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Visionen und Erinnerungen - Der Kunstsommer in Moritzburg

Visionen und Erinnerungen - Der Kunstsommer in Moritzburg

Was zog die Künstler der Brücke an den Dippelsdorfer Teich? Die Möglichkeit, sich ungezwungen und frei der Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies in dieser landschaftlichen Idylle hinzugeben, zu zeichnen und zu malen, sinnlich lustvoll sich an körperlicher Natürlichkeit zu erfreuen, sich zu laben an atmosphärischen Stimmungen, ganz ungezwungen die Ursprünglichkeit in der Natur zu feiern.

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Irene Wieland zeigt vor dem Roten Haus überlebensgroße Stahlskulpturen.

Quelle: Flyer

Es war die Zeit der Reformbewegung, die ihren Höhepunkt erreichte. Die geschnürten Mieder der Frauen waren gefallen, die Bäderkultur entwickelte sich, die Landflucht nahm aufgrund zunehmender Industrialisierung und Technisierung der Gesellschaft zu, ethnografische und völkerkundliche Sammlungen wurden gegründet und lenkten den Blick auf fremde, archaische Kulturen, der Holzschnitt erfreute sich einer Renaissance auch durch den Einfluss japanischer Flächenholzschnitte, Zweckmäßigkeit und Funktionalität begannen das Leben zu beherrschen.

Auch die Dresdner Sezession 89, eine Gruppe von Künstlerinnen, wurde in einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche gegründet. Die Sezessionistinnen lenkten den Fokus auf die Kraft weiblicher, bildnerischer Ausdrucksweisen. Was liegt da näher, als auf den Spuren Gleichgesinnter zu wandeln? "unstrittig-schnittig" nennen Angela Hampel und Irene Wieland ihre Ausstellung im Roten Haus in Moritzburg/OT Friedewald. Sie schneiden kraftvoll aus Holz und Karton ihre Bild gewordenen Erfahrungen, Visionen und Erinnerungen.

Irene Wieland verwandelt die untere Etage des Roten Hauses in ein Ar- beitszimmer. Sie schafft eine kreative schöpferische Atmosphäre, die während der Präsentationszeit ständig in Veränderung begriffen ist. Schweifende Formphantasien in irisierender Farbigkeit überlagern und verhäkeln sich auf den Kartons, wandeln und verwandeln sich von Bild zu Bild, eingefasst und gebändigt von harten Konturen. Das Leben und die Mythen vergessener Zeiten und vergangener Kulturen scheinen in den Werken ebenso eingefangen, wie das Leben und Weben der Natur, wie die komplexe Dialektik unseres von Ängsten und Hoffnungen, von Träumen und Halluzinationen erfüllten Daseins. Ergibt man sich der Bildsammlung, spürt man eine latente fließende Bewegung, ein unaufhörliches Wachstum, das sich auf der Wiese vor dem Haus fortsetzt in überlebensgroßen Stahlskulpturen.

Es entfaltet sich ein Fest paradie- sisch anmutender Farb- und Formverstrickungen. Die Magie ergibt sich aus einer Addition von nicht Zusammengehörigem, da kann eine Pflanze schon einmal Augen bekommen, und Haare verwandeln sich in Blumen. Die Bildentwicklung erfolgt horizontal oder vertikal in einem strengen Rhythmus flächiger Bildformen, in denen ähnliche Töne mitschwingen, die gewöhnlich Träumen eigen sind.

Das Wunder der Natur, der sich wandelnden Natur und die verwunschenen inneren Geschichten bilden die Themen ihrer Kunst. Die Freude an jeder gelungenen Metamorphose ist spürbar. Bilder lehnen an der Wand, weiße Handschuhe auf den Tischen, fordern auf zur Inbesitznahme des Bilderkosmos. Irene Wieland fabuliert mit der Linie und konturiert einen ursprünglich-archaischen Kosmos von wuchernden Gewächsen, schwellenden Formen in idyllischen Gärten.

Zu sehen sind neben Stahlskulpturen auch Papierschnitte. Mit dem Cuttermesser werden filigrane Strukturen in die Oberfläche von Passepartoutkartons geschnitten, die abgezogen werden können, so dass sich Schicht um Schicht eine reliefartige Binnenzeichnung entwickelt.

Angela Hampel schneidet in Holz ihre Lebenskräfte. Sie schöpft ihre Themen aus Legenden, aus biblischen und antiken Mythen, aus der Literatur, und dies alles treibt sie bis in die Gegenwart und das immer mit autobiografischer Vernetzung. Da begegnet man Paaren, allerlei Getier, Tigern, Jaguarmännern, Perlhühnern, Schnee-Eulen, Stieren auch in Zweieinigkeit mit Frauengestalten. Die Personnage handelt mit Hingabe, voller Leidenschaft, mit Herz und Verzweiflung, mit hoffnungsvollem Verlangen. Schönheit im Sinn und über das Kämpfen vor allem Harmonie und Gleichklang, Gleichklang mit sich selbst und der Natur.

In paradiesischen Gärten darf man Kraft sammeln und sich konzentrieren. Das ewige Prinzip, zu fressen und gefressen zu werden, kann durchbrochen werden, das weiß Angela Hampel, nämlich dann, wenn man die Mauern zu Mythen und Legenden durchlässig macht und jenen die Hände reicht, die den Schlüssel besitzen, die Epochen aufzuschließen, ohne schnellfertige Urteile. Wenn die Augenpaare der dargestellten Wesen mit denen der Betrachter zusammentreffen, existiert mitunter eine überraschende Vertrautheit, öffnet sich ein Zwischenraum des gegenseitigen Erkennens. Dieser Moment umfasst das, worauf es ankommt, für das jeder Mensch eigene Sinn stiftende Definitionen finden muss. Die Gewissheit, dass das Leben als solches mit allen seinen Unbegreiflichkeiten, seinem Grauen und mit seinen Wundern einen Sinn hat, ist dann befreiend. Und man begreift, dass Gegenwart auch auf Vergangenheit fußt. "Ein Vergnügen zu erwarten, ist auch ein Vergnügen", so der Titel von Holzschnitten, die Angela Hampel zu Lessing druckte. Was für einen ästhetischen Reiz die Reliefstrukturen der Holzplatten haben in der Hinwendung zur Natur des Holzes, das zeigt auch diese Ausstellung. Wie die Künstler der Brücke strebt Angela Hampel nach Ausdruck in expressiver, existentieller Formbewältigung, in einer Linie, die den Betrachter mit sich reißt.

ibis 28. Juli, Rotes Haus am Dippelsdorfer Teich, Moritzburg /OT Friedewald. Fr 14-19 Uhr und Sa/So 10-18 Uhr

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.07.2013

Karin Weber

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