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Trügerische Versöhnlichkeit: Carlo Goldonis "Der Diener zweier Herren" an den Landesbühnen Sachsen in Radebeul und Freital

Trügerische Versöhnlichkeit: Carlo Goldonis "Der Diener zweier Herren" an den Landesbühnen Sachsen in Radebeul und Freital

Der Tausendsassa, den Carlo Goldoni in den 40er Jahren des 18. Jahrhunderts in die Welt gesetzt bzw. aus dem Harlekinskostüm befreit und in eine einfache Alltagskluft gesteckt hat, hat seither immer wieder ähnliche Bedingungen vorgefunden, um sich an der satten Bürgerwelt zu reiben.

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Anke Teickner als Smeraldina und Olaf Hörbe als Truffaldino.

Quelle: Robert Jentzsch

Zum Gaudium des Publikums versteht sich, das daraus mehr oder weniger nützliche Lehren ziehen kann. Die jüngste Reinkarnation des Dieners, der an einem Herrn nicht genug hat, trägt an den Landesbühnen Sachsen sogar Zweireiher überm Pollunder (ohne Karos, irgendwie schade), und Olaf Hörbe leiht ihm die körperliche Hülle sowie eine Weltgewandtheit, die es ihm ermöglicht, ohne allzu großes Aufsehen sogar in den Salon eines Bankers einzudringen. Wobei das eigentliche Anliegen, nämlich den Besuch seines Herren anzumelden, wie gehabt sogleich in Konflikt gerät mit einem jäh aufschießenden, höchst persönlichen Interesse, nämlich dem an dem schon etwas reifen und ziemlich schlagfertigen Dienstmädchen Smeraldina (Anke Teickner).

Regisseur Marcelo Diaz, ein Argentinier, der seit 30 Jahren in Europa lebt und lange an der Theaterhochschule Zürich lehrte, hat als Vorspiel zur Übersetzung von Jürgen Flimm eine eigene Ankunftsszene gestellt, in der routinierte Reisende mit Koffern daherkommen und berichten, wie sie sich einer unbekannten Stadt zu nähern pflegen. Truffaldino hat nur kleines Gepäck, kein Geld in der Tasche, aber Hunger im Herzen wie im Bauch. Er scheut keine Mühe, keinen Trick und auch kein doppeltes Engagement, um ans Ziel seiner Wünsche zu gelangen, und stiftet dabei so viel Verwirrung, dass sich zwischendurch keiner mehr auskennt, geschweige denn er selbst, und das verlangt Gegenspielern wie Kollegen einiges ab, um stets zur falschen Zeit am richtigen Ort zu sein. Zumal Ausstatter Stefan Wiel die Bühne mit einer doppelten Drehtür versehen hat, deren Flügel unberechenbar um dieselbe Achse rotieren - der eine als intimer Zugang, der andere den ganzen Hintergrund einnehmend und daher bei jedem Umschwung alles Innere nach außen kehrend bzw. umgekehrt. Die bewegliche Achse im Spiel ist freilich Truffaldino, um den sich alles dreht, der aber bei aller Turbulenz auch immer wieder die Zeit findet, sich der einfachsten Dinge zu versichern. Wenn Hörbe schließlich den Löwenanteil des Beifalls einheimst, dann mit Recht für diese mit wohlkalkulierten Stolperern servierte Art von Entschleunigung.

Darüber hinaus regiert doch eher ein schöner, will heißen versöhnlicher Schein. Zum einen denkt Diaz, womöglich in fein vertracktem Hintersinn, offenbar gar nicht daran, hinter die Fassaden zu leuchten. Zum anderen stoßen Modernisierungen an die Grenzen eines Systems, in dem zum Beispiel die Genehmigung des Dienstherrn erforderlich ist, um eine seiner Angestellten zu ehelichen. Was die Nachkommen in Geldimperien angeht, haben sich freilich die Regeln bis heute kaum geändert, und so nichtsnutzig derlei Sprößlinge auch sein mögen, so haben sie sich doch zu fügen und ihren Ehrgeiz vorzugsweise auf den Erhalt der sogenannten Ehre zu konzentrieren.

Genau so sind die Figuren der Clarice (Julia Vincze) und des Silvio (Johannes Krobbach) angelegt, auch wenn sie in einem Outfit zwischen schrill und poppig daherkommen und der vom Auftauchen des vermeintlichen Konkurrenten düpierte und aus seiner Rolle als Bräutigam Gedrängte erstmal spontan zur Pistole greift statt zum Dolch. Ob nun die häufige Untermalung der Szenen durch gefühlig-gefällige Allerweltsfolklore (Frank Haußig, Robert Hennig) derlei Anachronismen rechtfertigen soll, sei dahingestellt, jedenfalls bot sich, rein zufällig am Abend von Berlusconis Verurteilung, wie nebenbei ein weichgespültes Italienbild, das so ziemlich der oberflächlichen Wahrnehmung des Reisenden von heute entspricht, der meint, sich ganz gut auszukennen, dem wesentliche Details aber verborgen bleiben.

Trotzdem gibt es Gelegenheiten, bei denen sich innere Bewegung nachvollziehbar mitteilt, zumal wenn Beatrice sich gegenüber Clarice zu erkennen gibt und anschließend in ein von Pantalone (Tom Hantschel) heftig missdeutetes Gelächter ausbricht. Was der etwas cholerische, aber in Wahrheit anscheinend schon fast sympathisch familiäre Vater tatsächlich bezweckt, indem er in aller Eile seine Tochter zu verheiraten sucht, interessiert ebenso oberflächlich wie die Frage, ob es sich bei Beatrice (Sandra Maria Huimann) und ihrem Liebhaber Florindo (Holger Uwe Thews) eigentlich um ein gewieftes Mörder- oder ein romantisches Liebespaar handelt. Am Ende treten sie auf wie Touristen oder wie Chargen in einem Fernsehfilm, und er nennt sie schon mal Trixi. Pantalone "entlarvt" sich gerade mal dadurch, dass er zum Essen statt Krammetsvögeln Frikadellen verlangt, auch Fleischpflanzerl oder gar Beffsteck genannt, wie der Wirt Brighella (Jost Ingolf Kittel) verächtlich die Nase rümpfend repetiert - Fast Food statt der von Goldoni (und den italienischen Cacciatori noch heute) geschätzten Wacholderdrosseln, aber "echte" Prügel für den schlitzohrigen Diener.

So sehr Hörbe mit Witz und keineswegs nur lächerlichem Selbstbewusstsein seinen Truffaldino gegen Unterschätzung behauptet, so wenig bietet er sich letztlich an als Held, mit dem der Zuschauer sich identifizieren könnte - der gerät eher und vielleicht fast unbemerkt in die Rolle der Florindos und Beatrices, die es (zumal auf Reisen) gewohnt sind, die Dienste anderer in Anspruch zu nehmen, ohne sich groß Gedanken dabei zu machen.

Aufführungen am 4. 11. in Radebeul, am 9. 11. im Kulturhaus Freital

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.10.2012

Tomas Petzold

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