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Veit Kühne aus Radebeul leitet eine Internet-Börse für kostenlose Reiseunterkünfte

Veit Kühne aus Radebeul leitet eine Internet-Börse für kostenlose Reiseunterkünfte

Es herrscht immer Betrieb in dem Haus am Augustusweg. Ukrainer, Argentinier, Russen, Polen kommen an oder gehen wieder - die gesamten Sommermonate wird es so sein.

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Tramper auf dem Weg nach Dresden.

Quelle: Volkmar Heinz

Denn in dem 1891 erbauten Haus mit der Nummer 59 lebt Veit Kühne. Der 33-Jährige hat Reisen zu einer Art Lebensstil erhoben und vor elf Jahren die Internet-Plattform „hospitalityclub.org" aus der Taufe gehoben. Das ist eine Vermittlungsbörse für kostenlose Reiseunterkünfte.

Mitglieder können sich Profile mit Beherbungen in Wohnungen oder Häusern anderer Mitglieder an ihrem gewünschten Reiseziel ansehen und sich, wenn ihnen eine gefällt, einen Termin ausmachen. E-Mail oder Anruf genügen und schon hat der Reisende eine Unterkunft. Kostenlos. „Da schläft man vielleicht mal bei einer Familie in einer riesengroßen südamerikanischen Villa in Argentinien. Oder in Italien bei einem Mann mittleren Alters, der zusammen mit seiner Mutter wohnt und abends, wenn er nach Hause kommt, Pasta für alle kocht. Oder in einer kleinen Wohnung in Rumänien, in irgendeinem Neubaublock", zählt Kühne auf.

Er bietet als Gründer der Seite nicht nur eine Unterkunft an, sondern ist auch als Reisender Nutznießer des Netzwerks. In den letzten Jahren hat er sich in den Wintermonaten, wenn es selbst im geschützten Elbtal ungemütlich kalt wird, in wärmere Gefilde aufgemacht, meist nach Südamerika und Asien. Da er mit seinem Internet-Portal kein Geld verdienen will, reist er mit entsprechend kleinem Geldbeutel. Etwa 80 Länder hat der studierte Betriebswirt Kühne schon gesehen. Immer dabei: Sein Laptop, von dem er die Seite steuert und den umfangreichen Mailverkehr abarbeitet.

„Den hat mal in Kirgisien ein Lkw überfahren", sagt der Älteste von fünf Kindern. „Man hat es richtig splittern hören, dennoch hat er danach noch drei Jahre seinen Dienst getan", sagt der Wahl-Radebeuler über seinen kürzlich ausgemusterten Reisebegleiter. Es sind derlei Erlebnisse, die Kühne sucht. Ein Jahr ist er durch Nordamerika getrampt, hat quasi auf der Straße gelebt. Diesen Winter war er in der Antarktis, hat Pinguine beobachtet, wie sie auf einem Eisberg durchs Meer treiben. Bei seinen Reisen geht es ihm aber anders als anderen nicht um das Extreme. „Afrika ist mir einfach zu gefährlich", sagt er beispielsweise. Vielmehr interessieren ihn Menschen in fremden Kulturen. „Es geht darum, ein Land durch die Augen eines Menschen kennenzulernen, der darin lebt", sagt er. Deshalb habe er sich nach seiner Diplomarbeit nicht dafür entschieden „einen Haufen Geld zu verdienen", wie er sagt. Stattdessen hat er „Gastfreundschaft" zum Reiseprinzip erhoben.

Nach anfänglich mauen Start hat „hospitalityclub.org" inzwischen mehr als 650.000 Mitglieder. „Ich hatte mal das Ziel, dass es eine Million sein sollen, aber eigentlich will ich, dass alle mitmachen", sagt er. Denn hinter der Idee zur Seite steht eben nicht nur der Gedanke, günstig eine Reise zu machen, sondern eine politische Motivation. „Ich bin überzeugt, dass Menschen, die andere Kulturen kennengelernt haben, nicht so einfach Kriege beginnen", sagt Kühne.

„Konflikte entstehen doch oft aus Unwissenheit." Der gebürtige Leipziger meint es ernst mit seinem politischen Engagement, hat beispielsweise beim Dresden-Besuch des damaligen russischen Staatspräsidenten Vladimir Putin gegen den Tschetschenien-Krieg medienwirksam demonstriert. Seine „Mörder"-Rufe fanden 2006 nicht nur in den DNN ihren Widerhall, auch die Tagesthemen berichteten, wie sich Veit Kühne heute noch mit einem Grinsen erinnert.

Der größte Teil der Mitglieder kommt aus Deutschland. „Es sind aber eigentlich alle Länder vertreten, die Internet haben", sagt Kühne. Bewusst will er die Eintrittsschwelle so gering wie möglich halten, um so viele Menschen wie möglich zu erreichen. Deshalb nimmt „hospitalityclub.org" keine Gebühren und baut allein auf freiwillige Mitarbeit und Gastfreundschaft. Mitglieder sind noch nicht einmal verpflichtet, selbst eine Unterkunft anzubieten, wenn sie mithilfe des Gastfreundschafts-Netzwerks reise wollen.

Deshalb sind derzeit vor allem Studenten registriert, die trotz kleinem Budget in entlegene Gegenden reisen wollen. „Wir haben allerdings eine relativ geringe Quote von Mitgliedern, die ausscheiden", sagt Kühne. Er rechnet fest damit, dass die jetzigen Studenten in fünf oder zehn Jahren zu großzügigen Gastgebern werden, wenn sie in der Arbeitswelt angekommen sind. „Wer einmal Gastfreundschaft erfahren hat, der will auch zurückgeben", sagt er. Häufig kommen Mitglieder auch aus Ländern, in denen vergleichsweise geringe Löhne gezahlt werden. „Ich habe letztens bei einer Frau in Rumänien gelebt, die hat den ganzen Monat für 150 Euro gearbeitet", sagt Kühne. Mit der Gastfreundschafts-Plattform kann sie sich dennoch Reisen in teure Länder Westeuropas ermöglichen.

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Uwe Hofmann

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