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Opfer-Biografien im zehnten Heft - Interview mit Sonnenstein-Gedenkstättenleiter Dr. Boris Böhm

Opfer-Biografien im zehnten Heft - Interview mit Sonnenstein-Gedenkstättenleiter Dr. Boris Böhm

Frage: Herr Böhm, das zehnte Sonnenstein-Heft beschäftigt sich mit zehn Biografien von Opfern der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein. Boris Böhm: Den Schwerpunkt haben wir auf Menschen gelegt, die aus der Region Sächsische Schweiz-Osterzgebirge sowie der Stadt Dresden stammten.

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Dr. Boris Böhm hält das neue Sonnenstein-Heft in der Hand. Gegen eine Spende kann es in der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein erworben werden.

Frage: Herr Böhm, das zehnte Sonnenstein-Heft beschäftigt sich mit zehn Biografien von Opfern der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein. Was waren das für Menschen?

Boris Böhm: Den Schwerpunkt haben wir auf Menschen gelegt, die aus der Region Sächsische Schweiz-Osterzgebirge sowie der Stadt Dresden stammten. Als das Denkmal der Grauen Busse 2010/11 in Pirna weilte, haben wir uns der Aufgabe gestellt, die Lebensläufe von Opfern aus der Umgebung zu erforschen. Sechs Beiträge widmen sich Menschen aus der Region, zwei Opfern aus Leipzig und dem Vogtland sowie zwei polnischen Auschwitzhäftlingen, die durch die Aktion 14f13 in Pirna den Tod gefunden haben.

In den Jahren 1940 bis 1941 ermordeten die Nationalsozialisten 13 720 vorwiegend psychisch kranke und geistig behinderte Menschen im Zuge der "Aktion T4", der nationalsozialistischen Krankenmorde. Können Sie kurz erklären, was die Aktion 14f13 war?

Das war eine gesonderte nationalsozialistische Massenmordaktion, die im Juni 1941 in der Tötungsanstalt Sonnenstein begann. Ihr fielen kranke und arbeitsunfähige KZ-Häftlinge zum Opfer. Sie stand nicht im unmittelbaren Kontext der NS-Krankenmorde. Man nutzte allerdings die Technologie und Kapazitäten der "Euthanasie"-Anstalten. Diese eigenständige Mordaktion fand zunächst nur in Pirna statt, später auch in den Tötungsanstalten Bernburg und Hartheim in Österreich.

Wer waren die Menschen, deren Lebensläufe Sie gemeinsam mit jungen Wissenschaftlern erforscht haben?

Uns war es besonders wichtig, dass wir das Leben von zwei Pirnaer Opfern nachzeichnen. Das eine ist ein behindertes Mädchen bzw. eine junge Frau aus Liebethal. Sie wurde nur 25 Jahre alt. Ich versuchte, ihr tragisches Schicksal durch verschiedene Institutionen der Krankenpflege und -betreuung zu verfolgen. Sie war langjährige Patientin hier in der Heil- und Pflegeanstalt. Später wurde sie in anderen Einrichtungen - in den 1930er Jahren kann man sagen - verwahrt. Sie starb 1940 als eine der ersten Patienten, die von Arnsdorf in die Tötungsanstalt gebracht wurden. Ich versuche in meinem Beitrag darzustellen, wie unterschiedlich man mit ihr als behindertem Kind umgegangen war. In den 1920er Jahren war sie eine Zeit lang im Katharinenhof in Großhennersdorf und wurde dort vorbildlich betreut. Gerade in der Zeit der Weimarer Republik wurde viel unternommen, den Menschen zu helfen.

Und wer ist der andere Pirnaer?

Es ist Fritz Schubert. Von ihm besitzen wir eine Fotografie sowie eine sehr kurze Biografie in dem den Opfern gewidmeten Raum in der Gedenkstätte. Uns hat es gereizt über den Fritz Schubert noch mehr herauszufinden. Da kam sehr Interessantes zutage. So war er zum Beispiel in den 1920er Jahren in einem Pirnaer Sportverein aktiv. Er hatte eine relativ normale Kindheit und Jugend hier in der Elbestadt verbracht. Viele Opfer waren Menschen wie Sie oder ich. Irgendwann sind sie krank geworden - wie zum Beispiel Schubert, bei dem 1927 eine Schizophrenie diagnostiziert wurde. Eine Erkrankung oder Behinderung gibt niemandem das Recht, weder dem Staat noch einer Gruppe, diesen Menschen das Recht auf Leben oder auf eine würdige Behandlung abzusprechen. Dies ist eines der Anliegen des Heftes.

Die Mordaktionen liegen rund 70 Jahre zurück. War es schwer Lebenszeugnisse zu finden?

Zu Beginn unserer Arbeit vor gut 20 Jahren haben wir nicht gewusst, dass es rund 5000 Krankenakten von Sonnensteiner Opfern im Bundesarchiv in Berlin gibt. Wahrscheinlich im übernächsten Jahr werden wir diese Unterlagen in digitalisierter Form in der Gedenkstätte haben. So wichtig es ist, in den Krankengeschichten viele Informationen über die Menschen zu finden, ist es dennoch eine sehr einseitige Sicht eines Arztes oder Pflegers. Deshalb versuchen wir, mit Angehörigen in Kontakt zu treten, die uns ihre Erinnerungen, Briefe, Zeugnisse aus der Schulzeit und ähnliche Dokumente geben.

Sie sagten, dass vor der NS-Zeit die Behinderten und psychisch Kranken vorbildlich gepflegt wurden. Nach 1933 wurden sie mehr oder weniger nur noch verwahrt und schließlich ermordet. Können Sie diesen Bruch erklären, das Personal in den Anstalten war doch fast dasselbe?

Das ist für uns nach wie vor eine ganz große Frage. Wir versuchen, in Unterlagen darauf eine Antwort zu finden. Leider können die Prozessakten keine liefern. Der Justiz ging es um die Ermittlung, wer hat sich wie woran beteiligt. Aber wie Menschen von einem Tag auf den anderen quasi einen Schalter umlegen konnten - den einen arbeiteten sie noch in einer Klinik und am nächsten führten sie Menschen in den Tötungsraum - ist mehr eine moralische Fragestellung, mit der wir uns weiter auseinandersetzen müssen.

Pirna. "Von diesem tragischen Schicksal wusste ich nichts" lautet der Titel des neuen Heftes der Schriftenreihe "Sonnenstein". 1998 rief das Kuratorium Gedenkstätte Sonnenstein die Reihe ins Leben. Das zehnte Heft widmet sich zehn Biografien von Opfern der NS-Tötungsanstalt. Gedenkstättenleiter Dr. Boris Böhm begab sich mit jungen Wissenschaftlern auf Spurensuche, um das Schicksal von Pirnaern und Menschen aus der Region nachzuzeichnen. Im DNN-Interview berichtet er über das Anliegen der Autoren und die bis heute schwierige Frage, wie die Taten auf dem Sonnenstein möglich waren.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.11.2012

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