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Von Hand gerüttelt - 180 Jahre Sekt-Tradition in Sachsen

Winzersekt ist gefragt Von Hand gerüttelt - 180 Jahre Sekt-Tradition in Sachsen

Wenn zum Jahreswechsel die Korken knallen, muss es nicht unbedingt Champagner sein. Auch Winzersekt aus heimischen Trauben ist gefragt - auf dem Sektmarkt ist der edle Schaumwein aber eine Nische.

Kellermeister Jürgen Aumüller steht in Radebeul im Weinkeller des Staatsweingut Schloss Wackerbarth an einem Rüttelpult.

Quelle: Sebastian Kahnert/dpa

Radebeul. Flaschendrehen gehört für Jürgen Aumüller zum Geschäft. Vorsichtig nimmt der Kellermeister und Chefwinzer des Staatsweinguts Schloss Wackerbarth die Sektflasche aus dem Rüttelpult, dreht sie ein wenig und stellt sie kopfüber zurück in das Holzregal. Jeden Tag gilt es im Keller des Radebeuler Weinguts Hunderte Flaschen per Hand nach einem genau festgelegten Schema zu drehen - vier Wochen lang. So lange dauert es, bis sich die Hefe wie feiner Sand im Flaschenhals ablagert. Eine Etage weiter oben wird die Hefe dann vereist und fliegt mit einem lauten Plopp aus der Flasche. Zuvor wurden die Sekte mindestens neun Monate in Flaschen im Keller gelagert, manche sogar mehrere Jahre. Aumüller spricht bei dem Verfahren von der „klassischen Flaschengärung“, das heute noch wie vor fast 180 Jahren in Sachsen praktiziert wird.

1836 war es, als der französische Kellermeister Joseph Mouzon die Handwerkskunst aus der Champagne nach Radebeul brachte. Auch der sächsische Königshof fand rasch Geschmack an dem perlenden Getränk. Seit 1979 führt das Weingut Schloss Wackerbarth die Tradition der ehemaligen Sektkellerei Bussard fort - nach eigenem Bekunden die zweitälteste Sektkellerei Deutschlands. Im nächsten Jahr wird das Jubiläum zu 180 Jahren Sekt in Sachsen mit zahlreichen Veranstaltungen gefeiert. Kerner, Riesling und Weißburgunder lagern in riesigen Edelstahltanks, diese Weinsorten nutzt Wackerbarth für seinen Sekt. „Wir wollen die besten Eigenschaften der verschiedenen Trauben miteinander vermählen“, so Aumüller.

Etwa 250.000 Flaschen aus heimischen Trauben werden pro Jahr produziert - damit bewegt sich das Gut in einer Nische. 2014 wurden nach Angaben des Deutschen Weininstituts (DWI) bundesweit rund 8,5 Millionen Liter Winzersekt qualitätsgeprüft und abgefüllt. Am gesamtdeutschen Sektmarkt mit rund 305 Millionen Litern hat der Winzersekt nur einen geringen Anteil von rund zwei Prozent. Zum Vergleich: Der deutsche Sektmarktführer Rotkäppchen-Mumm setzte im Vorjahr allein 167 Millionen Flaschen Sekt ab. Winzersekt gilt als Spezialität.

Für die Herstellung - meist direkt aus den Trauben des Winzers - wird dem Grundwein Zucker und eine spezielle Hefe hinzugefügt. Während der zweiten Gärung entsteht Kohlensäure - der Druck kann bis zu sechs Bar erreichen. Das sei mehr Druck als auf einem Autoreifen, so DWI-Sprecher Ernst Büscher. „Je länger man der Kohlensäure Zeit gibt, sich mit dem Wein zu verbinden, desto länger perlt der Sekt im Glas.“ Bundesweit gibt es laut DWI rund 4660 amtlich geprüfte Winzersekte, besonders groß ist die Vielfalt in der Pfalz mit mehr als 1.100 verschiedene Sekten. In den Weinbaugebieten Sachsen und Saale-Unstrut sind es jeweils 17 verschiedene solcher Sekte, auch Rotkäppchen hat Premiumsekt im Angebot. 77.600 Liter Schaumwein wurden 2014 in Sachsen hergestellt, im Anbaugebiet Saale-Unstrut waren es 30.900.

Die Herstellung eines traditionell in der Flasche vergorenen Sektes erfordere handwerkliches Können, so der Vorsitzende des Weinbauverbandes Sachsen, Christoph Reiner. Immer mehr Winzer und auch kleinere Weingüter entdecken das perlende Getränk jedoch für sich. Das größte private Weingut, Schloss Proschwitz, stellt mittlerweile Traminer- und Frühburgunder-Sekt her. Bei der jüngsten Landesweinprämierung wurden insgesamt fünf sächsische Winzersekte mit Gold ausgezeichnet. Bei der Winzergenossenschaft Meissen, in der rund 1.500 Winzer und Mitgliedsbetriebe organisiert sind, macht der Verkauf von Sekt schon fast zehn Prozent des Umsatzes aus. „Wir haben bis vor etwa acht Jahren nur ein begrenztes Sortiment an Sekt verkauft, das war jedoch regelmäßig schnell ausgetrunken“, sagte eine Sprecherin. Seit Jahren setzt die Genossenschaft daher verstärkt auf Winzersekt und baut das Angebot mit Riesling, Rosé oder Weißburgunder aus. „Die Nachfrage ist wachsend“, bestätigt Wackerbarth-Geschäftsführerin Sonja Schilg.

Zahlreiche Winzer lassen ihre Sekte mittlerweile auf dem Weingut keltern, manche verkaufen auch ihre Grundweine an das Weingut. „Wir brauchen jede Traube“, sagt die Chefin. Mit rund 250.000 Flaschen pro Jahr werden ebenso viele Wein- wie Sektflaschen in Radebeul abgefüllt. Hinzu kommen noch rund 300.000 Flaschen Sekt, die zusammen mit Partnern wie Henkell produziert werden. Dabei handelt es sich allerdings um preiswerte Handelsmarken. Für die meisten Winzer in Sachsen sei der Sekt von der Menge her nicht so bedeutend wie die Weine. „Aber es ist ein Stück Image“, sagt Schilg. Zudem bedeute Sekt, der teils über Jahre hinweg in den Kellern lagert, für viele Weinbauern ein zusätzliches Standbein. Gerade angesichts des Wetters, das den Winzern im Elbtal mitunter einen Strich durch die Rechnung macht. So rechnet Schilg vor, dass allein Wackerbarth zwischen 2009 und 2013 wegen witterungsbedingter Ernteausfälle rund 2,5 Jahrgänge verloren hat. Einen guten Sekt im Keller zu haben, kann das zumindest etwas kompensieren.

Von Christiane Raatz, dpa

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