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Rolf Böhm zeichnet seit über 20 Jahren Wanderkarten per Hand

Rolf Böhm zeichnet seit über 20 Jahren Wanderkarten per Hand

Wenn Rolf Böhm nach etwas gefragt wird, dann schaut er sekundenlang konzentriert über die schmalen Ränder seiner Brille ins Nichts. Während eine Wanduhr in die Stille seines Büros in Bad Schandau tickt, scheint Böhm seine Gedanken sorgfältig auszusuchen, sie dann in aller Ruhe in die richtige Reihenfolge zu bringen.

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Alte Schule: Mit Tusche und Aquarellfarbe erschließt Rolf Böhm seit über zwanzig Jahren die Sächsische Schweiz für Wanderer. Er ist einer der letzten Kartographen überhaupt, die ihre Orientierungswerke noch von Hand zeichnen.

Quelle: Susann Schädlich

Bad Schandau. Erst nach reiflicher Überlegung gibt er eine knappe Antwort: "Ich bin Karthograph, weil ich nichts anderes kann", sagt er nüchtern. Mit genauso viel Sorgfalt, wie er seine Worte wählt, führt Böhm seit 25 Jahren Tausende Wanderer durch die Sächsische Schweiz. Als einer der letzten Kartographen überhaupt zeichnet er seine Wanderkarten noch von Hand. Auf weißem Karton schattiert er mit brauner Tusche Hanglagen. In rötlicher Farbe empfindet Böhm jede noch so kleine Felsausbuchtung entlang der Wanderwege nach. Er nennt das Orientierungspunkte setzen. "Die Wanderer müssen sich zurechtfinden. Anhand eines Striches auf grünem Grund weiß ja niemand, wo er sich genau befindet", erklärt Böhm.

Kaum ein anderer hat die Sächsische Schweiz derart akribisch bis in den letzten Winkel studiert und ihre Wanderwege auf so kunstvolle Weise zu Papier gebracht - obwohl sie bereits seit über dreihundert Jahren benutzt werden. Wochenlang krakselt Böhm dafür mit seinen Feldbüchern durch das steinige Gelände, vermerkt jeden noch so unscheinbaren Weg, Gipfel oder Felsen. Das kostet Zeit. Während große Verlage neue Karten im wöchentlichen Rhythmus auf den Markt schleudern können, dauert es bei Böhm schon mehrere hundert Arbeitsstunden bis er überhaupt mit der Reinzeichnung einer Karte beginnen kann. "Meine Karten haben eben eine Seele", meint der Kartograph. So etwas entsteht nicht einfach über Nacht. Jedes Häuschen vermerkt er mit geduldiger Hand. In Serifenschrift und schwarzer Tusche verewigt er Ortsnamen wie "Affensteine" oder "Teufelsmauer" in mühevoller Kleinstarbeit auf seinen Orientierungswerken.

Die Idee, Karten von verwinkelten Landstrichen anzufertigen, ist in Rolf Böhm bereits im Kindesalter gewachsen. Zuerst zeichnete er Schatzkarten für spielerische Beutezüge mit den Freunden auf dem Schulhof, später brachte er das Straßenbahnnetz Dresdens zum Zeitvertreib regelmäßig zu Papier. "Irgendwie war dann immer klar, dass ich eine Ausbildung zum Kartographen machen werde", erinnert sich der 56-Jährige. Nach der Ausbildung brachte es Böhm über ein Studium an der Technischen Universität sogar bis zum Doktortitel. Auch während er zu DDR-Zeiten hauptberuflich als Programmierer und Entwicklungsingenieur arbeitete, ging er immer wieder nach dem Feierabend seiner eigentlichen Leidenschaft vom Kartenzeichnen nach. Als die Mauer fiel, kam für Böhm, wie für viele andere, auch die berufliche Wende. "Ingenieure brauchte damals niemand mehr. Nach und nach habe ich dann begonnen, mein Kartenstandbein weiter auszubauen", berichtet er. Inzwischen hat er etwa 30 verschiedene Gebiete der Sächsischen und Böhmischen Schweiz mit der Tusche für Wanderer erschlossen. Die Veröffentlichung seiner kleinen Meisterwerke erfolgt seit jeher im Eigenverlag. "Meinen Kindern habe ich von diesem Metier abgeraten, reich wird man als Karthograph nicht", gibt Böhm zu - wieder nach reiflicher Überlegung. Dennoch gingen die Geschäfte gut, wenn auch langsam.

Von der Idee bis zum fertigen Titel muss der Kartograph mindestens 1000 Stunden pro Karte investieren. Und auch wenn einige Schritte der analogen Kartographie mit so manch moderner Technik deutlich schneller erledigt wären, so schwört Böhm doch bis heute auf die Utensilien der alten Schule: Lineale, Zirkel, Tintenfässchen, Tuschestifte und Winkelmesser schmücken wie eh und je sein Arbeitszimmer. Grundsätzlich ist Böhm sowieso nicht der engste Freund modernster Technik: Smartphone und Tablet-PC sucht man hier, in einem abgelegenen Fachwerkhaus nahe der tschechischen Grenze vergeblich. Genau diese Liebe zum Detail und Böhms Hang zum Traditionellen scheinen das Rezept seines Erfolges zu sein: Innerhalb der Wander- und Kletterszene der sächsischen Schweiz genießen Böhms Karten Kultstatus. Über 500 Händler vertreiben die Karten in ganz Deutschland.

Noch bis zur Rente will Böhm die Sächsische Schweiz durchforsten und in Tusche und Aquarellfarben verewigen. Was danach mit seinem kleinen Unternehmen passiert, hat Böhm noch nicht geplant. Ein Nachfolger geschweige denn ob es überhaupt einen geben wird, steht bisher nicht fest. "Sehen sie Brecht oder Kafka, die haben auch keine Schriftsteller-Dynastie gegründet. Die haben ihre Bücher geschrieben und fertig. Da sehe ich mich dann doch irgendwie auch als Künstler", sagt Böhm mit einem verschmitzten Lächeln.

www.boehmwanderkarten.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.10.2014

Susann Schädlich

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