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Spitzel in Gewissensnot

Spitzel in Gewissensnot

Der Inoffizielle Mitarbeiter zur Bearbeitung im Verdacht der Feindtätigkeit stehender Personen (IMB) mit dem Decknamen "Frank Beyer" kam nicht weiter. In seiner Freizeit lese er die Bibel, um Kirchenmitglied, später hauptamtlicher Kirchenmitarbeiter zu werden, berichtete er am 27. September 1989 beim Gespräch mit Oberstleutnant Böhme, dem Leiter der Meißner Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) und dessen Mitarbeiter Major Siebert.

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Der Meißner Superintendent Andreas Stempel (links) und Buchautor Martin Kupke mit seiner Publikation in der Meißner Innenstadt.

Quelle: Steffen Giersch

Jedoch habe er Probleme, die Schwerpunkte beim Studium des Neuen Testaments festzulegen. Deshalb bat er die Geheimdienstler dafür um Unterstützung. Die habe ihm Oberstleutnant Böhme zugesagt. So steht es in der Akte jenes IMB. Es ist der letzte Eintrag. So muss offen bleiben, welcher Stasi-Offizier sich zur Feindbekämpfung in die Heilige Schrift vertiefte.

Wenn Stasi-Spitzel in die Kirche eindrangen, konnten mitunter paradoxe Veränderungen in ihnen vorgehen. Gelegentlich mit katastrophalen Folgen für den Geheimdienst. Der Inoffizielle Mitarbeiter (IM) mit dem Decknamen "Wunderlich" zum Beispiel saß im März 1989 mit den Organisatoren des "Teekellers" in Oberlichtenau zusammen, einem Jugendtreff der evangelischen Jungen Gemeinde. Irgendjemand, war allen in der Runde klar, gab als Spitzel Informationen weiter. Reihum stellten sie einem nach dem anderen die eindringliche Frage danach. Als die Reihe an ihn kam, gab "Wunderlich" es zu. Da er ein echter Christ sein wolle, müsse er die Wahrheit sagen, beschied er wenig später seinem Führungsoffizier. So schnell konnte sich ein Protestant an der unsichtbaren Front selbst enttarnen, wenn er das achte Gebot wider das "falsch Zeugnis reden" ernst nahm.

Ungewöhnliche Begebenheiten wie diese findet man etliche in dem jetzt erschienenen Buch "SED und MfS im Kirchenbezirk Meißen". Geschrieben hat es Martin Kupke. Der 75-jährige promovierte Theologe war evangelischer Pfarrer in Coswig und später bis 1999 Superintendent in Oschatz. Die Anregung zu dem Buch verdankt er dem Meißner Superintendenten Andreas Stempel. "Manche Wunde, die durch die Stasi geschlagen wurde, ist bis heute nicht verheilt", sagt Stempel. Auch 22 Jahre nach dem Ende der DDR scheint das Interesse an dem Thema beträchtlich. Als Martin Kupke sein Buch jetzt erstmals im Rathaus der Domstadt vorstellte, reichten die etwa 150 Stühle im Großen Saal nicht für alle Zuhörer.

Mehrere tausend Seiten Akten hat der Superintendent im Ruhestand gewälzt. Dabei hat er sich nicht auf die des MfS beschränkt, sondern in anderen Archiven auch Unterlagen vom Rat des Bezirkes Dresden, dem Rat des Kreises Meißen und der SED-Kreisleitung durchforstet. Eine bewusste Entscheidung, wie er sagt. "Für alle politischen Entscheidungen war in der DDR die SED verantwortlich. Sie war dem MfS übergeordnet und legte die Richtlinien fest." Es sei die Idee von SED-Bezirkssekretär Hans Modrow gewesen, den wütenden Bürgern Anfang Dezember 1989 die Stasi als Sündenbock auszuliefern, um selbst ungeschoren davonzukommen. "Das funktioniert leider bis heute."

So erfährt der Leser in diesem Buch umfassend, wie die staatliche Seite die evangelische Kirche in Meißen und der Region betrachtete. Kupke lässt die Akten für sich sprechen. Sie zeigen, wie SED und Bürgermeister über ihr eigenes Spitzelsystem gleichfalls Informationen sammelten, teils parallel zur Stasi, teils Hand in Hand mit ihr. "Alle staatlichen Leiter waren im Überwachungssystem eingebunden", sagt Kupke. Möglichst viele Informationen sollten gesammelt werden, um die Kirche besser bekämpfen und schneller vernichten zu können, meint er. "Die Kirche war der Feind." Stadtgeschichtliche Anfänge kurz streifend, zeigt seine Darstellung das für die Zeit von 1945 bis zum politischen Umbruch im Herbst 1989.

Unter Beobachtung standen besonders die Meißner Superintendentur, die kirchliche Jugendarbeit und die Evangelische Akademie. Als noch gefährlicher indes betrachteten die Staatsorgane das von Pfarrer Rudolf Albrecht 1975 begründete Meißner Friedensseminar.

Dort schmuggelte die Stasi insgesamt 17 Spitzel ein, um Informationen zu sammeln, die es irgendwann möglich machen sollten, Organisatoren, Referenten, Teilnehmer vor Gericht zu bringen. Informationen, mit denen Misstrauen und Zwist unter den Teilnehmern gesät oder die Kirchenleitung gedrängt werden sollte, die Organisatoren selbst zurückzupfeifen. Anhand der Akten stellt der Autor die Geschichten jener 17 IM dar. Nennt allerdings nur deren Decknamen. "Mir geht es zuerst um die Darstellung des Systems und erst danach um die schuldig gewordenen IM."

Tomas Gärtner

Buch: Martin Kupke: SED und MfS im Kirchenbezirk Meißen, Leipziger Universitätsverlag, 244 S., 29,00 Euro

Schwerpunkte des MfS: Superintendentur, Evangelische Akademie, kirchliche Jugendarbeit, Meißner Friedensseminar

Beobachtete Personen: Eduard Berger (Superintendent); Hanno Schmidt (Pfarrer in Coswig; Kreisdienststelle des MfS Meißen: "der führende Kopf des politischen Untergrunds"); Joachim Bielitz und Günther Steglich (aktive Mitglieder des Arbeitskreises "Gerechtigkeit, Umwelt und Frieden"); besonders gefährlich Vorbereitungskreis des Meißner Friedensseminars um Pfarrer Rudolf Albrecht

Maßnahmen des MfS: Verhinderung der Profilierung von Personen, Maßnahmen zur Zersetzung und Paralyse; Einsatz erfahrener Kräfte gegen sie; ständige Auseinandersetzung mit ihnen; Verhinderung öffentlichkeitswirksamer Aktivitäten; politisch qualifizierte Spezialisten für Einsatz in Veranstaltungen der Basisgruppen

Inoffizielle Mitarbeiter: zur Bespitzelung der evangelischen Kirche zehn IM aus dem Kreis Meißen; sieben aus dem übrigen Bezirk Dresden

weitere Informanten: außerhalb der Stasi Bürgermeister (monatlicher Informationsbericht an Vorsitzenden für Inneres); SED-Sekretäre, Ärztliche Direktoren in Krankenhäusern; Schuldirek- toren (auf Anweisung des Meißner Kreisschulrates); Polizisten im Volkspolizei- kreisamt

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.10.2012

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