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Schill+Seilacher möchte nach Unglücksfall in Pirna-Neundorf bleiben

Schill+Seilacher möchte nach Unglücksfall in Pirna-Neundorf bleiben

Nach der verheerenden Explosion in der Chemiefabrik Schill+Seilacher in Pirna-Neundorf schweben zwei der Schwerverletzten immer noch in Lebensgefahr. Aufgrund ihrer schweren Verbrennungen müssten sie immer noch künstlich beatmet werden.

Darüber informierte Betriebsleiter Joachim Seifert am Mittwochabend. Die beiden anderen Mitarbeiter seien auf dem Weg der Besserung. Ein Kollege verlor bei dem Unglücksfall Anfang des Monats sein Leben.

In die Aula der Goethe-Mittelschule hatte das Unternehmen geladen, um die Fragen der Pirnaer zu beantworten. Und rund 200 nahmen das Angebot an. Sie interessierte als erstes, was in einer der Produktionshallen am 1. Dezember genau passiert ist. "Die genaue Ursache für den Unfall ist bis heute nicht bekannt", sagte Seifert. Aufschluss darüber sollen Gutachten bringen, die derzeit die Ermittlungsbehörden von Experten erstellen lassen. Fest steht aber, dass das Unternehmen an einem neuen Flammschutzmittel für Zelte der Bundeswehr und Theatervorhänge arbeitete. Der Produktionsablauf besteht aus mehreren chemischen Prozessen. "Wir befanden uns in der ersten Reaktionsstufe", so Seifert. Als dem Katalysator der Ausgangsstoff zugegeben wurde, war die Reaktion außer Kontrolle geraten. Im Kessel hat sich Druck gebildet und das Gemisch trat als Gas in den Produktionsraum aus.

Bei der Explosion flogen Trümmerteile der Produktionshalle auf umliegende Häuser und Grundstücke. Die Anrainer fragten, welche Gefahren außerdem bestanden - besonders von den ausgetretenen Stoffen. "Es waren keine Gefahrenstoffe dabei; es gab keine Giftgaswolke", versicherte der Betriebsleiter. Die an jenem Unglückstag geäußerte Vermutung, dass das Lösungsmittel Toluol freigesetzt wurde, bestätigte sich nicht. Zwar befand sich in der Nähe des Unglücksreaktors ein Tank mit diesem chemischen Stoff. Doch er leckte nicht. Wenn der Toluoltank ausgelaufen wäre, hätte es in der Fabrik gebrannt. "Für die Anwohner bestand keine Lebensgefahr", meinte Uwe Wunderlich, kaufmännischer Direktor bei Schill+Seilacher.

Das rief nur Kopfschütteln bei den Anwesenden hervor angesichts herumfliegender Stahlträger nach der Explosion. "Wir hatten Glück gehabt, dass Dezember war und sich nicht so viele Menschen draußen in ihren Gärten wie in den Sommermonaten befanden", sagte die ortsansässige Ärztin Katrin Binnewerg. Dass es mehr Verletzte hätte geben können, wenn der Unglücksfall zu einer anderen Tageszeit geschehen wäre, schloss auch Betriebsleiter Seifert nicht aus. An jenem späten Montagnachmittag arbeiteten 30 der rund 130 Beschäftigten auf dem Firmengelände. "Am Mittag waren noch 60 Mitarbeiter im Werk", so Seifert.

Seit 2010 lag dem Unternehmen eine Genehmigung für die Herstellung des neuen Flammschutzmittels vor. Das Produkt wurde nur für die Herstellung in Pirna entwickelt. Wie Seifert berichtete, hatte er vor zwei Jahren das damalige Entwicklungsprodukt als "zu gefährlich" abgelehnt. "Bei der jetzigen Produktionslinie dachten wir, sie sei sicherer. Das müssen wir nun revidieren", so Seifert. Nach dem Katastrophenfall wurde die weitere Entwicklung komplett und für immer eingestellt. Zurzeit ruht die gesamte Produktion im Werk, bis die Ursache des Unfalls aufgeklärt ist.

Die Neundorfer kritisierten, dass der Betrieb in den vergangenen Jahren immer näher an ihre Grundstücke rückte, dass an ihren Grundstücksgrenzen entzündbare Stoffe lagern und das mitten im Dorf Experimente vorgenommen wurden. Alles sei mit Genehmigung und unter Einhaltung der gesetzlich geforderten Auflagen erfolgt. "Schill+Seilacher sind seit 18 Jahren am Standort - ohne einen Unfall oder einer Störung", so Seifert.

Eine 100prozentige Sicherheit wird es nie geben. "Wir wollen das Risiko so gering wie möglich halten", sagte Peter Gamer vom Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie. Ein Nullrisiko werde nie möglich sein. "Wenn doch, dann dürften wir keine Produktion von Industriestoffen in Deutschland mehr vornehmen", so der Vertreter einer der anwesenden Genehmigungsbehörden.

Die Angst vor einem erneuten Unglück sitzt bei den Einwohnern tief. "Dieses Restrisiko, dass mir jederzeit wieder etwas um die Ohren fliegen kann, soll ich mein ganzes restliches Leben tragen?", fragte Tilo Keil und machte gleich deutlich: "Damit kann ich nicht leben." Das Vertrauen in die Chemiefabrik ist bei den Neundorfern schwer belastet.

Doch auf irgendeine Art und Weise werden sie sich mit dem Unternehmen wohl arrangieren müssen. Es will bleiben. "Wir haben bislang 25 Millionen Euro in den Standort Neundorf investiert", sagte der kaufmännische Direktor Wunderlich. Für eine Auslagerung in einen Chemiepark außerhalb von Sachsen müsste noch einmal die Hälfte der Investitionssumme in die Hand genommen werden "Wir haben auch eine Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeitern. Natürlich sind wir bestrebt, die Arbeitsplätze zu erhalten", so Wunderlich. Das Unternehmen versprach, die Einwohner über jeden weiteren Schritt zu informieren.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.12.2014

Silvio Kuhnert

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