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Von Frauenstein nach Marienburg: Das Erzgebirge ist und bleibt einzigartig, selbst im dichten Regen

Von Frauenstein nach Marienburg: Das Erzgebirge ist und bleibt einzigartig, selbst im dichten Regen

Ausflug. Erzgebirge. Es wird Leser geben, die da gleich abwinken. Mag sein. Aber selbst die sollten jetzt weiterlesen. Könnte interessant werden.

Auto.

Von TOrsten klaus

Trotzdem.

Die Geschichte beginnt mit der Vorgeschichte, dem Abholen des Autos. SUV nennen sich diese Modelle, irgendwo zwischen Van und Sportwagen. Für jemanden, der einen Wagen als Gebrauchsgegenstand sieht, gewöhnungsbedürftig. Das muss, trotz gespielter Gelassenheit, in meinem Gesicht ablesbar gewesen sein. Verständlich also, dass mich der Mitarbeiter des Autohauses bittet, ich möge das Auto wieder im Ausgangszustand abgeben. Ich muss mich wohl demnächst mal auf meine Mimik testen. Deutet meine in Falten gelegte Stirn etwa auf Verschrottungsphantasien? Macht mich das Zucken des Mundwinkels mutwilliger Felgenverdellung verdächtig? Aber hier kann ich das (gute) Ende vorwegnehmen: Fahrer und Beifahrerin wohlauf. Auto auch.

Als sich meine charmante Begleitung und ich morgens nach einem bitter notwendigen Kaffee auf den Weg machen, herrscht in Sachen Wetter noch leiser Optimismus. Die Sonne gibt Verlegenheitsgastspiele, der Tag bleibt aber deutlich entfernt von den mittlerweile herrschenden Temperaturen. Doch selbst das soll nicht so bleiben. Der Nachmittag, das ist noch nicht zu ahnen, wird dann wegen Regen und Kälte sogar im Bestellen heißer Zitrone gipfeln. Im Juli. Wer also gerade über die Hitze ächzt - wie war noch mal der Beschwerdemodus vor vierzehn Tagen von wegen verregneter Sommer? Eben.

Also machen wir auf den Weg - uns. Raus aus DD, rauf auf die Höhen. Ein Tal bleibt zurück, andere wollen durchquert sein. Natürlich ist der Weg das Ziel, sagt das innere Phrasenschwein und grinst. Später, als die Straßen enger werden und die dicht stehenden Bäume näher an den Asphalt heranrücken, ist das eine Erläuterung in Bildern, warum diese Wälder früher die so fremd klingende Bezeichnung Miriquidi, Dunkelwald, bekamen.

"Silberstraße" heißt die Piste Richtung Freiberg, touristen-griffig. Doch in die Bergakademie-Stadt wollen wir ohnehin nicht, wir schlagen uns vorher in die Büsche: Hinter Tharandt geht's Richtung Grillenburg ab in die Berge. Die Stimmung im Auto ist ungefähr so entspannt wie die Herden gemächlich grasender Kühe, an denen wir regelmäßig vorbeikommen. Die Entschleunigung da draußen legt sich wie ein beruhigender Schleier über uns. Fühlt sich gut an.

Weil Hatz was anderes ist, heißt es Frühstück in Frauenstein. Der zweite Kaffee des Tages bleibt aber deutlich hinter dem ersten zurück. Macht nichts: Markt, Burg und ein Hauch Silbermann entschädigen. Doch uns treibt es weiter.

Kleine Straßen schlängeln sich entlang der Berge. Und wir lassen oft genug die weib- liche Navi-Stimme reden, fahren aber ganz bewusst, entgegen ihren wohlgemeinten Ratschlägen, noch kleinere Straßen hinauf. Mittag dann in Purschenstein. Das Schloss ist vorzüglich saniert, und von Hochzeitsgesellschaften bis zum Wellness-Bademantelträger bietet das Plätzchen allein schon bei unserem Ab- stecher eine erstaunliche Bandbreite illustrer Hingucker. Da widmen wir uns doch gern dem wirklich ausgezeichneten Essen im Schlossrestaurant. Und bevor Fragen aufkommen: Ich setz' das nicht als Spesen von der Steuer ab.

Danach schrauben wir uns in Kammnähe an die tschechische Grenze, doch wir widerstehen der Verlockung, sie zu überqueren. Dort, zwischen Rübenau und Reitzenhain (das Erzgebirge folgt selbst bei Ortsnamen einer Art Gebrauchs-poesie), dunkelt sich der Himmel ein, die Tropfen fallen. Als wir auf dem 905 Meter hohen Hirtstein anlangen, dem südlichsten und auch höchsten Punkt unserer Tour, wird der Regen richtig satt. So bleibt nur ein verhuschter Blick ins Umland und die Flucht zu Heidelbeerkuchen und besagter Zitrone in die Baude am Gip- fel. Viel Publikumsverkehr herrscht gerade nicht, aber die Wirtin versichert, das sei das erste Wochenende seit langem, wo die wenigen Zimmer nicht ausgebucht wären. Im Winter hat die ganze Szenerie sicher noch einen anderen Reiz, wenn über die nahen Loipen zahlreiche Skiwanderer einkehren und die Ofenbank bis auf den letzten Quadratzentimeter besetzen.

Das Wetter aber will nicht mehr. So bleibt ein eher theoretischer Blick auf die Karte, wo in der Umgebung Moore wie die Mothäuser Heide oder die Schwarze Heide-Kriegswiese liegen. Bei besserem Wetter verlockend, aber naja. Das nächste Mal, vielleicht.

Auf der Re-Tour noch ein kurzer Halt in Marienberg mit dem gefühlt größten Marktplatz Sachsens (Großstädte eingeschlossen). Die Bundeswehr hat hier nicht nur noch einen Standort, sondern auch einen guten Ruf. Ein Mitarbeiter der Kirche St. Marien lobt den Einsatz des Kommandanten bei der Sanierung in höchsten Tönen. Ziviles Engagement kommt einfach an.

Nach finaler Rückkehr, spät am Abend, beschleicht mich die Frage, warum es eigent- lich keinen prickelnden Roadmovie gibt, der im Erzgebirge spielt. Die Landschaft hätte alles, was es braucht. Eine Geschichte ließe sich finden. Die Mischung von lässigen Wiederkäuern, dicken grasmähenden Männern und regengepeitschten Höhen schreit doch geradezu nach Verfilmung. Ich glaube, ich hab' noch irgendwo die Handynummer von Tarantino.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.07.2012

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