sind nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums mehr als 500 000 Liter Wein der Jahrgänge 2014 bis 2015 nicht verkehrsfähig und müssen folglich entsorgt werden. Auch 2013er Genossenschaftswein wies nach Behördenangaben Spuren von Dimethoat auf.

Von Lars Müller

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