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Sagen und nicht gehört werden: Künstlerinnen im Klosterhof der Evangelischen Akademie Meißen

Sagen und nicht gehört werden: Künstlerinnen im Klosterhof der Evangelischen Akademie Meißen

s gemeinsamen Nachdenkens, der Stille und Nähe, vor allem aber der kreativen Arbeit trafen sich im August vier Künstlerinnen aus Dresden, Meißen und Berlin in den Räumen der Evangelischen Akademie Meißen.

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Else Gold: Kassandra.

Quelle: Daniel Bahrmann

bis 15. Oktober. Else Gold (Objektkünstlerin), Kerstin Franke-Gneuß (Grafikerin), Gudrun Trendafilov (Malerin/Grafikerin) und Ulrike Gramann (Schriftstellerin) verlebten eine Phase intensiven künstlerischen Tuns - zu einem vorgegebenen Thema.

Ein schon seit einigen Jahren vom Kunstverein Meißen und der Evangelischen Akademie ausgerichtetes und von Frau Dr. Kerstin Schimmel (Studienleiterin für Kultur an der EVAM) initiiertes Arbeitsprojekt hatte diesmal das "Kassandraphänomen" zum Gegenstand. Dabei diente den vier Künstlerinnen die in den 80er Jahren entstandene Erzählung von Christa Wolf als Diskussionsstoff und Anregung. Nicht alle Arbeiten, die noch im Kreuzgang des ehemaligen Klosters ausgestellt sind, entstanden aus gegebenem Anlass vor Ort, manche reichen zehn bis fünfzehn Jahre zurück.

Else Gold hatte die Idee für die diesjährige Arbeitsaufgabe, fand, wie so oft, während eines Spazierganges im Fluss einen Schaumstoffkopf, der sie sofort an die antike Seherin Kassandra denken ließ. Auch die "Zutaten" für ihren im Kreuzgang von St. Afra gemeinsam mit den Arbeiten der anderen ausgestellten Kunstwerke zentral postierten Kopf von Priamos haben den gleichen Ursprung: Rostiger Eisenblock, verwitterter Schwemmholzkopf und schüttere eiserne Krone bilden einen Zusammenhang, der den tragischen Charakter des Königs von Troja schlaglichtartig erhellt.

Damit sind wir mitten im Geschehen der Erzählung von Christa Wolf angelangt: Kassandra, Tochter des Priamos von Troja, ist anders als ihre zwölf Schwestern. Seit ihrer Jugend gilt ihr Interesse der Politik. Sie will Priesterin werden. Es zeigen sich früh die Symptome ihres Andersseins in einer Begabung für das Seheramt und die Prophetie. Aber auch Anzeichen einer tiefer reichenden Depression, die sowohl durch hohe Sensibilität bedingt, als auch durch die desaströse Lage von Troja und seiner Geschichte, sowie die Fahnenflucht von Kalchas, den Seher, ausgelöst wird. Von da ab wird sie von fast allen gefürchtet und gemieden. In der Düsternis der Vorahnungen über Trojas Untergang verweigert sie sich dem Mittun am Krieg, zieht sich in ihr Selbst zurück, wird von den Sicherheitskräften des Eumelos vom Hof isoliert und eingesperrt, weil sie die Wahrheit erkannt hat: Alle, die feindlichen Griechen wie die Trojer, empfinden als Menschen.

Den Künstlerinnen wurde klar, dass dieser Stoff weit in unsere Gegenwart hineinreicht. Künstlersein ähnelt der Sehergabe, hochsensibel künftige Entwicklungen vorauszusehen. Die damaligen Warnungen Christa Wolfs finden heute wieder eine Bestätigung. "Sagen und nicht gehört werden" ist das "Kassandraphänomen". Die Warnungen der Seherin werden ignoriert und als "staatsfeindlich" denunziert. Dieser Stoff scheint aktuell und zeitlos, öffnete den Künstlerinnen Herz und Seele, brachte ihnen den Mensch, die Frau, die Schwester Kassandra näher. Neben den nahe am Thema orientierten Arbeiten von Else Gold stehen die Mischtechniken von Gudrun Trendafilov mit ihren Bildern von verstörten, gescheiterten und trauernden Frauen, einzeln oder als solidarische Gruppe, darunter die ausdrucksstark-düsteren Mischtechniken "Verwirrung", "Ruf", "Priesterin" und "Kassandra", in denen ein besonderer Gegenwartsbezug hergestellt wird. Man muss keine Seherin sein, um die Gefahr, in der wir uns alle befinden, zu erkennen. Solidarisch sein heißt, auch teilen und sich vom angenehmen Wohlstandsdenken zu verabschieden.

Bereichernd war die Teilnahme der Berliner Schriftstellerin Ulrike Gramann, die während der Arbeitswoche sechs Texte verfasste, mit denen sie auf Gustav Schwab und Christa Wolf mit eigenen, klugen Gedanken reagiert. Dort heißt es unter anderem über das Amt der Seherin: "Sehen heißt wissen, nicht aber geglaubt zu werden". Entscheidend ist das Unausweichliche zu verhindern. "Es ist nicht zerstörerisch, die Wahrheit zu sagen. Wer die Wahrheit ausspricht, ersehnt Heilung". Die Radierungen von Kerstin Franke-Gneuß greifen Licht und antike Landschaft auf, Licht, das durch das Dunkel bricht, es erhellt und überstrahlt. Man wird in den zersplitterten Formen, Spiegelungen und Brüchen von Franke-Gneuß an die von Christa Wolf beschriebenen Gründe und seltsamen Durchbrüche erinnert, aber auch an die wirren Gebüsche, die Bergwelt um den Ida-Berg mit seinen abysischen Höhlen, in die sich die Frauen, Aeneis und der alte Anchises zurückgezogen haben ("Asphodelosgrund", 2012).

In den letzten und dunkelsten Passagen der Erzählung ist von einem besonderen Licht die Rede, das am Ende verlischt: Mit ihrem engsten Vertrauten und Gefährten Aeneis steht die Seherin auf einer Mauer von Troja und spricht über ihre Zukunft und die ihrer Kinder. Sie wird bleiben und in den sicheren Tod gehen, aus Verantwortung und Liebe, dem Vater, dem Volk gegenüber: "Nicht Trojas wegen muss ich bleiben. Troja braucht mich nicht. Sondern um unsretwillen. Um deinet- und meinetwillen" (Christa Wolf, "Kassandra"). Aeneis flieht mit einigen Hunderten aus der Stadt. Und wie an diesen Tagen im Herbst 2015, "mit Vorräten versehen... entschlossen sich die Übriggebliebenen, sich durchzuschlagen. Ein neues Troja irgendwo zu gründen. Von vorne anzufangen".

bis 15. Oktober. Evangelische Akademie Meißen, St. Afra-Klosterhof, Freiheit 16, geöffnet Mo-Fr 9-16 Uhr, Tel. 03521 47 06-22. Es wird um telefonische Anmeldung gebeten. www.ev-akademie-meissen.de

von Heinz Weißflog

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